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Erzeugungsstandards

Handel zeigt, wo der Hammer hängt

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 21.06.2022 - 10:45

Haltungskennzeichnung ist im Handel längst etabliert. Lidl hat als erster Großer nun 5xD eingeführt. Da hechelt die Politik meilenweit hinterher.

Ulrich Graf

Der letzte EU-Agrarrat vergangene Woche war wieder einmal eine Sternstunde europäischer Agrarpolitik. Es ging darum, ob für importierte Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel die gleichen Produktionsstandards wie in der EU gelten sollen. Wer in die EU Waren einführen will, hätte damit einen unmittelbaren Anreiz, die eigenen Produktionsstandards auf das EU-Niveau anzuheben. Umwelt und Beschäftigte in der Landwirtschaft könnten global davon profitieren und für die europäischen Bauern würde etwas mehr Chancengleichheit herrschen.

Wäre das an sich nicht eine tolle Entwicklung, für die man sich begeistern kann? Ein Blick auf den Agrarrat zeigt aber ein ganz anderes Bild. Sofort meldeten sich Bedenkenträger und Zauderer zu Wort. Dürfen wir das? Was sagt die Welthandelsorganisation dazu? Was hat das für Auswirkungen auf andere Wirtschaftsbereiche? Könnte es sein, dass andere Länder das nicht so toll finden?

Eigene Standards werden unterlaufen

Wenn politische Diskussionen in diesem Fahrwasser verlaufen, ist klar, da kommt selbst nach stundenlanger Diskussion nichts Tragfähiges zustande. Für Außenstehende stellt sich dann meist nur noch die Frage: Können sie nicht oder wollen sie nicht? Wobei häufig dann beides zutrifft.

Dabei scheint den Politikern der Realitätssinn so weit abhandengekommen zu sein, dass sie ihren riesigen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht mehr erkennen. Denn indem sie weiterhin ein Scheunentor offenhalten für Waren, die unter Umwelt- und Sozialdumping erzeugt werden, unterlaufen sie die eigenen Standards.

Haltungskennzeichnung ohne flankierende Maßnahmen

Die Beispiele für das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit lassen sich beliebig fortführen. Aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium gibt es seit kurzem einen Entwurf zur Haltungskennzeichnung von Schweinen. Er ähnelt dem Stufenmodell, das der Handel bereits vor Jahren eingeführt hat.

Das wäre nun nicht so schlimm, wenn das staatliche Label den Tierhalten einen gewissen Mehrwert bieten würde, beispielsweise einen wirtschaftlichen Weg in die Zukunft aufzeigen würde. Doch hier herrscht Fehlanzeige. Die Borchert-Kommission hatte dazu Vorarbeit geleistet und auch einen Förderrahmen umrissen. Von den dort genannten Fördervolumen ist das BMEL aber noch weit entfernt.

Wirtschaft agiert viel entschlossener - leider auch bei den gezahlten Preisen

Und noch ein Beispiel: Wofür steht eigentlich Farm to Fork, beziehungsweise frei übersetzt "vom Hof auf den Teller". Natürlich für die Herkunft. Aber was hat dieser Name mit der aktuellen Politik zu tun? Die frühere österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger hat stets darauf hingewiesen, dass die aktuelle EU-Agrarpolitik diesen Namen nicht verdient, weil sie der regionalen Erzeugung keinen ausreichenden Herkunftsnachweis liefert. Auch hier klafft wieder Anspruch und Wirklichkeit auseinander.

Ganz anders agiert hier der Lebensmitteleinzelhandel. Wenn der sagt, wir wollen 5xD - also Geburt, Aufzucht, Mast, Schlach­tung und Verarbeitung in Deutschland -, dann macht er das, wie das jüngste Beispiel von Lidl zeigt. Und der Handel versteht es auch, sein Vorgehen positiv darzustellen. Dafür gibt es dann schicke Marketingkampagnen.

Im Kontrast dazu erscheinen das Zögern und Zaudern der Politiker nur wie ein Fähnlein im Wind.

Leider legt der Lebensmitteleinzelhandel die gleiche Entschlossenheit wie beim Marketing auch bei der Preispolitik an den Tag. Das heißt, für die Produzenten bleibt meist nicht viel übrig. So werden die Erzeuger zwischen einer vor sich hin eiernden, sich auf das Ordnungsrecht versteifende Politik und einem knallhart kalkulierenden Lebensmittelhandel zerrieben. Wobei der Handel aufgrund seiner Dynamik die träge Politik wie einen Abklatsch aussehen lässt.