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Ernährungsstudie

Greenpeace: Gesunde Ernährung bedeutet 75 Prozent weniger Tiere

Auf Grundlage einer neuen Studie des Öko-Institus spricht sich die Umweltorganisation Greenpeace für eine Ernährungswende aus, die den Nutztierbestand in Deutschland um bis zu 75 Prozent reduzieren würde.
Johanna Michel
am Mittwoch, 07.09.2022 - 16:32

Eine neue Studie, die die Umweltorganisation Greenpeace in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Ergebnis: Würden die Deutschen sich anders ernähren, könnten bis zu 70 Millionen Menschen zusätzlich mit Lebensmitteln versorgt werden. Zum Szenario gehört auch, dass sich der Tierbestand um etwa 75 Prozent verringert.

Für Greenpeace hat das Öko-Institut in einer neuen Studie die Folgen einer anderen, als gesund eingestuften Ernährungsweise herausgearbeitet. In der Zusammenfassung der Studie zählt Greenpeace ausschließlich positive Auswirkungen auf.

Auch im um 75 Prozent reduzierten Tierbestand, der mit einer gesunden Ernährungsweise aller Menschen in Deutschland einhergehen würde, sieht die Organisation nur Vorteile.

Durch Ernährungswende würden 40 Prozent der Ackerfläche frei

Neben dem reduzierten Tierbestand nimmt die Studie an, dass auch der Konsum tierischer Lebensmittel in Deutschland zurückgeht. Dabei orientiert sich das Öko-Institut am Konzept „Planetary Health Diet (PHD)“ von der EAT Lancet Kommission. Im Bericht der Kommission geht es um Wege zu einer nachhaltigen und gesunden Ernährung bei einer steigenden Weltbevölkerung. Werden die Berechnungen der Kommission zugrunde gelegt, müssten die Deutschen ihren Konsum tierischer Lebensmittel um 75 Prozent verringern.

Dadurch würden nach Angaben des Öko-Instituts 40 Prozent der Ackerfläche frei, weil darauf keine Futtermittel mehr angebaut werden müssten. Politische Ziele, die zunächst zu einer Verknappung der verfügbaren Ackerfläche führen, seien hier bereits berücksichtigt. Dazu gehören: die Wiedervernässung der Moore von 80 Prozent der Fläche, Biodiversitätsflächen auf 10 Prozent des Acker- und Grünlands, 30 Prozent Ökolandbau.

Außerdem wurde eine Erhöhung der Selbstversorgungsgrade für Raps, Körnermais, Futterleguminosen, Hülsenfrüchte, Sojabohnen (jeweils 100 Prozent) und Gemüse (67 Prozent) angenommen. Hieraus ergebe sich ein zusätzlicher Düngebedarf von 1,2 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten.

Ressourcen für Welternährung oder CO2-Speicherung

Trotz Einbeziehung dieser Faktoren würden nach den Berechnungen des Öko-Instituts 40 Prozent der Ackerfläche für eine andere Nutzung zur Verfügung stehen. Wenn auf diesen Flächen Lebensmittel für den Export angebaut würden, könnten damit 70 Millionen Menschen ernährt werden. Würde die Flächen bewaldet werden, könnte eine Kohlenstoffsenke in Höhe von etwa 20,4 Mio. Tonnen CO2 innerhalb der nächsten 23 Jahre geschaffen werden, heißt es in der Studie.

Gleichzeitig ließen sich durch die Ernährungsumstellung 75 Prozent der Treibhausgase aus der Landwirtschaft einsparen. Insgesamt ist die Landwirtschaft für 13 Prozent des Treibhausgasausstoßes in Deutschland verantwortlich; von diesem Anteil seien 80 Prozent auf die Tierhaltung zurückzuführen.

Greenpeace betrachtet den Fleischkonsum als zu hoch

Aus Sicht von Greenpeace ist der derzeitige Pro-Kopf-Fleischkonsum in Deutschland viel zu hoch, weil er die Klimakrise verschärfe und der Gesundheit der Menschen schade. Die Deutschen müssten sich „so ernähren, wie es für sie und den Planeten gesund ist“. Eine Ernährungswende senke beispielsweise das Risiko für Diabetes, Darmkrebs und Herzinfarkte.

„Wir fordern von der Politik jetzt umfassende Maßnahmen, um das Ziel der Ernährungswende in den kommenden Jahren zu erreichen. Die offiziellen Ernährungsempfehlungen sind anzupassen“, sagt Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace. Die Tierbestände seien abzubauen und die Umweltkosten bei der Produktion von Milch und Fleisch einzuberechnen.

Was die extrem reduzierten Tierbestände für die Landwirtschaft bedeuten würden, spricht die Studie nur am Rande an. „Die oft zitierte Maxime von Qualität statt Quantität wird zwar erhebliche Auswirkungen auf die Wertschöpfung im ländlichen Raum und die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft haben, könnte aber auch gleichzeitig enorme Vorteile bringen“, heißt es im Fazit. Wie der Abbau der Tierhaltung sozial abgefedert werden könne, sei eine von mehreren ungeklärten Fragen, für die ein kurzfristiger Forschungs- und Klärungsbedarf bestehe.