Klimawandel

Green Deal verlagert Umweltschäden in andere Länder

Amazonas
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 04.11.2020 - 11:00

„Steigern Sie die Inlandsproduktion“, rät ein Wissenschaftlerteam den EU-Politikern. Das sei politisch zwar umstritten, aber trage zum Erhalt des Regenwaldes bei.

Der Green Deal der Europäischen Union könnte zu einem schlechten Geschäft für den Planeten werden, diese Auffassung vertreten Richard Fuchs, Calum Brown und Mark Rounsevell in einem Kommentar für die Wissenschaftszeitschrift Nature. Denn das Vorhaben könnte auf globaler Ebene genau das Gegenteil von dem bewirken, was es als offizielles Ziel für die Region proklamiert, nämlich das Klima zu retten.

EU-Importe gehen einher mit Umweltzerstörung in anderen Ländern

Mit dem Green Deal verfolgt Europa das ambitionierte Ziel, Ökologie und Ökonomie unter einen Hut zu bringen. Dahinter lauern aber Probleme, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Kommentar. So sei die EU stark von Agrarimporten abhängig. Nur China importiere mehr. Diese Importe würden jedoch aus Ländern mit weniger strengen Umweltgesetzen als in Europa stammen. Damit gelangen Lebensmittel auf den europäischen Markt, die mithilfe von Pflanzenschutzmitteln oder gentechnisch veränderten Organismen erzeugt wurden, die in der EU längst streng begrenzt oder verboten seien.

Das Nettoergebnis sei, dass die EU-Mitgliedstaaten Umweltschäden in andere Länder auslagern, während sie sich selbst zum Vorbild erklären.

Als konkretes Beispiel führen die Autoren an, dass in Europa die Wälder zwischen 1990 und 2014 um 13 Mio. ha zugenommen hätten, während in anderen Ländern rund 11 Mio. ha abgeholzt wurden, um Pflanzen anzubauen, die innerhalb der EU konsumiert wurden. Viele dieser Entwaldungen hätte in Regionen mit beispielloser Artenvielfalt und Heimat einiger der größten Kohlenstoffsenken der Welt stattgefunden, etwa in Brasilien und Indonesien.

Unterschiedliche Maßstäbe für Importe und Eigenerzeugung

EU-Export

Als ein Hauptproblem erachten die Wissenschaftler, dass zu den in der Farm-to-Fork -Strategie formulierten Ziele für die europäische Landwirtschaft keine gleichwertigen Anforderungen für den Außenhandel festgelegt wurden. Hier würde weiterhin ein Flickenteppich von Regeln, von denen einige obligatorisch und andere freiwillig sind, die Nachhaltigkeit der Agrarimporte in die EU regeln. Vieles sei nur unzureichend definiert und die Kontrolle über die Zollabteilungen unzureichend. Zum anderen seien EU-Handelsabkommen so lax formuliert, dass sich daraus nur wenig über die Qualität der Ware und den zu erfüllenden Umweltstandards bei der Erzeugung in den Ursprungsländern ableiten lässt.

Damit werden die europäischen Standards für die landwirtschaftliche Erzeugung unterlaufen. Viele Mittel und Anwendungen in Pflanzenschutz, Düngung und Gentechnik, die in Europa längst verboten sind, seien in Brasilien und anderen Lieferländern noch erlaubt. Die Autoren empfehlen deshalb, die Nachhaltigkeitsstandards für Importware und Eigenerzeugung zu harmonisieren und bei der Bewertung von Maßnahmen auf ihre globalen Auswirkungen zu achten.

In diesem Zusammenhang weisen die Autoren auch auf eine Schwäche des Pariser Klimaabkommens hin. Die Kohlenstoffbilanzierung decke nur Emissionen ab, die innerhalb eines Landes erzeugt werden. Jeder EU-Bürger „importiert“ derzeit aber rund 1 Tonne Kohlendioxid pro Jahr in Waren, die in die EU einreisen.

Eigenerzeugung erhöhen über eine nachhaltige Intensivierung

Und dann gibt es noch eine Empfehlung, die von wissenschaftlicher Seite schon wiederholt gegeben wurde (Artenschutz mit nachhaltig intensiver Landwirtschaft), die in den Köpfen vieler aber nicht angekommen ist oder sogar ins Gegenteil verkehrt wird, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Der Ratschlag lautet: Steigerung der Inlandsproduktion.

Nun sind die Autoren des Kommentars sich durchaus darüber bewusst, dass das eine politisch hochbrisante Botschaft ist und sofort jede Menge Kritik nach sich ziehen dürfte. Dennoch, so die Wissenschaftler, seien die Lebensmittelproduktionssysteme der EU hochtechnologisch und effizient. So sei zu erwarten, dass selbst Sojabohnen ohne genetische Veränderung in Europa mit weniger Dünger und auf weniger Land bei gleicher Produktionsmenge angebaut werden könnten. Die EU sei jedoch nicht in der Lage, ihren Bürgern die aktuellen Kompromisse zwischen Importen, Inlandsproduktion und Verbrauch zu erklären. Es fehle eine klare Zukunftsstrategie zur Minimierung der globalen Auswirkungen.

Und die Möglichkeiten seien noch nicht ausgeschöpft: „Unserer Ansicht nach sollte die EU Praktiken der „nachhaltigen Intensivierung“ einführen, bei denen neue Technologien zur Steigerung der Ernteerträge eingesetzt werden. Beispielsweise können Gen-Editing-Techniken (wie CRISPR-Cas) die essbare Masse, Höhe und Schädlingsresistenz von Pflanzen verbessern, ohne Gene einer anderen Art zu verwenden“, so die Wissenschaftler.

Kein Freibrief für die europäische Landwirtschaft

Die Autoren gehen auch darauf ein, dass die europäische Landwirtschaft an den gegenwärtigen Problemen ihren Anteil hat. So sei zum einen der Regenwald dezimiert worden, um Ölsaaten anzubauen, die dann in den Futtertrögen der europäischen Bauern landen. Zum anderen hätten Bauernvertreter und der Agrarhandel Einfluss auf die Ausformulierung der Handelsbedingungen genommen.

Dies erfolgt aber alles im Rechtsrahmen, den die EU zulässt. Und dieser wird sich im Rahmen des Green Deals nicht ändern. Dazu gehört die Legitimierung von 9 Mio. ha Land, hauptsächlich im brasilianischen Amazonasgebiet und Cerrado, das zwischen 1990 und 2008 abgeholzt wurde. Dies wurde getan, um die steigende EU-Nachfrage nach Ölsaaten für Tierfutter und Biodiesel zu bedienen, die sich zwischen 1986 und 2016 verdoppelte. Nun haben geopolitische Spannungen in diesem Punkt zwar für völlig neue Handelsströme gesorgt – China kauft wegen dem Handelskrieg mit den USA nun Brasilien leer, dafür kommt der Bedarf an europäischem Importsoja aus Nordamerika – die Gefahren der Entwaldung im Amazonasgebiet bleiben aber nach wie vor bestehen. Nur dass nun eben aus China die Sojanachfrage kommt  und nicht mehr aus Europa. Bei Kaffee bleibt Brasilien nach wie vor Hauptliederlad für Deutschland.

Rapsanbau als Alternative zu Sojaimporten

Aber selbst bei dem Thema Sojaimporte schwenkt der Kommentar nicht in die üblichen Vorwürfe gegen die Bauern ab, sondern denkt weiter: Er stellt dem Importbedarf die sehr geringe Produktionsmenge an Ölsaaten in der EU gegenüber. Raps, Sonnenblumen und Oliven machen nur 7 % aller Kulturen aus.

Wenn man das in Zusammenhang mit der jetzt geäußerten Kritik des Bundesumweltministeriums am Rapsanbau setzt, so wirft das ein Schlaglicht darauf, warum vieles sich nicht zum Besseren wendet. Zu viele deutsche Politiker verstricken sich im ideologischen Kleinkrieg, anstatt sich an globalen Zusammenhängen zu orientieren. Sie reproduzieren zu viele Worthülsen, die ihnen von anderen in den Mund gelegt scheinen und lassen eigene nachhaltige Standpunkte vermissen.

Zu den Autoren des Nature-Artikels

Richard Fuchs ist leitender Wissenschaftler am Institut für Meteorologie und Klimaforschung, Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie, Garmisch-Partenkirchen.

Calum Brown ist leitender Wissenschaftler am Institut für Meteorologie und Klimaforschung, Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU), Karlsruher Institut für Technologie, Garmisch-Partenkirchen.

Mark Rounsevell ist Professor für Landnutzungsänderungen in der Helmholtz-Rekrutierungsinitiative am IMK-IFU und am Institut für Geoökologie (IFGG) des Karlsruher Instituts für Technologie in Garmisch-Partenkirchen sowie Professor für ländliche Wirtschaft und Nachhaltigkeit an der School of Geosciences der University of Edinburgh, UK.