Debatte

Gentechnik: Unterschiedliche Meinungen im EU-Umweltausschuss

Josef Koch
Josef Koch
am Dienstag, 11.05.2021 - 15:50

Die Debatte im EU-Umweltausschuss zu Genschere und Co. zeigt, wie zerrissen Experten und Politik bei dem Thema sind.

Qaim-Matin-Uni Göttingen

Die grüne Gentechnik zeige Erfolge, wie etwa mit Bt-Baumwolle, bei der Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern, betonte Matin Qaim bei einer Anhörung im Umweltausschuss des Europaparlaments am Montag (10.5.). Der Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen möchte auch neuen gentechnischen Züchtungstechniken (NGT) eine Chance geben. Nach seiner Ansicht hält die grüne Gentechnik ihre Versprechen.

GV-Mais- und GV-Sojasorten erhöhen die Einkommen der Landwirte, hielt Qaim fest. Insektenresistente GV-Sorten hätten zudem den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bisher schon deutlich vermindert und das ohne besondere Risiken für die Gesundheit und die Umwelt. GVO gebe es jetzt seit 30 Jahren, und sie wiesen nicht die von den Kritikern behaupteten Nachteile auf.
 

Genschere gegen Monopolbildung

Der Agrarökonom ist davon überzeugt, dass die zentralen Herausforderungen der Landwirtschaft in der Welt mithilfe der neuen gentechnischen Züchtungsmethoden besser bewältigt werden können. NGT-Methoden seien verhältnismäßig günstig und deshalb auch für kleinere Zuchtbetriebe leicht anwendbar. Die Genschere wirke daher der Monopolbildung auf dem Saatgutmarkt entgegen, betonte Qaim.

Durch CRISPR/Cas würden schließlich im Gegensatz zur alten Gentechnik unerwünschte Fehlmutationen vermieden. Um NGT in der EU zum Durchbruch zu verhelfen, dürften keine Ängste geschürt werden. Da sich die Produkte der neuen Gentechnik nicht von traditionell gezüchteten Sorten unterscheiden, sei auch keine besondere Kennzeichnung notwendig.

Mortler: Strenger Rahmen für neue Techniken nötig

Mortler Marlene-CSU-EU-Parlament

Nach Meinung der bayerischen EU-Abgeordneten Marlene Mortler (CSU) braucht es keine ideologischen Grabenkämpfe über gentechnisch veränderte Pflanzen, sondern eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung und eine politische Debatte im Sinne einer modernen und nachhaltigen Landwirtschaft.
"Um Pflanzen gegen verschiedene Krankheiten und zunehmend extreme Wetterlagen resistenter zu machen, werden neue Züchtungsmethoden notwendig", ist sie überzeugt.

Mortler hält es daher für dringend geboten, den neuen Technologien in einem streng definierten Rahmen eine Chance zu geben und die Möglichkeiten zu prüfen und zu nutzen. Dabei dürfe man mögliche Risiken nicht ignorieren, sondern sollte diese offensiv angehen. "Die Welt um uns herum schläft nicht", warnte Mortler.

Zulassung strikt regeln

"Wir können nicht sagen, was ein leichter und was ein schwerer Eingriff in die DNA ist", erklärte Margret Engelhard vom deutschen Bundesamt für Naturschutz bei der Anhörung im EU-Parlament. Ein einziger Eingriff könne schwere Nebenwirkungen mit sich bringen oder 20 Veränderungen könnten auch folgenlos bleiben.

Da man zu wenig über die Funktionsweise des Erbgutes wisse, könne der Gesetzgeber die gentechnischen Eingriffe kaum nach Risiken einteilen, zumindest nicht mit einer trennscharfen Definition, meinte Engelhard. Sie wolle NGT deshalb nicht verbieten. Aber strenge Regeln für die Zulassung und die Kennzeichnung seien unbedingt notwendig, um die Risiken im Auge zu behalten.

 

Mitgliedstaaten sollen letztes Wort beim Saatgut haben

Bernhuber-Alexander-EU-Abgeordneter-ÖVP

Der Österreicher Alexander Bernhuber, Umweltsprecher der ÖVP im EU-Parlament, forderte wie Mortler einen faktenbasierten Dialog auf Basis wissenschaftlicher und fortschrittlicher Erkenntnisse. Allerdings macht er deutlich: "In Österreich lehnen wir Gentechnik konsequent ab, und das ist gut so. Die letzte Entscheidung, welches Saatgut zugelassen wird, muss immer bei den Mitgliedstaaten bleiben.

Iris Strutzmann von der Arbeiterkammer Wien verwies auf eine Umfrage, die deutlich zeige, dass eine große Mehrheit der Konsumenten GV-Lebensmittel ablehne und auch für neue genetische Methoden eine Kennzeichnung fordere. Deshalb müssten NGT-Produkte unbedingt der heutigen Freisetzungsrichtlinie für GVO mit ihren strengen Auflagen unterliegen, so Strutzmann.

 

Unbeabsichtigte Mutationen möglich

Ebenfalls für eine Kennzeichnung forderte Michael Antoniou vom King's College London. Zwar unterscheide sich das Endprodukt nicht mehr von anderen Erzeugnissen, aber es komme auf den Prozess an, bei dem die Genschere eingesetzt wurde, erklärte Antoniou. Allein der Umbau der DNA könne Nebenwirkungen mit sich bringen, selbst wenn keine fremden Stoffe hinzugefügt wurden, ist der Wissenschafter überzeugt. Die Gene in der Erbinformation wirkten schließlich wie ein Netz, das durch den Umbau gestört werde, so Antoniou.

Ob diese Störung des Zusammenwirkens durch die Genschere zu unbeabsichtigten Mutationen führe, sei heute noch unbekannt. Es sei nicht auszuschließen, dass CRISPR/Cas toxische oder allergieauslösenden Pflanzen hervorbringt, meinte der Wissenschafter.

Mit Material von aiz