Nachhaltigkeit

Forscher wollen Genschere und Ökolandbau zusammenbringen

Josef Koch
Josef Koch
am Dienstag, 20.04.2021 - 17:41

Ein Forscherteam plädiert dafür, neue Züchtungstechniken im Ökolandbau zuzulassen. Nur dann bringe das mehr Nachhaltigkeit.

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In einer Studie sprechen sich Wissenschaftler dafür aus, neue biotechnologische Verfahren, wie die Gen-Schere, mit dem Ökolandbau zu kombinieren. Damit würde sich das Dilemma von niedrigeren Erträgen im Ökolandbau und stärker nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion lösen lassen.

Den Ökolandbau unter den gegenwärtigen rechtlichen Bedingungen in der EU auszudehnen, bedeute zwangsläufig nicht mehr Nachhaltigkeit, weil dies zu einer Ausdehnung der Ackerfläche anderswo in der Welt führe, ist Koautor Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen, überzeugt.  Dadurch könnten leicht Umweltkosten entstehen, die den lokalen Umweltnutzen in der EU übersteigen, denn die Umwandlung von Naturflächen in Ackerland ist laut Qaim einer der größten Treiber des globalen Klimawandels und Artenschwunds.

Mit Gen-Schere nachhaltiger

Unkrautstriegel-Ökolandbau

Die Gen-Schere bietet nach Auffassung der Wissenschaftler einzigartige Möglichkeiten, die Produktion von Nahrungsmitteln nachhaltiger zu gestalten und die Qualität, aber auch die Sicherheit von Nahrungsmitteln weiter zu verbessern.

„Mit Hilfe der Gen-Schere können robustere Pflanzen entwickelt werden, die auch mit weniger Dünger hohe Erträge liefern“, sagt Ko-Autor Stephan Clemens, Professor für Pflanzenphysiologie an der Universität Bayreuth. Darüber hinaus lassen sich pilzresistente Pflanzen züchten, die im Ökolandbau ohne kupferhaltige Pflanzenschutzmittel gedeihen. Kupfer ist für Boden- und Wassertiere besonders giftig, der Einsatz zur Pilzbekämpfung ist im Ökolandbau aber wegen des bisherigen Mangels an nicht-chemischen Alternativen dennoch erlaubt.  „Ökolandbau und Gen-Schere ergänzen sich also sehr gut und könnten kombiniert zu mehr lokaler und globaler Nachhaltigkeit beitragen“, sagt Qaim.

Änderung des EU-Rechts nötig

Für den Einsatz von Gentechnik im Ökolandbau bedarf es allerdings rechtlicher Änderungen auf EU-Ebene. Zahlreiche Anwendungen neuer biotechnologischer Verfahren werden durch das geltende EU-Recht stark beschränkt oder sogar verboten. Dies gilt insbesondere für die Genom-Editierung, bei der die sogenannte Gen-Schere zum Einsatz kommt. „Hierfür gibt es aktuell sicher keine politische Mehrheit, weil die Gentechnik von vielen sehr kritisch gesehen wird“, sagt Kai Purnhagen, Erstautor der Studie und Professor für Lebensmittelrecht an der Universität Bayreuth.

„Aber vielleicht kann durch verbesserte Kommunikation schrittweise eine größere gesellschaftliche Offenheit zumindest für die Gen-Schere entstehen. Denn diese Form der Gentechnik ermöglicht sehr gezielte Züchtungen, ohne dass fremde Gene in die Pflanzen eingeschleust werden müssen. In diesem Punkt könnten sich viele der weitverbreiteten Gentechnikängste ausräumen lassen.“

Die EU-Kommission hat im Mai 2020 die „Farm-to-Fork“-Strategie vorgelegt, die Teil des „European Green Deal“ ist. Das Ziel ist es, die europäische Landwirtschaft und das Ernährungssystem nachhaltiger zu gestalten. Insbesondere soll der Anteil des ökologischen Landbaus an der Agrarwirtschaft innerhalb der EU bis 2030 auf 25 Prozent erhöht werden.

Originalveröffentlichung:

Purnhagen, K.P., S. Clemens, D. Eriksson, L.O. Fresco, J. Tosun, M. Qaim, R.G.F. Visser, A.P.M. Weber, J.H.H. Wesseler, D. Zilberman (2021). Europe’s Farm-to-Fork Strategy and Its Commitment to Biotechnology and Organic Farming: Conflicting or Complementary Goals? Trends in Plant Science, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1360138521000716