Fleischwirtschaft

Fleischbranche: Grüne wollen Fehlentwicklungen korrigieren

Josef Koch
Josef Koch
am Donnerstag, 07.01.2021 - 07:56

Der neue Fleischatlas liefert Zündstoff für den Umbau der Tierhaltung und Strukturen in der Fleischwirtschaft.

Strohschweine

Die Grünen nehmen die gestrige Veröffentlichung des Fleischatlas 2021 zum Anlass, um eine Änderung der die Strukturen in der Fleischwirtschaft zu fordern. Friedrich Ostendorff, Agrarsprecher der Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen hält die Konzentration der Schlachtindustrie auf wenige Regionen für eine Fehlentwicklung. "Unsere Vision sind vielfältige, dezentrale und in einem fairen Wettbewerb stehende Schlachthofstrukturen sowie nachhaltige bäuerliche Betriebe", so Ostendorff.

Strukturen, die große Unternehmen der Branche bevorteilen, sollten zugunsten kleiner und mittelständischer Unternehmen verändert werden, verlangt der Agrarsprecher. Kleine und mittelständische Schlachthöfe entstehen bei den amtlichen Fleischbeschaukosten sowie den Energie- und Entsorgungskosten erhebliche Wettbewerbsnachteile gegenüber den Industrieschlachthöfen. "Die Politik muss hier dringend eingreifen und die handwerklichen Betriebe entlasten. Andernfalls haben wir in zehn Jahren nur noch Megaschlachthöfe," prognostiziert der Bundestagsabgeordnete.

Zudem moniert er den seiner Meinung nach "viel zu hohen Antibiotikaeinsatz vor allem bei Mastkälbern, Masthühnern und Mastputen. Hier seien die Verbrauchsmengen in den vergangenen Jahren kaum gesunken.

 

Naturschützer wollen Umbau der Tierhaltung

Die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordern von der deutschen und europäischen Politik einen grundlegenden Umbau der Fleischproduktion und gezielte Strategien für einen Verbrauchsrückgang um mindestens die Hälfte. Der gestern (6.1.) veröffentlichte "Fleischatlas 2021" zeige, dass die weltweite Fleischproduktion ohne Kurswechsel bis 2028 um 40 Millionen auf rund 360 Millionen Tonnen im Jahr steigen könnte. Eine derartige Zunahme bei einem weiterhin zu hohen Pro-Kopf-Konsum in den Industrieländern verschärfe die Auswirkungen der Klimakrise für viele Menschen und weltweit, denn schon jetzt verursache die Tierhaltung 14,5 Prozent der globalen Emissionen. Zudem befördere die Fleischproduktion den globalen Artenschwund massiv, so die Naturschützer.

Eine repräsentative Umfrage im "Fleischatlas 2021" zeigt laut Bund Naturschutz, dass mehr als 70 Prozent der 15 bis 29-Jährigen die Fleischproduktion in Deutschland in ihrer jetzigen Form ablehnten. Vierzig Prozent der Befragten geben an, wenig Fleisch zu essen und 13 Prozent ernähren sich ausschließlich vegetarisch oder vegan – doppelt so viele wie im Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung. Begründet ist die kritische Haltung nicht zuletzt durch die deutliche Ablehnung der Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, die mehr als 70 Prozent der Befragten als abstoßend empfinden.

Jüngere Generation will mehr für Fleisch bezahlen

"Die industrielle Fleischproduktion ist nicht nur für prekäre Arbeitsbedingungen verantwortlich, sondern vertreibt Menschen von ihrem Land, befeuert Waldrodungen, Pestizideinsätze und Biodiversitätsverluste – und ist einer der wesentlichen Treiber der Klimakrise", meint Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.

Alleine die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren mit 578 Millionen Tonnen so viel klimaschädliche Gase wie der größte Ölmulti (Exxon) der Welt und erheblich mehr als Frankreich oder Großbritannien." Laut Fleischatlas seien über 70 Prozent der jüngeren Generation bereit, mehr für Fleisch zu zahlen, wenn die Produktionsbedingungen sich grundlegend ändern", so Unmüßig. Eine Mehrheit von über 80 Prozent sehe vor allem die Politik in der Pflicht, endlich für eine bessere Tierhaltung und eine klimafreundliche Ernährung einzutreten."

Nach Auffassung von Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND dürfen hier keine weiteren bäuerlichen Betriebe verloren gehen, wenn der Umbau der Tierhaltung gelingen soll. Seit 2010 ist die Tierzahl pro Betrieb bei Mastschweinen von 398 auf 653 gestiegen. Bedenklich sei, dass die Zahlen bei Schweinen besonders in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen gestiegen sind – dort, wo bereits überdurchschnittlich viele Tiere gehalten werden. Damit werde die Verschmutzung des Grundwassers in diesen Regionen weiter verschärft, so Bandt.