Klimaschutz

Farm to Fork: Schlechtes Geschäft für Klima und Bauern

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Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 24.11.2021 - 17:10

Die EU-Strategie führt zur Produktionsverlagerung in Drittländer und zu Einkommensverlusten für europäische Bauern. Eine wissenschaftliche Studie deckt die Größenordnung auf.

Farm to Fork sieht ein umfangreiches Reduktionspaket für die Landwirtschaft vor. Bauern sollen in Zukunft weniger düngen, den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln einschränken und mehr Flächen aus der Produktion nehmen. Dadurch will Brüssel einen Beitrag zum Klima- und Artenschutz leisten. Aber tritt diese Wirkung überhaupt ein? Und wie sind die Effekte einzuschätzen?

Eine Antwort auf diese Fragen gibt eine Folgenabschätzung von Wissenschaftlern der Uni Wageningen. Das interessante an dieser Studie ist, dass sie neben den Auswirkungen auf die Erträge und das landwirtschaftliche Einkommen auch einen Blick auf die Handelsströme und die indirekte Landnutzungsänderung wirft.

Produktion an Agrarrohstoffen in Europa schrumpft

Nahrungsmittelversorgung

Einige Folgen von Farm to Fork liegen offen auf der Hand. Eine Reduktion der Bewirtschaftungsintensität wird zu Ertragsrückgängen führen. Hinzu kommen Erzeugungsverluste durch nicht produktive Flächen. In der Summe führt das zu einem deutlichen Rückgang der Produktionsmengen an Agrarrohstoffen.

Die Wissenschaftler der Uni Wageningen haben sich bei ihrer Folgenabschätzung auf die Pflanzenproduktion konzentriert. Dazu betrachteten sie vier Szenarien mit unterschiedlich starken Eingriffen in die Landwirtschaft. Um ein überschaubares Spektrum zu erhalten, haben sie die Auswirkungen auf eine ausgewählte Anzahl von einjährigen Kulturen (Weizen, Raps, Mais, Zuckerrüben und Tomaten) und mehrjährigen Kulturen (Äpfel, Oliven, Weintrauben, Zitrusfrüchte und Hopfen) ermittelt.

Die wichtigsten Ergebnisse lauten:

  • Die Umsetzung der Strategien „Farm to Fork“ und „Biologische Vielfalt“ wird zu einem Rückgang des Produktionsvolumens pro Kultur von durchschnittlich 10 bis 20 % führen.
  • Bei einigen Kulturen wie Äpfeln kann das Produktionsvolumen um bis zu 30 % sinken.
  • Die Produktionsmenge von mehrjährigen Kulturen wird stärker zurückgehen als die von einjährigen Kulturen.

Einfuhren verdoppeln sich

Flächenbedarf

Eine verminderte europäische Eigenerzeugung verändert die Handelsströme. Die EU-Ausfuhren werden zurückgehen und die EU-Einfuhren werden steigen. Die Studie ermittelt diesbezüglich, dass das Volumen der Einfuhren sich verdoppeln könnte. Um aus den sich ändernden Produktionsmengen einen Flächenbezug herzustellen, haben sich die Wissenschaftler der Uni Wageningen der indirekte Landnutzungsänderung bedient. Der englische Begriff dazu lautet „indirect land use change“ (Iluc). Das ist die zusätzliche Fläche, die anderswo in der Welt benötigt wird, um die geringere Produktionsmenge in der EU auszugleichen.

Bei dieser Umrechnung von fehlenden Produktionsmengen in einen entsprechenden Flächenbedarf kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Europäische Union in Zukunft zusätzliche 2,5 Mio. ha in Drittländer für den Eigenkonsum beanspruchen wird. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was der Begriff Farm to Fork nahelegt – nämlich, dass Erzeugung und Konsum näher zusammenrücken. Stattdessen wird die Distanz zwischen Erzeuger und Verbraucher für ein großes Marktsegment deutlich zunehmen.

Exporte gehen um 5,4 Mio. ha zurück

Regenwald

Außerdem wird die Erzeugung von 5,4 Mio. ha, die bislang in Europa stattfand und zur Welternährung beitrug, nun in Drittländern stattfinden.

Addiert (7,9 Mio. ha) ist das annähernd die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche (LF) Deutschlands (16,6 Mio. ha). Das ist eine Größenordnung, die in etwa der Summe an Regenwaldrodung in den Jahren 2019 und 2020 entspricht.

Anders als bei der Erzeugung, legt Farm to Fork für den Konsum keinen festen Ordnungsrahmen fest, mit dem es den Verbraucher eine Verhaltensänderung aufzwingt oder zumindest nahelegt. Beim Konsum liefert Farm to Fork damit keine Zahlengrundlagen für eine Neubewertung. Bei den Berechnungen legt die Studie aus den Niederlanden deshalb einen unveränderten EU-Bedarf an Lebens- und Futtermitteln zugrunde.

Produktionswert sinkt um 140 Mrd. €

Wert landwirtschaftlicher Erzeugung

Steuert Europa in Zukunft weniger zur Welternährung bei und importiert es verstärkt Nahrungsmitteln aus Drittländern, wird es zudem auf den globalen Agrarmärkten zu einer Verknappung an Rohstoffen und damit einhergehend zu Preissteigerungen kommen. Damit ergibt sich auch noch eine soziale Komponente. Vor allem ärmere Länder werden darunter leiden.

Was für den globalen Markt gilt, trifft auch auf Europa zu. Der Rückgang der Erträge verkleinert die Gesamtproduktion und führt zu einem Rückgang des Angebots auf dem Heimatmarkt, was zu einem Anstieg der Rohstoffpreise führt. Besonders stark werden diese bei Dauerkulturen wie Wein, Oliven und Hopfen ausfallen.

Das Einkommen der Landwirte, so die Aussage der Studie, wird dennoch leiden, da die Einnahmen tendenziell sinken und das schneller als die Kosten. Für die Landwirte bedeutet das einen Verlust von 140 Milliarden Euro. Im Vergleich: Die jährlichen EU-Ausgleichszahlungen betragen 58 Milliarden Euro.

Wie Farm to Fork und Mercosur-Abkommen zusammenhängen

Erntemenge Getreide

Zur Nahrungserzeugung bedarf es Fläche. Sie bemisst sich aus der Bevölkerungszahl und dem Bedarf pro Person. Zum Konsum sieht Farm to Fork keinen vergleichbaren festen Ordnungsrahmen wie für die Erzeugung vor. Das vom Hof auf den Tisch-Konzept der Kommission geht damit sehr intensiv auf die landwirtschaftliche Erzeugung, aber nur sehr vage auf das Verbraucherverhalten ein. Für eine kalkulatorische Betrachtung von zu erwartenden Veränderungen beim Konsum bietet sie keine belastbaren Zahlen. Deshalb ist zunächst von einem gleichbleibenden Verbrauch auszugehen.

Die Verbrauchsmenge liefert die Vorgabe für die erforderliche Produktionsmenge. Damit ist diese auch als konstant zu betrachten. Heruntergebrochen auf einen simplen Dreisatz lässt sie sich wie folgt mit dem Flächenbedarf in Verbindung setzen:

Produktionsmenge = Ertrag x Fläche bzw. Fläche = Produktionsmenge/Ertrag

Anbaufläche Getreide

Dazu eine überschlägige Berechnung: Die Getreideerntemenge betrug 2020 in Europa 286,5 Mio. t, die Anbaufläche 52,5 Mio. ha. Daraus errechnet sich ein Durchschnittsertrag von 5,5 t/ha. Sinkt der Ertrag um 10 Prozent lautet der neue Wert 49,5 t/ha. Um den gleichen Ertrag wie vorher zu erzielen, wären dann 57,9 Mio. ha Anbaufläche erforderlich, also über 5 Mio. ha mehr. Hinzu kommt dann noch ein weiterer Faktor. Das Ertragsniveau in Europa ist überdurchschnittlich hoch, bei Weichweizen in etwa bei 6 t/ha. Der globale Schnitt liegt bei 3,5 t/ha. Wandert die Anbaufläche aus Europa hinaus, ist das Ertragsniveau im Drittland anzusetzen. Bei 6,0 t/ha geteilt durch 3,5 t/ha ergibt sich ein Faktor von 1,7 mit dem der Flächenbedarf zu multiplizieren ist.

Bleibt die Produktionsmenge konstant und sinkt der Ertrag, so steigt also der Flächenbedarf. Die Wissenschaftler der Uni Wageningen haben deutlich sinkende Erträge ermittelt. In Folge muss eine erheblich größere Fläche bestellt werden, um wieder die gleiche Produktionsmenge zu erhalten, beziehungsweise um eine gleichbleibende Anzahl von Menschen ernähren zu können.

Südamerika als Lebensmittellieferant Europas

Getreideexport

Nun steht Fläche nur begrenzt zur Verfügung. Ihr produktiver Anteil soll sogar noch sinken in der EU. Damit ist klar: Drittländer müssen in Zukunft deutlich mehr Fläche zur Ernährung beisteuern. Aber wo soll diese Mehrproduktion stattfinden? Die EU hat schon einen festen Plan, zumindest für den Teil, den sie in Zukunft aus Fremdmärkten beziehen will: Es ist das Mercosur-Abkommen. Farm to Fork und Mercosur bilden damit eine feste Einheit. Wer das eine haben will, muss das andere wohl in Kauf nehmen, denn ohne Mercosur, also dem Handelsabkommen mit südamerikanischen Ländern, kann das Defizit an Produktionsfläche nicht aufgelöst werden.

Der größte Flächenstaat in Südamerika ist Brasilien. Und er hat viel zu bieten: Mais, Getreide, Südfrüchte, Gemüse - also die komplette landwirtschaftliche Palette. Die Exportschlager sind Kaffee, Soja und Rindfleisch.

Gleichzeitig ist in Brasilien aber einer der größten Brandherde - im wahrsten Sinne des Wortes - für Klima und Artenvielfalt angesiedelt. Seit Jahrzehnten steht der Staat wegen der Ausdehnung seiner Agrarflächen auf Kosten des Regenwaldes und der daran angrenzenden Savanne in der Kritik. Die Belastungen für Klima und Artenvielfalt sind immens.

Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow ist dieses Jahr zwar ein Pakt gegen die Entwaldung geschlossen worden, dem auch Brasilien angehört, er wird aber erst bis 2030 greifen.

Genau dort soll nun die Kompensation der europäischen Verluste stattfinden? Das macht ökologisch nun überhaupt keinen Sinn. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung der Produktionsverlagerung kann eigentlich nur ein sattes Minus ergeben.

Selbst Zertifikate nehmen nicht den Druck vom Regenwald

Rindfleischexport

Über das Problem Brandrodung ist sich natürlich auch die EU-Kommission bewusst. Sie hat deshalb einen Vorschlag zum Schutz des Waldes vorgelegt. Richten sollen es aber andere. Sie will die Importeure in die Pflicht nehmen. Nur noch bis zum Stichtag 31. Dezember 2020 sollen laut EU-Vorschlag landwirtschaftliche Flächen auf Rodungsland ein Zertifikat für den Export in die EU erhalten. Der Vorschlag umfasst den Handel mit Soja, Rindfleisch, Palmöl, Kaffee und Kakao, von welchen vor allem Druck auf die Abholzung von Wäldern ausgeht. Anhand von Satellitenbildern soll überprüft werden, dass die angeführten Erzeugnisse für den Import in die EU nur von Flächen stammen, die bereits im Dezember 2020 eine Weide, eine Ölpalmenplantage oder ein Sojafeld waren. Die EU-Kommission wird die Anbauländer in verschiedene Risikokategorien einstufen mit unterschiedlich weit gehenden Sorgfaltspflichten für Importeure.

Aber: Alles was bis zum Stichtag passiert ist, würde dadurch zum einen legalisiert. Zum anderen gilt, wer das Prinzip der indirekten Landnutzungsänderung begriffen hat, weiß, dass all die vorgeschlagenen Restriktionen nur wieder einen großen Verschiebebahnhof in Gang setzen werden. Belegen für den europäischen Markt bestimmte Früchte Flächen auf unkritischen Standorten, weicht der Anbau für China oder die eigene Bevölkerung eben auf kritische Standorte aus. Die EU-Vorgaben sind damit nichts anderes als ein Feigenblatt, das das zugrundeliegende Problem nicht aus der Welt schafft. Das nennt sich dann wohl Greenwashing.

Folgen von Farm to Fork: Szenarien der Uni Wageningen

Pflanzenschutz und Düngung
Ökolandbau
Düngung
Pflanzenschutz