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Green Deal

Farm to Fork: Grüne haben Zweifel an Studien

Josef koch
Josef Koch
am Donnerstag, 27.01.2022 - 09:02

Wissenschaftler stellten im EU-Agrarausschuss Studien zu den möglichen Folgen vor.

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Bei der jüngsten Diskussion im EU-Agrarausschuss sorgten die Green-Deal-Studien am Dienstag (25.1.) für unterschiedliche Reaktionen der Abgeordneten. Vor allem die Grünen-Fraktion zweifelt an zwei Studien.

Nach Auffassung der grünen Sarah Wiener vertraten zwei der vier geladenen Experten in ihren Studien jeweils die Interessen der Agrarindustrie (Uni Wageningen) und der Vereinigten Staaten, um den Green Deal systematisch zu diffamieren. Ihrer Auffassung nach ist der Green Deal keine Gefahr für Landwirte, wenn auch die Verbraucher ihr Einkaufsverhalten ändern. Das belegten die vorgestellten Studien vom Institute for European Environmental Policy (IEEP) und des Institut du Développement Durable et des Relations Internationales (IDDRI).

Laut der niederländischen Studie der Universität Wageningen werden die Erträge für Weizen, Raps und Zuckerrüben in Deutschland um 15% sinken. Noch stärker werden sich eine Halbierung von gefährlichen Pflanzenschutzmitteln und 20% weniger Düngemittel auf Spezialkulturen auswirken, berichtete Roel Jongeneel von der Uni Wageningen. Für Hopfen in Deutschland errechneten die Wissenschaftler einen Ertragsrückgang von 26% bis 2030. Folglich werde auch weniger Weizen exportiert und Raps verstärkt importiert. Jongeneel warnte vor zunehmenden Agrarimporten durch die geplanten Klima- und Umweltauflagen in der EU. Wenn die Drittländer nicht nachziehen, habe die Farm to Fork-Strategie kaum positive Effekte auf Umwelt und Klima in der Welt, sind die Wissenschaftler überzeugt.

Konservative begrüßen Frankreichs Ansatz

"Klimaschutz ja, aber nicht auf dem Rücken der Bauern und vor allem nicht auf Kosten unserer bäuerlichen Familienbetriebe", sagten die Europaabgeordneten des Österreichischen Bauernbundes, Simone Schmiedtbauer und Alexander Bernhuber. "Mehrere Studien zeigen die schwerwiegenden Folgen für uns Landwirte und die Konsumenten. Dieses Belastungspaket wird von uns in dieser Form nicht unterstützt, es sind dringend Nachbesserungen notwendig", stellten die beiden EU-Abgeordneten klar.
 
Ziel der EU-Bemühungen müsse das Durchsetzen eines regionalen Ansatzes in der Landwirtschaft sein. "Wenn Tiere von der Aufzucht bis zur Schlachtung in der Heimat sind, ist das dem Tierwohl am zuträglichsten. Wir wollen die Produktion vor Ort stärken, um gesunde, frische Lebensmittel so lokal wie möglich anzubieten", erklärte Schmiedtbauer, Agrarsprecherin der ÖVP im Europaparlament.

Zudem begrüßen Schmiedtbauer und Bernhuber ausdrücklich, dass Frankreich als derzeitiges EU-Vorsitzland unter dem Schlagwort "Spiegelklauseln" in Handelsabkommen eine langjährige Forderung aufgreift, dass Importe von Agrarprodukten dieselben Standards erfüllen müssen wie europäische Erzeugnisse, wenn es um Produktionsbedingungen, Tier- und Umweltschutz geht. "Das oberste Ziel des Green Deals muss die Versorgungssicherheit sein, und wir werden der Kommission genau auf die Finger schauen", so Bernhuber.

Müller fordert weitere Folgenabschätzungen

Müller-Ulrike-MdEP

"Weniger Produktion, höhere Preise, mehr Importe, die Aussagen der Studie sind himmelschreiend", empörte sich die EU-Abgeordnete Mazaly Aguilar von den Konservativen aus Spanien. Noch könne verhindert werden, dass aus den Strategien der EU-Kommission Gesetze werden. Die Folgenabschätzung aus Wageningen sei dazu ein notweniger Weckruf, meinte Aguilar.

Herbert Dorfmann (Christdemokrat aus Italien) wies auf Möglichkeiten hin, auch ohne Ertragseinbußen auf Agrarchemikalien zu verzichten. Dorfmann sieht Lösungen unter anderem durch neue Züchtungsmethoden und durch die Präzisionslandwirtschaft.

Ulrike Müller von den Liberalen aus Deutschland zweifelt am Erfolg der Kommissionsstrategien, wenn Ertragseinbußen und verstärkte Importe die Folge sind. "Lediglich eine Verschiebung der Produktion bringt nichts", erklärte Müller und forderte weitere Folgenabschätzungen ein. 

Kritik von Sozialdemokraten und Grünen

Dagegen hält die Kroatin Biljana Borzan von den Sozialdemokraten die Studie aus Wageningen für wenig aussagekräftig. Schließlich sei es keine Option, einfach so weiterzumachen. Die Wissenschaftler müssten stattdessen drohende Ertragseinbußen durch den Klimawandel in ihre Rechnung aufnehmen, betonte Borzan, um ein vollständiges Bild abzugeben und Alternativen zur heutigen Lage zu entwickeln.

Ablehnend reagiert auch Tilly Metz von den Grünen aus Luxemburg auf die Berechnungen aus den Niederlanden. "Seit der Veröffentlichung der Kommissionsstrategien macht die Agrarlobby apokalyptische Prophezeiungen", meinte Metz. Einer Folgenabschätzung, die der Europäische Verband der Pflanzenzüchter (CropLife International) in Auftrag gegeben habe, werde sie deshalb misstrauen. Die Abgeordnete der Grünen wünscht sich eine größere Unabhängigkeit der Landwirte von ihren Vorlieferanten, was ihre Gewinnspanne und ihre Einkommen verbessern würde.

Mit Material von aiz
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