Farm to Fork führt zu Produktionsminus

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am Donnerstag, 16.09.2021 - 11:53

Wissenschafter der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Leitung: Prof. Christian Henning) haben in einer Studie im Auftrag von Agrarverbänden die ökonomischen und ökologischen Auswirkungen des Green Deals, also der von der EU-Kommission vorgeschlagenen "Farm to Fork"-Strategie (F2F), auf die Agrarwirtschaft untersucht. Sie kommen zu einem vernichtenden Ergebnis.

Deutlicher Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in der EU

"Die Maßnahmenvorschläge führen bei vollständiger Umsetzung zu einem erheblichen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in der EU. Bei Getreide, Ölsaaten und Rindfleisch beträgt die Reduktion jeweils rund 20%. Damit gehen Preissteigerungen für Agrarprodukte in der
EU einher, darunter fast 60% für Rindfleisch, 50% für Schweinefleisch, über 30% für Rohmilch sowie zwischen 10 und 20% für Obst und Gemüse, Ölsaaten und Getreide", fasst Prof. Henning das Ergebnis zusammen.

Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln verringert

Das Maßnahmenpaket steigere zwar die Ökosystemleistungen in der EU, insbesondere durch die Reduktion der Stickstoffbilanz um gut 50%, erziele jedoch den angestrebten positiven Effekt auf das Klima weltweit noch nicht. "Die prognostizierten Treibhausgas (THG) -Einsparungen durch eine Verringerung der EU-Agrarproduktion werden durch eine Erhöhung der Emissionen der Landwirtschaft außerhalb der EU sowie durch Landnutzungswandel in der EU vollständig zunichte gemacht", gibt der Studienleiter zu bedenken. Die EU würde vom Nettoexporteur von Getreide und Rindfleisch zum Nettoimporteur mutieren und damit ihre Eigenversorgungs-Hoheit schwächen.

Konsumenten-Wohlfahrtsverlust von 70 Mrd. € erwartet

"Die Umsetzung der Farm-to-Fork-Strategie führt zu entsprechenden gesamtgesellschaftlichen Anpassungskosten, die sich auf rund 42 Mrd. € belaufen werden. Aufgrund der starken Preiseffekte, die voraussichtlich zentral auf der Verbraucherseite anfallen werden, ergibt sich ein
Konsumenten-Wohlfahrtsverlust von 70 Mrd. €, das sind im Durchschnitt 157 € pro Kopf", heißt es in der Studie. Allein in Deutschland fielen Kosten von 13,4 Mrd. € auf der Verbraucherseite an.

"Grundsätzlich birgt die 'Farm to Fork'-Strategie Potenzial für Landwirte und Gesellschaft. Allerdings ist hierfür eine innovative agrarpolitische Umsetzung erforderlich. Die derzeit geplanten pauschalen F2F-Vorgaben sind hier nur bedingt effizient. Angestrebte positive Effekte von einzelnen Maßnahmen bei Ökosystemleistungen werden durch negative Auswirkungen konterkariert, was auch einigen Zielen des Green Deals entgegensteht", resümiert Prof. Henning.

Kritische Reaktionen

Die Reaktionen von Agrarverbänden auf die neue Studie fallen sehr kritisch aus: "Wir teilen die Ziele der EU-Kommission zum Arten-, Gewässer- und Klimaschutz. Ebenso wichtig ist aber die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln. Aus Branchensicht ist es derzeit kaum vorstellbar, dass die Nahrungsmittelproduktion der EU schnell durch andere Länder ersetzt werden kann", stellt Ludwig Striewe vom deutschen Bundesverband Agrarhandel fest. Deshalb seien Augenmaß und Kompromisse gefragt, um die Selbstversorgung bei Lebensmitteln mit Arten-, Gewässer- und Klimaschutz in Einklang zu bringen.

"Die Studie schürt unsere Zweifel an den in der 'Farm to Fork'-Strategie formulierten Einzelmaßnahmen. Aus unserer Sicht ist kaum vorstellbar, dass höhere Preise und ein reduziertes Angebot an heimischem Obst und Gemüse die Verbraucher animieren, sich
ausgewogener zu ernähren", erklärt Henning Ehlers, Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Raiffeisenverband. Er verweist auch auf massive Einschnitte für die vor- und nachgelagerten Sektoren: "Viele Betriebe werden das nicht verkraften."

"Es liegt im ureigenen Interesse aller Landwirte, die Umwelt und das Klima zu schützen und sicherzustellen, dass auch die nachfolgenden Generationen die Betriebe fortführen und die Nachfrage nach heimischen Lebensmitteln decken können. Die hohen EU-Standards in der
heimischen Erzeugung dürfen aber nicht durch Importe unterlaufen werden", fordert Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes. Hier bestehe eine offene Flanke der F2F-Strategie.

Mit Material von kam/aiz