Klimaschutz

Farm to Fork: Brüssel unterdrückt Debatte

Brasilien
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 20.09.2021 - 13:00

Studien belegen, dass Farm to Fork nur zur Verlagerung des CO2-Ausstoßes führt. Europas Bauern vermissen nun eine Debatte über den Nutzen von Farm to Fork.

"Wie viele Studien über die Auswirkungen der Farm to Fork-Strategie werden noch benötigt, bevor in Brüssel eine echte Debatte beginnt?" Diese Frage wirft der Verband der europäischen Bauern, Copa, auf.

Letzte Woche wurde von der Universität Kiel eine neue Studie über die möglichen Folgen der Umsetzung der Farm to Fork-Strategie (F2F) veröffentlicht. Sie weist auf ein zu erwartendes massives "Carbon-Leakage", also die Verlagerung des CO2-Ausstosses ins Ausland hin, was die Autoren zu der Aussage veranlasst, dass die F2F-Strategie nicht wirksam gegen den Klimawandel ist.

Alles Studien verweisen in eine Richtung

Mehr als ein Jahr, nachdem die Kommission ihre F2F-Strategie auf den Weg gebracht hat, stehe eine offizielle Studie noch immer aus, bemängelt die Copa. Das habe verschiedene Universitäten und Interessengruppen dazu veranlasst hat, die potenziellen Auswirkungen der Strategie selbst zu bewerten. In den letzten Wochen würden sich die Studien häufen, die auf ähnliche Trends hinweisen.

Wie alle Studien [2] gehe auch dieser neue Bericht davon aus, dass die F2F-Strategie zu einem erheblichen Rückgang der Produktion führen würde. Die Autoren gehen von einem Rückgang von -20 % bei Rindfleisch, -6,3 % bei Milch sowie von -21,4 % bzw. -20 % bei Getreide und Ölsaaten in der gesamten EU aus.

Wie alle früheren Studien rechnen die Autoren mit erheblichen Preissteigerungen. Die stärksten Preiseffekte könnten bei Rindfleisch mit einem Anstieg von +58% beobachtet werden, gefolgt von Schweinefleisch mit einem Anstieg von +48% und Rohmilch mit einem ungefähren Anstieg von +36%. Die Preissteigerungen bei den pflanzlichen Erzeugnissen schwanken zwischen +15 % für Obst und Gemüse, +18 % für Ölsaaten und +12,5 % für Getreide.

In Bezug auf den Handel seien die Schlussfolgerung der Christian-Albrechts-Universität ebenfalls glasklar: Wenn alle F2F-Maßnahmen gleichzeitig umgesetzt werden, würde sich die Nettoexportposition der EU bei Getreide und Rindfleisch in eine Nettoimportposition verwandeln.

Verlagerung der Produktion in Drittländer

Wie die JRC-Studie geht auch dieser neue Bericht von einer Verringerung der Treibhausgasemissionen in der Größenordnung von -29 % des Treibhauspotenzials der EU-Landwirtschaft aus. Die Autoren sind jedoch der Ansicht, dass die Strategie aus klimatischer Sicht nicht wirksam sein wird.

Einerseits gehen die Autoren davon aus, dass die Strategie zu einer Verringerung der CO2-Speicherung im LULUCF-Sektor in der EU um 50 Millionen Tonnen CO2eq führen wird, während die Verlagerung unserer Produktion in Drittländer zu zusätzlichen THG-Emissionen von 54,3 Millionen Tonnen CO2eq führen würde. Diese beiden Mechanismen zusammengenommen würden die erhoffte Wirkung der EU-Strategie auf die effektive Verringerung der landwirtschaftlichen Emissionen zunichte machen.

Die Schlussfolgerung der Forscher sollte nach Ansicht der Copa ein Weckruf für die europäischen Entscheidungsträger sein. Als Reaktion erklärte Christiane Lambert, Präsidentin von Copa: "Die Europäische Kommission oder das Europäische Parlament können diese Veröffentlichungen und die damit verbundenen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen nicht ignorieren. Wir können einen kontraproduktiven zielorientierten Ansatz der F2F nicht akzeptieren. Wir waren diese Woche erstaunt darüber, dass die Landwirtschaft in der Rede zur Lage der Union nicht einmal erwähnt wurde. Die Kommission muss einen echten Dialog mit den Landwirten aufnehmen und an konkreten Lösungen arbeiten."  

[1] https://grain-club.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Farm_to_fork_Studie_Executive_Summary_EN.pdf (executive summary - EN)

https://bit.ly/3hgdDJJ (Full study - DE)

[2] https://hffa-research.com/wp-content/uploads/2021/05/HFFA-Research-The-socio-economic-and-environmental-values-of-plant-breeding-in-the-EU.pdf

https://www.fas.usda.gov/newsroom/economic-and-food-security-impacts-eu-farm-fork-strategy

https://www.reuters.com/article/eu-grain-environment-idCNL5N2O54XD

https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC121368