EU-Agrarpolitik

Farm-to-Fork: Wo Brüssel nachjustieren muss

Josef Koch
Josef Koch
am Dienstag, 19.01.2021 - 16:52

Das Bäuerinnenforum des Landfrauenverbands zeigte die Stärken und Schwächen der EU-Strategie deutlich auf.

Bentkämper-Petra-dlv-Präsidentin

Die Farm-to-Fork-Strategie bietet nach Auffassung von Magdalena Zelder, Landwirtin und Existenzgründerin mit Direktvermarktung, klare Chancen. Allerdings seien auch viele Fragen offen, so Zelder auf dem ersten digitalen BäuerinnenForum des Deutschen LandFrauenverbands am vergangenen Samstag (16.1.). Als "gelungene Premiere" bezeichnete Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes (dlv) das erste digitale BäuerinnenForum in der Geschichte des Verbandes. Bei der Veranstaltung im Vorfeld der Grünen Woche waren rund 240 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik, dem dlv und anderen Verbänden zugeschaltet. 

An erster Stelle steht nach Zelders Meinung die Sicherstellung von Breitband für den ländlichen Raum als Voraussetzung für moderne Landwirtschaft. Hinsichtlich konkreter Forderungen der Farm-to-Fork-Strategie und ambitionierter Ziele zum Antibiotikaeinsatz sagt Magdalena Zelder: „Ich muss aber nach guter fachlicher Praxis meinen Tieren einen guten Gesundheitsstatus ermöglichen.“ Der Forderung im Strategiepapier nach mehr Biolandbau stehe Zelder offen gegenüber. Sie sehe aber klar das Problem, dass die Abnahme der dann erzeugten Produkte nicht geregelt sei und die Märkte dafür fehlten. Zudem vermisse sie Aussagen zur finanziellen Ausgestaltung der Strategie, die Landwirtinnen und Landwirten die nötige Planungssicherheit im Umbauprozess ermöglicht. „Naturschutz, Umweltschutz und Landwirtschaft“, so Magdalena Zelder, „müssen mehr miteinander arbeiten, nicht gegeneinander, denn wir haben dieselben Ziele.“

Alle tragen Verantwortung

Direktvermarktung-Schilder

Einigkeit bestehe darin, so fasste Juliane Vees, 1. Vizepräsidentin des Deutschen LandFrauenverbands die Diskussion beim BäuerinnenForum zusammen, dass alle miteinander eine große Verantwortung dafür trügen, das Klima zu schützen. „Bäuerinnen und Bauern brauchen aber umsetzbare Ziele, die zwingend auch honoriert werden müssen. Nachhaltigkeit als zentrale Forderung muss für die Ökologie gelten, aber ebenso für die Ökonomie sowie die soziale und gesellschaftliche Betrachtung.“

Mit Nachdruck verwies Juliane Vees darauf, dass die gesamte Lebensmittelkette sowie die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Verantwortung stehen, an den entsprechenden Parametern zu arbeiten. Hier müsse die EU aus Sicht der Diskutanten nachjustieren. Bezüglich der Auswirkungen auf die Praxis formulierte Vees: „Eine Folgenabschätzung im Vorfeld ist unabdingbar, nur so sind landwirtschaftliche Betriebe bereit, ihre Strukturen anzupassen und noch stärker klimatechnisch auszurichten". Planungssicherheit, wissenschaftliche Begleitung sowie Innovation seien zentrale Elemente, damit die gesamte Lebensmittelkette – vom Acker bis zum Teller – ihre Chancen in der Farm-to-Fork-Strategie erkennen.

Detaillierte Ziele für Lebensmittelhandel fehlen

Der nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser und dem brandenburgischen Landwirtschafts- und Umweltminister Axel Vogel fehlen in der Strategie detaillierte Ziele, die die verarbeitende Industrie und den Lebensmittelhandel in seiner Verantwortung adressieren und verpflichtende Maßnahmen einfordern.

Darüber hinaus ist laut Bernhard Osterburg, Thünen-Institut, derzeit unklar, wie die unterschiedliche Ausgangssituation der EU-Mitgliedsstaaten in diesem Prozess bewertet werde, klimaneutraler und umweltfreundlicher zu produzieren. Ebenso sei bisher nicht geregelt, ob bereits erreichte Reduktionserfolge , zum Beispiel im Pflanzen- und Umweltschutz im Prozess einbezogen würden.

Welche Einkommenschancen sich künftig aus dem CO2-Handel ergeben, zeigte Peter R. Müller, Geschäftsführer von Bayer CropScience, auf. Er sieht die Industrie als Partner für Effizienz, digitale Technologien und künstliche Intelligenz. Zudem zeigte er Ansätze für einen künftigen CO2-Handel auf, die Einkommenschancen bieten könnten.

„Die Farm-to-Fork-Strategie der Europäischen Union ist ein wirklich komplexes Thema, dem wir LandFrauen uns stellen müssen. Umso erfreulicher ist die große Resonanz und diskussionsfreudige Auseinandersetzung mit der Strategie und unseren fachkompetenten Gästen beim BäuerinnenForum“, so Petra Bentkämper.

Neben einem wissenschaftlichen und einem politischen Input wurde die Frage debattiert, wie der Green New Deal und im Besonderen die Farm-to-Fork-Strategie gelingen kann. Fokussiert war die Diskussion vor allem hinsichtlich des angekündigten Zieles, die gesamte Lebensmittelkette von der Landwirtschaft über die Lebensmittelindustrie und den Handel bis hin zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu betrachten.