Klimaschutz

Farm-to-Fork: Belastung fürs Weltklima

Landwirtschaft
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Dienstag, 17.11.2020 - 19:38

Eine sinkende Eigenerzeugung erhöht die Nachfrage Europas auf den Weltagrarmärkten. Klassische Lieferländer, wie Brasilien, werden in diese Lücke stoßen und ihre Agrarflächen ausdehnen, mit all den negativen Folgen für Klima und Biodiversität.

Getreideanbau

„Die EU-Agrarpolitik bietet leider nicht die richtigen Antworten auf die großen globalen Herausforderungen“, sagte Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen, gegenüber dem Science Media Center. Er stützt sich dabei auf eine Arbeit von Wissenschaftlern um Michael Clark von der University of Oxford, veröffentlicht in der Zeitschrift Spektrum.

In der Studie setzten sich die Forscher sehr kritisch mit der Nahrungsmittelproduktion auseinander und weisen auf große Gefahren für das Klima hin. Besonders viele Treibhausgase entstehen, wenn Wälder für Acker- und Weideflächen gerodet werden, sowie bei der Produktion und beim Einsatz von Düngemitteln. Aber auch der Transport von Lebensmitteln, für den jede Menge fossile Brennstoffe verbrannt werden müssen, leistet einen großen Beitrag. Alles was diese Mechanismen fördert, sollte unterbleiben.

Letztendlich kommt das Wissenschaftlerteam zu der Schlussfolgerung, dass nur durch gleichzeitige Veränderungen sowohl im Konsum wie in der Produktion die Klimaziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreicht werden könnten.

Zunächst wirkt alles stimmig

Was aber stört die Wissenschaftler an Farm-to-Fork? An sich kann die EU-Strategie auf den ersten Blick eine logische Argumentation aufweisen. Flächen aus der Produktion zu nehmen sowie den Pflanzenschutz und die Düngung zu reduzieren, bedeutet, den CO2-Ausstoß/ha Agrarfläche zurückzufahren. Damit kommt die Europäische Union ihrem Ziel näher, die Freisetzung von Treibhausgasen in den Mitgliedsländern zu mindern.

Im Kern entspricht dies auch den Vorgaben des Pariser Klimaabkommens. In ihm haben sich die Unterzeichner verpflichtet, ihre nationalen Treibhausgasbilanzen zu verbessern.

Soweit, so gut? Eigentlich nicht. Denn sobald man die nationale Brille absetzt, kommt alles ins Wanken - selbst die Ziele des Pariser Übereinkommens. Denn dessen Maßgabe ist, den Treibhausgasausstoß zu mindern und nicht, die Emmissionen nur territorial zu verlagern.

Beim Blick über den Tellerrand hinaus kippt die Bilanz

Dass Farm-to-Fork in wissenschaftlichen Kreisen nun eher Beklemmung als Begeisterung auslöst, hat eine ganze Reihe von Gründen. Die Experten betrachten den theoretischen Ansatz im doppelten Sinne als zu eng gefasst. So nimmt Farm-to-Fork zum einen nur die Produktionsseite in die Pflicht. Das hält das Team um Clark für zu wenig, denn gerade über das Konsumverhalten ließen sich schnelle und nachhaltige Erfolge erzielen. Einkauf und Lagerung von Lebensmittel so zu gestalten, dass nichts mehr weggeworfen werden muss, ließe sich von heute auf morgen umsetzen. Und die Ernährung stärker pflanzenbasiert zu gestalten, wäre ebenfalls ohne großes politisches Brimborium in kurzer Zeit möglich. Über die Lebensmittelkette würden diese Effekte sich dann auch auf die Erzeugung auswirken.

Konsum/Produktion von Nahrungsmitteln und deren Klimawirkung
Merkmal Berücksichtigung
in Farm-to-Fork
Agrarproduktion  
Flächenbedarf, Auswirkungen durch Ex- und Intensivierung
Standorteignung
Landnutzungsänderungen
THG*-Ausstoß pro Flächeneinheit
Konsumverhalten  
Eigenbedarf an Lebensmitteln
Ernährungsweise
Lebensmittelverschwendung
Lebensmittelkette  
Transportwege
Verluste in der Kette
Bevölkerungsentwicklung  
Bevölkerungswachstum
Steigender Konsumstandard
Hungerprävention
THG = Treibhausgasausstoß, ✖ = nicht berücksichtigt, ✔ = berücksichtigt  

Farm-to-Fork erfüllt nicht die Kritierien einer Klimastrategie. Eine deutliche Schwachstelle ist der rein eindimensionale Ansatz über die Nutzungsintensität. Es werden weder Gesamtflächenbedarf und damit die Gefahr von Flächennutzungsänderungen noch der Konsum sowie die Bevölkerungsentwicklung oder Transportwege berücksichtigt - das sind an sich alles Kernelemente einer nachhaltigen Klimastrategie.

Zu viel Kirchturmpolitik, zu wenig Weitsicht

Transport

Zum anderen, so die Kritik der Experten, ist Farm-to-Fork zu sehr durch Kirchturmpolitik geprägt, weil es nur die Auswirkungen auf das eigene Territorium berücksichtigt, der Blick fürs Große und Ganze fehlt. An diesem Punkt setzen Forscher vom Karlsruher Institut für Technologie an. Richard Fuchs, Calum Brown und Mark Rounsevell, Experten für Geoökologie, kommen dabei in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift Spektrum klar auf den Punkt: „Unterm Strich lagern die EU-Mitgliedstaaten also Umweltschäden in andere Länder aus, während sie gleichzeitig die Lorbeeren für die grüne Politik im eigenen Land einheimsen“.

So berücksichtige Farm-to-Fork nicht, was es an globalen Warenströmen auslöst, wenn es die Eigenproduktion senkt, der Bedarf aber gleichbleibt. Der Warnhinweise der Wissenschaftler lautet: „Der Import von Millionen Tonnen Getreide und Fleisch pro Jahr untergräbt die landwirtschaftlichen Standards in der Europäischen Union und zerstört tropische Wälder.“

Dieser eine Satz hat es in sich. So enthält er zum einen die Feststellung, dass Europa den Bauern in ihrer Erzeugung sehr strenge Vorgaben macht, bei Importen dann aber sehr lax verfährt. So sei der Zoll nicht in der Lage zu überprüfen, nach welchen Standards Importware erzeugt werde. Verstöße gegen eigene EU-Vorgaben, sofern sie denn für Importware überhaupt existieren, würden dadurch in Kauf genommen. Zum anderen, so  lautet die Kritik der Wissenschaft, dass Farm-to-Fork nur zu einer Verlagerung der Produktion führt solange nicht das eigene Konsumverhalten in den strategischen Ansatz einfließt. Folge sind steigende Importe.

Sinkende Erzeugung, steigende Importe

Einfuhren

Die Verlagerung der Produktion erklärt sich aus den Ertragsauswirkungen von Farm-to-Fork. Sie sind enorm. Aus der Produktion genommene Flächen tragen zu Null zur Ernährung bei. Die Umstellung von konventioneller auf Ökoerzeugung bringt in etwa eine Halbierung der Erträge mit sich. So beziffert der Agrarpolitische Bericht der Bundesregierung 2019 den Weizenertrag im Ökolandbau auf 38,7 dt/ha, bei konventionellen Betrieben auf 75,5 dt/ha für das Wirtschaftsjahr 2017/2018. Der Verzicht an Pflanzenschutz, immerhin rund 50 % bis 2030, und Düngung, dürfte ein Übriges bewirken. Nachdem der Konsum innerhalb der EU gleich bleibt, die Erträge aber sinken, ist die Kompensation nur über eine Flächenausdehnung möglich. In Europa ist diese ausgeschlossen. Also werden fehlende Produktmengen über den Import ausgeglichen werden.

Eine Pufferwirkung könnte aus einer heimischen Überproduktion hervorgehen. Die hat die Europäische Union aber nicht. Es tauchen zwar immer wieder Grafiken und Statistiken mit hohen Selbstversorgungsgraden auf, dabei handelt es sich aber um sektorale Betrachtungen. Dem stehen dann Sektoren mit geringer Eigenerzeugung gegenüber, wie Kaffee, exotische Früchte oder pflanzliche Eiweißträger.

Unterm Strich ist die EU ein Nettoimportland für Nahrungsmittel, zumindest wenn man die Mengenströme betrachtet. Dass die Europäische Union in der in Euro gemessenen Außenhandelsbilanz ein Plus verbucht, beruht darauf, dass sie Agrarrohstoffe billig importiert, verarbeitet und teuer exportiert. Wer Kakao zum Spottpreis kauft und Schokolade teuer exportiert, kann im Nahrungssektor Profit machen, ohne die Agrarrohstoffe selbst zu erzeugen.

Mit Farm-to-Fork erhalten Landnutzungsänderungen Auftrieb

Vergleich

Damit stellt sich die Frage: Woher werden die steigenden Importe kommen? Gewehr bei Fuß stehen die weltgrößten Nettoagrarexporteure Brasilien und Argentinien. Ihr Potenzial, eine steigende Nachfrage auf den Weltmärkten zu bedienen, liegt in ihren großen, bisher nicht agrarisch genutzten Landflächen. Insofern stellt sich auch die Frage, ob es reiner Zufall ist, dass Farm-to-Fork und das Mercosur-Abkommen nahezu zeitgleich in Kraft treten sollten?

Aus ökologischer Sicht ist das aber das größte Desaster schlechthin, wenn die Schwellenländer für harte Devisen ihre Urwälder abholzen, ihre Feuchtgebiete trockenlegen und ihre Savannen abfackeln. Die Wissenschaft bezeichnet diesen Vorgang mit dem im deutschen etwas sperrigen Begriff "Landnutzungsänderung". Die aus ihr resultierenden Folgen sind weitaus dramatischer als aus der Fortnutzung bereits kultivierter Flächen. Sehr wichtig ist dabei, das Wort "Änderung" zu brücksichtigen. Wer zwischen alten Kulturflächen und durch ein Nutzungänderung neu hinzugekommenen Gebieten nicht differenziert, betreibt aus ökologischer Sicht eine katastrophale Gleichmacherei.

Was die Wissenschaft vorschlägt

Die aufgeführten Studien setzen auf einen ganz anderen Maßnahmenmix:

  • Konsumverhalten ändern, Umstieg auf eine vor allem pflanzenbasierte Ernährung
  • Verluste der Lebensmittelkette und Lebensmittelabfälle mindern
  • Effiziente Agrarproduktion durch den bedarfsgerechten Einsatz von Düngemitteln
  • Ertragssteigerungen unter anderem mit Hilfe von Gentechnik

Damit stehen die Ratschläge mitunter deutlich im Widerspruch zu dem was Farm-to-Fork vorschlägt. Die Handschrift der Wissenschaft ist klar: Landnutzungsänderungen wenn irgend möglich zu vermeiden. Dazu kann eine intensive Produktion auf etablierten Standorten durchaus beitragen. Die Studie „Bending the curve of the biodiversity loss“ hat dazu den Begriff einer „nachhaltig intensiven Landwirtschaft“ eingeführt und sieht in ihr einen wichtigen Baustein, um gegen die Klimakrise anzukämpfen und die Ernährung zu sichern.

Von Farm-to-Fork heraufbeschworenes Szenario erkennen und umlenken

Brasilien

Klimaschutz hat viel mit Mathematik zu tun. Letztendlich geht es darum, verschiedene Szenarien durchzurechnen und die günstigste Variante zu finden, beziehungsweise die mit den tiefroten Zahlen zu vermeiden. Dabei wird am Ende der Gleichung nicht immer eine Null stehen. Unter Umständen kann es Sinn machen, an einem Ort den Ausstoß von ein paar Kilo CO2 zu akzeptieren, um ihn andernorts in Tonnen zu vermeiden. Wer eine Null-Bilanz propagiert, ohne die Ernährungsfrage geklärt zu haben, bewegt sich in einer rein hypothetischen Sphäre. Es lassen sich dann zwar ellenlange akademische Diskussionen führen, sie vergeuden aber nur Zeit und Energie.

Das Szenario, das sich durch Farm-to-Fork ergibt, lautet: Die landwirtschaftliche Erzeugung in Europa sinkt, die Bevölkerungszahl bleibt konstant, eine Änderung des Konsumverhaltens ist nicht implementiert, eine Überproduktion als Puffer gibt es nicht. Also muss der Import steigen. Europa wird durch Farm-to-Fork folglich verstärkt Agrarflächen in anderen Ländern für den eigenen Konsum in Beschlag nehmen.

Als Produktionsorte für den europäischen Konsum kommen flächenstarke Länder mit halbwegs ertragsstabilen Voraussetzungen in Frage. Dazu zählen die zwei größten Nettoagrarexporteure Brasilien und Argentinien. Der Preis dafür sind Waldrodungen, Trockenlegung von Feuchtgebieten und lange Transportwege. Damit tritt genau das ein, wovor Michael Clark und seine Team von der University of Oxford warnen.

Durch die falsche Weichenstellung, nämlich die Produktion zu verlagern, fällt der Schaden durch die agrarische Flächennutzung deutlich höher aus, als wie wenn man sie in Europa belassen hätte. Das Vermaledeite an der Situation ist nun, dass die Vorwürfe zu den Umweltschäden die Bauern als Ganzes treffen werden, also auch die europäischen, obwohl denen das Werkzeug aus der Hand genommen wurde. Die Verursacher der Misere werden im Nachhinein genauso wie jetzt kolportieren "die Bauern sind schuld".