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Ernährungssicherheit

„Die EU frisst die Welt“: Diese Thesen stecken im neuen WWF-Bericht

wwf-bericht
Johanna Michel
am Dienstag, 31.05.2022 - 07:24

Obwohl die EU der weltweit größte Exporteur von Agrargütern ist, trägt sie nichts zur Ernährung der Weltbevölkerung bei. Zu diesem Ergebnis kommt der neue Bericht der Umweltschutzorganisation WWF. Europas Exporte sollen die ungleiche Verteilung von Nahrungsmitteln sogar noch weiter zuspitzen.

Im Bericht ist es eine Rechnung über ein- und ausgeführte Kalorien und Proteine, aus der der WWF schlussfolgert: Die EU versorgt andere Märkte nicht, sondern sie entzieht ihnen 11 Prozent der Kalorien und 26 Prozent der Proteine. Daran ändere auch die Rolle der EU als weltweit größter Exporteur und drittgrößter Importeur von Agrargütern nichts.

Nach Angaben des WWF-Reports liegt der Fehler im System nämlich an der Art der importierten und exportierten Agrarerzeugnisse. Während die EU Rohprodukte zum geringeren Wert einkaufe, bringe sie im Gegenzug vor allem höherwertige verarbeitete Produkte auf den Markt, was der weltweiten Ernährungssicherung nicht diene. WWF-Ernährungsexpertin Tanja Dräger erklärt dazu: „Wir importieren Kakao und exportieren Schokolade, wir importieren Futtersoja und exportieren Fleisch und Milchprodukte. […] In vielen Ländern der Erde brauchen die Menschen Korn, nicht Corned Beef und Chardonnay. Derzeit sind wir der teure Supermarkt, nicht die Kornkammer der Welt.“

WWF: Forderungen nach mehr Flächen für Getreide sind jedoch falsch

Die Umweltschutzorganisation fordert „eine entschlossene Nachhaltigkeitswende“ – einerseits für die Landwirtschaft, andererseits auch für die Ernährungsweise der EU-Bürger. Dieses Ziel könne durch den europäischen Rechtsrahmen mit dem Green Deal und der Farm to Fork-Strategie erreicht werden.

Fehlerhaft und irreführend seien dagegen die wegen des Kriegs in der Ukraine diskutierten Produktionssteigerungen in Europa. Nach Ansicht des WWF würden diese zu einer noch größeren Umweltzerstörung in Europa und auch in anderen Ländern führen. Europas Importe würden in der Folge nur noch weiter zunehmen.

Stattdessen könne die Lage der Welternährung nur verbessert werden, wenn sich das Produktions- und Konsumverhalten in der EU ändere. Ein geringerer Konsum von tierischen Produkten führe zu weniger Importabhängigkeiten und zu einem kleineren ökologischen Fußabdruck. Außerdem würde die Ernährung der Menschen ausgewogener.

Darüber hinaus kritisiert der WWF, dass über die Hälfte der europäischen Getreideernte im Futtertrog lande. Auf den landwirtschaftlichen Betrieben müssten die Tierbestände und die Lebensmittelverschwendung verringert werden.

Export von Grundnahrungsmitteln schwäche regionalen Handel

Im Jahr 2020 habe die EU Agrargüter im Wert von 184 Mrd. Euro exportiert. Importiert wurden Waren im Wert von 122 Mrd. Euro. Der sich ergebende Handelsüberschuss von 62 Mrd. Euro spiegle das Modell wider, nach dem Waren mit geringem Wert importiert und höherwertige Produkte exportiert werden. In erster Linie richteten sich die Exporte an wohlhabende Verbraucher außerhalb der EU. So seien zum Beispiel Wein, Spirituosen und Liköre im Ranking der EU-Agrarexporte weit oben.

Doch auch der Export von Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Eier und Geflügelfleisch sei ein zweischneidiges Schwert, da die EU-Produkte auf dem Markt günstiger angeboten würden als die Ware der einheimischen Erzeuge. Das schwäche die Selbstversorgung der Importländer.

Der globale Handel habe also nicht nur positive Auswirkungen und das Lebensmittelsystem der EU weitreichende soziale und ökologische Folgen. So lautet das Fazit des WWF: Die EU frisst die Welt, sie ernährt sie nicht. Sie verbrauche einen höheren Anteil an Lebensmitteln, als ihr zusteht.

Soziale Ungerechtigkeiten durch Veredlung zu tierischen Produkten

Weiter wird im WWF-Report erläutert, dass die EU für weniger als ein Viertel ihrer Ölsaatenproteinnachfrage selbst aufkomme. Bei der Herstellung tierischer Produkte, für die die importierten Futtermittel verwendet werden, würden eine Menge Kalorien und Proteine verloren gehen. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung müsse hier die Gerechtigkeit hinterfragt werden.

Darüber hinaus gehe der Verlust von Millionen Hektar Waldflächen und anderer Ökosysteme auf die EU zurück. Das treibe den Klimawandel sowie den Verlust von Biodiversität voran und verschärfe soziale Ungerechtigkeiten. Im Zusammenhang mit der Entwaldung in China sei die EU der zweitgrößte Importeur von landwirtschaftlichen Rohstoffen. Zwischen 2005 und 2017 sei in China eine Fläche größer als die Niederlande zerstört worden, um landwirtschaftliche Rohstoffe für den EU-Markt zu produzieren. Für 31 Prozent der Zerstörung seien die europäischen Sojaimporte verantwortlich gewesen. Weiter heißt es im Bericht, dass der durchschnittliche Europäer umgerechnet 61 Kilogramm Soja im Jahr verbrauche.

WWF für Verringerung der Tierbestände

An der europäischen Agrarpolitik (GAP) kritisiert die Umweltschutzorganisation, dass sie auf Wachstum ausgerichtet sei und nicht im Einklang mit der Natur und den menschlichen Bedürfnissen stehe. Die Größe des Viehzuchtsektors übersteige die Ernährungsbedürfnisse der Europäer. Eine Analyse der RISE Foundation habe ergeben, dass die EU-Bürger mehr als doppelt so viel Fleisch essen als von Gesundheitsbehörden empfohlen.

Zudem sei die EU wegen des hohen Düngemitteleinsatzes abhängig von Importen aus der Westsahara, Russland und Weißrussland. Die Importe von Dünge- und Futtermitteln störten die Nährstoffkreisläufe und der Düngemittelabfluss sei eine der Hauptbedrohungen für die Gewässer und Ökosysteme, stellt der WWF fest.