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Milchimperium von Stefan Dürr

Ekosem-Agrar AG im Strudel der Russland-Sanktionen

Ekosem-Agrar-Milchviehstall
Norbert Lehmann
am Dienstag, 26.04.2022 - 09:59

Die hochgradig fremdfinanzierte Agrarholding kämpft ums Überleben. Doch die Sicherheiten halten russische Banken. Darum sind die Anleihe-Gläubiger uneins, wie es weitergehen soll mit Stefan Dürrs russischem Milchriesen.

Die Ekosem-Agrar AG ist grundsätzlich profitabel. Eine Ergebnismarge von 30 Prozent vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen kann sich sehen lassen. Doch damit sind die guten Nachrichten für die Anleger über den größten Milchviehbetrieb Russlands im Moment weitgehend zu Ende erzählt. Das zeigte eine Informationsveranstaltung für Investoren, die Anleihen der Agrarholding gezeichnet haben. Denn trotz der guten Rentabilität droht der riesige Milchviehbetrieb ein Opfer der Spannungen zwischen Russland und dem Westen zu werden, die der russische Angriffskrieg in der Ukraine ausgelöst hat. Ob und wie weit die Gläubiger der beiden von Ekosem ausgegebenen Anleihen über insgesamt 180 Mio. Euro entgegenkommen, ist daher rund zwei Wochen vor den entscheidenden Gläubigerversammlungen offen.

Russische Banken gaben über 1 Milliarde Euro an Förderkrediten

Die Ekosem-Agrar AG möchte von ihren Investoren bekanntlich die Zustimmung, die Verzinsung der beiden Anleihen von 8,5 beziehungsweise 7,5 auf 2,5 Prozent zu reduzieren, ihre Laufzeit um fünf Jahre zu verlängern und auf eine vorzeitige Auszahlung zu verzichten, für den Fall eines Kontrollwechsels der operativen Tochtergesellschaften in Russland.

Das Problem dabei aus Sicht der Anleihe-Gläubiger: Die Ekosem-Anleihen sind unbesichert. Wie aus einer Präsentation des gemeinsamen Vertreters der Anleihegläubiger, der e.Anleihe GmbH, hervorgeht, haben im Wesentlichen die staatlichen russischen Banken Rosselkhozbank und Sberbank das rasche Wachstum des Unternehmens mit 1,2 Mrd. Euro finanziert. Und für diese stark subventionierten Rubel-Kredite halten die beiden Banken nach Angaben der e.Anleihe GmbH umfangreiche Sicherheiten wie Sachanlagen und Pfändungen auf Tochtergesellschaften.

Mehrere Übernahmeversuche durch die Landwirtschaftsbank

In der Vergangenheit soll es bereits mehrfach Versuche der russischen Landwirtschaftsbank Rosselkhozbank gegeben haben, das operative Geschäft von Ekosem zu übernehmen. Die Situation sei im Herbst 2021 auf „höchster politischer Ebene“ geklärt worden, heißt es in der Investoren-Präsentation, die agrarheute vorliegt. Weitere Übernahmeversuche habe es seither nicht gegeben. Immerhin gilt die Agrarholding in der Russischen Föderation als systemrelevanter Grundversorger für Lebensmittel. Wegen der sehr angespannten Beziehungen zwischen Russland und dem westlichen Ausland und den Russland-Sanktionen wollen die russischen Banken aber zumindest verhindern, dass Erträge aus ihren subventionierten Krediten in das „unfreundliche Ausland“ abfließen.

Wege aus der Krise dringend gesucht

Nun suchen Ekosem-Agrar, die Gläubiger und ihre Interessenvertreter nach einem Ausweg für die Agrarholding und ihre Anteilhaber. Es gilt, das Unternehmen auf eine mögliche Enteignung von Tochtergesellschaften vorzubereiten und trotz der unsicheren Aussichten eine Insolvenz abzuwenden. Nach Ansicht der e.Anleihe GmbH als gemeinsamer Vertreter der Anleihegläubiger gehen die Zugeständnisse, die Ekosem-Agrar fordert, aber zu weit. Die e.Anleihe, vertreten durch den Rechtsanwälte Christoph Chardon und Dr. Benjamin Büttner, schlagen vor, die Verzinsung nur für zwei bis drei Jahre auf 2,5 Prozent zu reduzieren inklusive einer Stundungsoption. Ein Rangrücktritt soll nicht vereinbart werden. Die Laufzeit der Anleihen soll nicht um fünf, sondern höchstens vier Jahr verlängert werden. Zur besonders umstrittenen Frage der vorzeitigen Rückzahlungsoption schlagen Chardon und Büttner drei verschiedene Alternativen vor. Die drei Optionen sollen nun noch mit den Anleihegläubigern weiter diskutiert werden.

Maximalforderungen könnten eine Insolvenz herbeiführen

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sieht das Restrukturierungskonzept für die Ekosem-Agrar-Anleihen noch skeptischer als der gemeinsame Vertreter der Gläubiger. Die SdK lehnt eine Reduzierung des Zinskupons ab. Aus Sicht der Anlegerschützer sollten die Zinsen nur gestundet werden. Die Laufzeit der Ende 2022 fälligen Anleihe soll nur um 18 Monate verlängert werden. Die Anleihe 2019/24 soll zum jetzigen Zeitpunkt nicht verlängert werden. Mit Blick auf den gewünschten Verzicht auf die vorzeitige Rückzahlungsoption fordert die SdK ein transparentes Konzept für die Rückzahlung der Anleihen bei Kontrollwechsel. Die Anleihegläubiger müssen sich nun entscheiden, wie weit sie der Eksom-Agrar AG entgegenkommen. Das wird eine Gratwanderung. Oder wie Rechtsanwalt Chardon die prekäre Lage zusammenfasste: „Maximalforderungen von einzelnen Anleihegläubigern könnten Insolvenzantragspflichten der Emittentin auslösen“.