Mercosur

Doppelmoral allerorten

Brasilien
Ulrich Graf Portrait 2019
Ulrich Graf
am Donnerstag, 30.07.2020 - 14:20

Wenn Bauern- und Umweltverbände die gleichen Forderungen aufstellen, führt das zu ganz unterschiedlichen Reaktionen. Ein Beispiel.

Ulrich Graf

Umwelt- und Bauernverbände sind nicht unbedingt das, was man eine eingeschworene Gemeinschaft nennt. Aber es gibt Schnittmengen. Eine davon ist aktuell das Mercosur-Abkommen: Weder Bauern noch Umweltschützer wollen, dass Rindfleisch aus dem Amazonasgebiet nach Deutschland kommt, weil dort Weiden durch die Rodung des Regenwaldes entstehen und dies schwerwiegende Schäden für Umwelt und Klima hinterlässt.

Außerdem drückt das unter ökologischen Dumpingbedingungen erzeugte Fleisch das Preisniveau auf dem europäischen Markt und ist damit eine essenzielle Stütze des Systems „Billigfleisch“.  Beides steht in klarem Widerspruch zu den Umwelt- und Handelszielen der EU.

Mercosur: Lesefaule Bauern, ernstzunehmende Umweltvertreter

Dennoch werden sich voraussichtlich im November die EU-Handelsminister mit dem Vertrag befassen. Die Süddeutsche Zeitung zitiert dazu in ihrem Wirtschaftsteil heute den Handelsminister der EU, Phil Hogan. Dabei zeigt er auf das Mercosur-Problem - je nach Zielgruppe - ganz unterschiedliche Reaktionen.

Den Bauernvertretern wirft er vor, die Verträge vielleicht gar nicht komplett gelesen zu haben. Die Umweltverbände fasst er hingegen mit Samthandschuhen an. Gegenüber ihren Bedenken sieht er die vier Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay in der Pflicht. Wie die nun aussieht, bleibt zunächst im Dunkeln. Der Transport von einer Haziende auf die andere und eine kurze Endmast dort, reicht aus, um das Fleisch „rein zu waschen“.

Alles so wie zu Zeiten des Feudalismus

Alles klar? Die einen können nicht lesen und die anderen muss man ernst nehmen. Da reicht dann auch der Hinweis von Hogan nicht aus, dass im Gegenzug europäische Lebensmittel nach Südamerika exportiert werden könnten. In der Regel sind das höher verarbeitete Produkte, an denen die Lebensmittelindustrie gut verdient, der Bauer aber nur billiger Rohstofflieferant ist. Das müsste der frühere Agrarkommissar doch wissen. Und die regelmäßigen Runden von „höchstrangigen Vertretern der EU“, um das Marktungleichgewicht zu korrigieren, erinnert eher an den Spielfilm „und ewig grüßt das Murmeltier“ als an ernsthafte Anstrengungen. Die Marktmacht von Handel und Lebensmittelindustrie ist jedenfalls ungebrochen.

Oder ist Hogan nur falsch zitiert worden? Aber selbst das wäre egal. Dann hätten eben die Medien wieder etwas im Sinne ihrer ideologischen Einstellung am Rad gedreht. Die Ungleichbehandlung bleibt.

Das Ganze erinnert schon etwas an feudalistische Zeiten als der Adel sich über die „dumpen“ Bauern mokierte. Da sind in jüngster Zeit dann wohl noch einige aus dem vermeintlichen Bildungsbürgertum und einige politische Amtsträger hinzugekommen.