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Digitalisierung - droht eine Abhängigkeit von wenigen Unternehmen

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Ulrich Graf Portrait 2019
Ulrich Graf
am Mittwoch, 13.02.2019 - 15:22

Eine gemeinsame Vision von der Landwirtschaft der Zukunft teilen führende Agrarexperten derzeit nicht.

Einig waren sich neun Sachverständige in einem Fachgespräch des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft im Bundestag zu den "Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Landwirtschaft" am Montag nur darüber, dass die Auswirkungen beträchtlich sein werden. 

Ausschussvorsitzender Alois Gerig (CDU) äußerte die Hoffnung, dass die landwirtschaftlichen Betriebe vom digitalen Fortschritt profitieren, vorausgesetzt sie können sich diese Technologien auch leisten. Eine Chance sah der praktizierende Landwirt Gerig darin, dass durch die Digitalisierung für alle Arten der landwirtschaftlichen Produktion mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz und noch mehr Lebensmittelsicherheit erreicht werden könne. 

Droht Big Brother?

Marita Wiggerthale, Referentin bei Oxfam Deutschland e.V., kritisierte, dass in der Landwirtschaft derzeit die Vor- und Nachteile der Nutzung künstlicher Intelligenz kaum diskutiert würden. Es werde sich blind auf von Unternehmen bereitgestellte Technologien verlassen, die am Ende zu einem Verlust von Souveränität führen können. Wiggerthale argumentierte, dass den Nutzern von zur Verfügung gestellten Farmmanagementsystemen nur bestimmte Produkte vermittelt werden. Dadurch könnte die Bindung an wenige große Unternehmen noch enger werden. Ob die Digitalisierung die Landwirtschaft vor diesem Hintergrund nachhaltiger mache, sei nach derzeitiger Wissenslage nicht sicher.

Eine Chance sah Sonoko Bellingrath-Kimura vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. darin, dass durch die Digitalisierung neue Wertschöpfungsketten und neue Anbausysteme etabliert und miteinander verbunden werden könnten. Erzeugte landwirtschaftliche Produkte könnten nachvollziehbarer an Umweltmaßnahmen gekoppelt und entsprechend honoriert werden.

Unvoreingenommene Herangehensweise

Für eine unvoreingenommene Herangehensweise an die neuen Technologien plädierte Reiner Brunsch vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB). Bereits in naher Zukunft könnten Algorithmen bessere Handlungsempfehlungen als erfahrene Landwirte erstellen. Eine Gefahr sieht Brunsch im dadurch drohenden Wissensverlust, denn digitalisiertes Wissen sei dadurch nicht mehr personengebunden und könne beliebig kopiert und monopolisiert werden. Eine entscheidende Frage stelle sich deshalb nach dem Eigentum des Wissens. Wenn dieses der Menschheit gehöre, dann sei es als Gemeingut zu betrachten und müsse als solches geschützt werden. Auch aus der Perspektive der Imker war für Walter Haefeker vom Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbund e.V. (DBIB) wichtig zu betonen, dass mit öffentlichen Mitteln geförderte Forschungsergebnisse auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden müssen.

Aus Sicht des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA) führte Hermann Buitkamp aus, dass die digitale Vernetzung von mobilen und stationären Maschinen in landwirtschaftlichen Betrieben flächendeckend ausgebaute, durchgehend zugängliche und leistungsfähige Mobilfunknetze voraussetze. Nicht weniger von Bedeutung sei die kostenlose Bereitstellung von digitalen Planungsdaten durch Vermessungsämter, Einwohner- und Gewerbeämter, die Bundesnetzagentur und die Netzbetreiber. Außerdem müsse die Förderung von Aufbau und Betrieb flächendeckender 5G-Funknetze im gesamten ländlichen Raum und allen landwirtschaftlichen Gebieten gewährleistet werden. Neben kostenlosem Roaming zwischen nationalen, regionalen und lokalen Mobilfunknetzbetreibern müsse zudem der sichere Datenaustausch möglich sein.

Mangelnde Infrastruktur

Dass die Einführung digitaler Verfahren an der unzureichenden Infrastruktur leide, kritisierte auch Hubertus Paetow, Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft e. V. (DLG). Es würde an entsprechenden Plattformen fehlen, um die Daten konsistent speichern und auswerten zu können. Außerdem hinke die Ausbildung des Fachpersonals hinterher, denn selbst die Ausbildung junger Landwirte sei in dieser Hinsicht nicht auf dem aktuellsten Stand.

Dass sämtliche Äcker und Wiesen in ganz Deutschland innerhalb von zwei bis drei Tagen durch Satelliten erfasst und anschließend ausgewertet werden können, erklärte Hansjörg Dittus, Mitglied des Vorstandes des Zentrums für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR). Solche Daten zur Verfügung zu stellen sei mittlerweile leichter als diese anschließend zu nutzen. Dittus bot an, den Aufbau einer "Agrarmasterplattform" durch das DLR zu unterstützen, denn die vielen zur Verfügung stehenden Daten müssten miteinander verknüpft und die Produktionssysteme vernetzt werden.

Mehr Vertrauen bei den Verbrauchern durch Transparenz zu schaffen, erhoffte sich Engel Friederike Hessel, Digitalisierungsbeauftragte des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Sie sah die Chance, dass Produktionsprozesse effizienter, ressourcenschonender und tiergerechter gestaltet werden können. In der Zukunft gelte es eine Fülle von Umweltdaten zu verarbeiten, um die Pflanzenproduktion und die Nutztierhaltung gezielt zu steuern.

Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes e.V. (DBV), warb dafür, die derzeitige Praxis der Antrags- und Prüfverfahren durch digitale Systeme zu ersetzen. Darüber hinaus forderte er eine bessere Breitbandversorgung auf dem Land, um allen Landwirten die Möglichkeiten der neuen Technologien zu eröffnen. Ebenso wichtig sei es, dass Geo-, Wetter- und Satellitendaten allen zur Verfügung gestellt werden.