Flächenentnahme

Deutsche Umweltbehörden contra Regenwald

Brasilien
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 24.08.2020 - 11:05

Bauernorganisationen warnen: Herausnahme großer Flächen aus der landwirtschaftlichen Produktion geht zu Lasten des Regenwaldes.

Führt der von Umweltbehörden eingeschlagene Weg in die richtige Richtung? Sind die von den gleichen Stellen in Auftrag gegebenen Studien wirklich zielführend? Praktiker haben hier zunehmend ihre Zweifel:

  • "BfN-Präsidentin Beate Jessel unterstützt Brandrodung des Regenwaldes", überschreibt Maike Schulz-Broers von Land schafft Verbindung ihre Warnung, dass die Stilllegung von Flächen in Deutschland zur Verlagerung der Produktion  führen könne.
  • "Svenja Schulze zündelt mit dem Regenwald", lautet das Urteil der Freien Bauern.

Größe entspricht der Fläche Nordrhein-Westfalens

Dabei bezieht sich Schulz-Broers auf eine Pressemeldung des Bundesamtes für Naturschutz vom 12. August. In ihr fordert die BfN-Präsidentin, dass für die Erhöhung der Biodiversität sowie Erfüllung der Green-Deal-Ziele erheblich strengere Maßnahmen erforderlich seien. Diese leitet sie aus einer vom BfN in Auftrag gegebenen Studie des IFAB (Institut für Agrarökologie und Biodiversität) und des Thünen-Instituts ab. Sie kommt zu dem Schluss, dass mindestens 15 bis 20 % aller landwirtschaftlichen Flächen aus der Produktion genommen werden sollten, um sie in ökologische Vorrangflächen (ÖVF) umzuwandeln.

20 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche entsprechen in etwa einem Gebiet der Größe Nordrhein-Westfalens. Auf ihm würden folglich keine Lebensmittel mehr produziert. "Leider habe man hier wieder nicht zu Ende gedacht", so Schulz-Broers. "Woher kommen dann die fehlenden Lebens- und Futtermittel? In Brasilien wird für die europäische Öko-Dekadenz der Regenwald gerodet. Hier in Mitteleuropa haben wir die besten natürlichen Voraussetzungen für die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel."

Die hiesige Landwirtschaft sei die sicherste und nachhaltigste der Welt, legt die Mitinitiatorin von Land schafft Verbindung nach. Und sie verweist auf das aus ihrer Sicht größte Problem: "Den Raubbau an der Natur, der durch die konsumgetriebene Gesellschaft verursacht wird, kann die Landwirtschaft nicht kompensieren. Auch nicht durch Blumenwiesen."

Naturschutz und Ernährung in Einklang bringen

Die Freien Bauern beziehen sich auf zwei vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebene Studien zur Biodiversität in der Agrarlandschaft. „Die Forscher schlagen vor, mindestens zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche stillzulegen, das entspricht bundesweit rund 18.500 Quadratkilometern“, rechnet Bundessprecher Alfons Wolff vor: „Zeitgleich fielen in Brasilien allein im vergangenen Jahr mehr als 9.000 Quadratkilometer tropischer Regenwald geduldeter Brandrodung zum Opfer, auf der gewonnenen Fläche werden Soja und Rindfleisch für den Export produziert. Langsam frage ich mich, ob unsere Umweltministerin noch 1 und 1 zusammenzählen kann.“

Svenja Schulze mache sich damit zur Komplizin von Bolsonaro, kritisiert Wolff. Wer die landwirtschaftliche Produktion auf dem natürlichen Gunststandort Deutschland durch Stillegung immer weiter verringern will, während der Verbrauch gleich bleibt, zündele indirekt am Regenwald. "Von irgendwoher müssen die Lebensmittel schließlich kommen“, so Jung.

"Wenn wissenschaftliche Studien ergeben, dass ohne Bewirtschaftung mehr unberührte Natur entstehe, sei das an Sinnlosigkeit fast nicht zu überbieten", sagt der 60jährige Ackerbauer aus Hohenthurm in Sachsen-Anhalt. Verantwortliche Umweltpolitik brauche vielmehr eine Antwort darauf, wie Naturschutz mit der Ernährung von 80 Millionen Menschen in Einklang zu bringen sei.

Biotopverbundsystem in einer weiterhin intensiv genutzten Agrarlandschaft

Die Freien Bauern fordern deshalb eine Abkehr von der gegenwärtigen auf bloßen Flächengewinn angelegten Naturschutzpolitik. Wolff: „Wir brauchen keine Großschutzgebiete, sondern ein Biotopverbundsystem in einer weiterhin intensiv genutzten Agrarlandschaft. Mehr Hecken und Baumreihen verbrauchen kaum Fläche und wären in vielen Regionen Deutschlands ein Gewinn, auch aus landwirtschaftlicher Sicht.“

Die von Schulze betriebene Verlagerung von Landwirtschaft ins Ausland hingegen diene lediglich den Exportinteressen der Industrie. Die globalen ökologischen Auswirkungen dieser Strategie seien am Amazonas inzwischen unübersehbar – verbrannte Erde!