Lebensmittel

Coronavirus zeigt: Regionale Versorgung ist wichtig

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Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 02.03.2020 - 11:21

Die Epidemie belegt, wie zerbrechlich die globalen Versorgungsströme sind.

Konserven

Plötzlich sind sie wieder zu sehen: Mit Konserven vollgestopften Einkaufswagen mit denen sich die Käufer sichtlich mühen, auf die Kasse zuzusteuern. Hinter sich lassen sie weitgehend abgeräumte Regale zurück. Der Virus lässt grüßen. Es könnte ja sein, dass man ein paar Tage Quarantäne überstehen muss und damit man nicht hungern muss, braucht man Vorräte.

Damit wird schlagartig wieder bewusst, dass Essen nicht nur ein Kampf gegen lästige Kalorien sondern, - man mag es ja kaum glauben – lebenswichtig ist. Schade, dass Lebensmittel eigentlich nur in Krisenzeiten geschätzt werden. Ansonsten heißt es, was produzieren die Bauern da immer noch für Ramsch, den keiner mehr haben will - und das zu Lasten der Umwelt. Bauern und Lebensmittelerzeugung, das sei doch ein Relikt aus überkommenen Epochen. Und genauso museal soll sie aussehen. Ein hoher Selbstversorgungsgrad gilt bereits als Ressourcenvergeudung und produktive Erzeugungsformen als widernatürlich. Und das in einem Land das Exportweltmeister bei Industriegütern ist und sich durch einen exorbitanten Handelsbilanzüberschuss auszeichnet. 

Eine halbe Milliarde Menschen in Europa wollen täglich essen

Ulrich Graf

Die Gesamtbevölkerung der Europäischen Union (EU) wächst weiter und hat mit circa 513,5 Millionen Einwohnern im Jahr 2019 ihren vorläufigen Höchststand erreicht. Das heißt, über eine halbe Milliarde Menschen wollen und müssen in Europa täglich essen.

Es wäre der ökologisch sinnvollste Weg, die Erzeugung vor Ort zu regeln. Das ist machbar, denn Europa verfügt über ein gemäßigtes Klima, ausreichend Niederschläge und gute Böden. Das geht aber – auch darüber muss man sich im Klaren sein – nicht zum Nulltarif für die Umwelt. Für 500 Millionen Menschen die Versorgung sicher zu stellen, das macht man nicht im Hinterhof auf einem Komposthaufen.

Jede einzelne Person hinterlässt einen eigenen ökologischen Fußbadruck. Natürlich gilt das ebenfalls für die Ernährung. Aber nicht nur für diese. Industrie, Verkehr und Privatverbrauch fallen hier deutlich schwerer ins Gewicht. Ganzjährig 22 Grad in der großzügig geschnittenen Hütte, Auslandsreisen, stets die neueste Mode und einen 2-Tonnen-PKW vor der Haustür, das kostet Energie und Material. Komischerweise ist es aber schick, Energieschleudern auf der Straße die Sporen zu geben, eine Schweineschnitzel zum Mittagessen gilt aber als verwerflich. Mit welcher Diskrepanz hier geurteilt wird, ist immer wieder erstaunlich.

Rückläufige Selbstversorgung

Dennoch sitzt gegenwärtig vor allem die Landwirtschaft auf der Anklagebank. Und das, obwohl in vielen Bereichen bereits vor Jahren eine Wende eingetreten ist. Die Tierzahlen gehen zurück und spätestens seit der Düngeverordnung aus dem Jahr 2017 sinkt auch die Intensität der Flächennutzung. Bei Gewicht und Leistung der neu zugelassenen Autos kann man das nicht sagen. Nur an Fakten scheint keiner mehr Interesse zu haben. Emotionen und althergebrachte Vorurteile, die zählen. Es ist doch schön, wenn man einen Prügelknaben hat.

Das hat Konsequenzen. Der Selbstversorgungsgrad bei wichtigen Lebensmitteln sinkt in  Deutschland stetig: Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung weist für Frischmilcherzeugnisse und Fleisch ein Minus von 4 % im Zeitraum von 2015 bis 2018 aus. Bei Getreide beträgt der Rückgang im Bezugszeitraum 2014/2015 bis 2018/2019 rund 8 %. Noch haben wir in vielen Bereichen eine intakte Versorgung, aber der weitere Abwärtstrend ist vorgezeichnet.

Fragile globale Transportströme

Egal, dann holen wir die Nahrung eben aus anderen Regionen der Erde, dürften sich da viele Verbraucher und Einkäufer des Lebensmitteleinzelhandels denken – ist ohnehin billiger.  „Und mit irgendetwas müssen ärmere Nationen schließlich auch die teuren Industrieprodukte mit dem Siegel Made in Germany uns abkaufen“, so eine weitere Überlegung.

Wie fragil dieses System ist, zeigt nun der Coronavirus. Wenn Schiffe im Hafen, Züge im Bahnhof und Flugzeuge am Boden bleiben und die Straßen leergefegt sind, egal in welchem Winkel dieser Erde, kommt die globale Transportkette ins Stocken. Wenn davon ebenfalls die Nahrungsmittelversorgung betroffen ist, weil die regionale Erzeugung zu gering ist, dann dürfte die heimische Landwirtschaft wieder in einem anderen Licht erscheinen. Nur so weit sollte es eigentlich nicht kommen.