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Berglandwirtschaft

Bürokratie macht die Almen kaputt

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Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Montag, 23.05.2022 - 14:45

Alpen.Gipfel.Europa.2022: Sepp Glatz fürchtet ein Artensterben, wenn Eigentümer aufgeben. Was verloren geht, schildert Sennerin Kathi Böck.

Das kriege man schon als kleiner Bub mit, antwortet Sepp Glatz, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern und Erster Vorstand der Weidegenossenschaft Garmisch, auf die Frage, wie lange er sich denn schon mit der Almwirtschaft beschäftige. „Sobald man laufen kann, muss man mithüpfen“, bekräftigt er, „da schaut man, was auf den Almen los ist, und das ist wichtig.“ 55 Jahre sind es bei ihm, wie er auf Nachfrage preisgibt, „so lang ich zurückdenken kann.“

Natur und Tiere sind die große Motivation

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Was denn die Motivation für Almwirtschaft sei, diese Frage quittiert Glatz mit einem unverständigen Blick. „Wie konnte ich das bloß fragen?“ schießt es dem Gegenüber sogleich durch den Kopf. Aber dann setzt Glatz doch mit der Erklärung an. Die Almen seien urkundlich bereits im 14. Jahrhundert erwähnt, die Genossenschaft bestehe auch schon mehr als 100 Jahre. Man erhalte etwas, was schon vor Generationen erschaffen wurde. Ganz bewusst wiederholt er: „Das Sach, das schon seit Jahrhunderten da ist, erhalten dürfen, wenn das keine Motivation ist, dann brauch ich keine.“

Auch Sennerin Kathi Böck braucht bei der Frage nach der Motivation nicht lange überlegen. „Die Arbeit mit den Tieren, die macht mir brutal Spaß“, sprudelt es aus ihr heraus. Die Zeit im Sommer, wo sie sich um die Tiere kümmere und Verantwortung für sie übernehme, die genieße sie. Sie hat auch zwei Kühe auf ihrer Alm dabei. Und wenn sie die Milch zu Käse und zu Butter verarbeitet, dann lerne sie diese Lebensmittel noch viel mehr schätzen. „Da merkt man erst, wie viel Arbeit das ist“, bekräftigt sie.

Eine echte Beziehung zu den Tieren entsteht

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Aber zurück zu den Tieren. Am Anfang kenne man sie ja nicht, erklärt Kathi Böck, „wie man dann das Vertrauen zu ihnen gewinnt, das ist sehr spannend.“ Und der Blick geht über die Weide mit den Rindern.

Die einen seien am Anfang scheu und hielten Abstand, die anderen seien neugierig und kämen gleich von selber auf den Menschen zu. Man gehe jeden Tag zu den Tieren raus, kümmere sich um sie und arbeite mit ihnen zusammen. Und dann beginnen Kathis Augen zu leuchten, ihr Gesicht strahlt und ihre Stimme wird fast weich: „Am Ende vom Almsommer ist das eigentlich brutal, wie routiniert man mit den Tieren umgeht, und wie viel Vertrauen man zu ihnen hat“.

Den Nachsatz: „Das ist eines von den schönen Dingen“ hätte es eigentlich nicht gebraucht, das hat man Kathi angesehen.

Die Besucher sind sehr interessiert

Hinzu kommt die körperliche Arbeit oder „man hat einfach etwas getan am Ende vom Tag“, wie Kathi es ausdrückt. Man gehe am Abend ins Bett und sei einfach glücklich, zumindest zufrieden. Auf die Sonnenauf- und Sonnenuntergänge in den Bergen angesprochen, winkt Kathi Böck fast ab. Ja klar, gebe es die auch, aber es könne auch mal zwei Wochen am Stück regnen. Aber nicht einmal das kann die junge Sennerin nerven. Das gehöre nun einmal auf der Alm dazu, genauso wie, dass einmal die Butter nix wird, weil es zu warm war, oder dass mal die Tiere auskommen und man sie wieder zusammensuchen muss.

Sennerin Kathi Böck mit Kuh

Mit solchen Themen will sie sich gar nicht lange aufhalten. Viel lieber erzählt sie von den vielen interessanten Leuten, die sie bei der Bewirtung auf ihrer Alm kennenlernt. „Die meisten sind total neugierig, wie das Leben auf der Alm so funktioniert“, berichtet Kathi Böck. Und denen könne man auch vermitteln, was nötig sei, um die Almen zu erhalten. Probleme gebe es immer mal wieder mit Wanderern mit Hunden, die ihre Tiere nicht angeleint haben. Die jagen dann manchmal die Kalbinnen.

Und immer wieder findet die Sennerin auch Müll auf den Weiden. Manchmal treffe sie auch auf Leute, „die vom Weg abkommen“, sagt Kathi Böck mit einem Augenzwinkern. Aber in all den geschilderten Fällen stößt sie auf Verständnis, wenn sie die Menschen darauf anspricht. Freilich gebe es auch ein paar, aber das seien nur wenige, die den Respekt vor der Sennerin, vor den Tieren und vor der Natur, den Almen fehle.

Dieses Konfliktpotenzial greift der Alpen.Gipfel.Europa am 23. Juni auf der unterne Firstalm auf.  "Wir sind uns unserer Herausforderungen wirklich bewusst", sagt Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, die bei der Veranstaltung vor Ort sein wird. Es gehe darum, die Schönheit der Kulturlandschaft zu erhalten, einen unglaublich starken Wirtschaftsfaktor der Land- und Forstwirtschaft zu unterstützen und das alles in Einklang zu bringen mit den Besucherströmen. Dass sehr viele Menschen Erholung und Ruhe im Alpenraum suchen, geht laut Kaniber nicht immer einher mit einem Wohlbefinden für die Landwirte. "Deshalb braucht es auch hier Einklang, es braucht Steuerung und auch Schutz und dafür machen wir uns stark", so die Ministerin, "ich freu mich auf den Kongress".

Die Vegetation verändert sich deutlich

Der Respekt vor den Almen und den Almleuten ist auch Sepp Glatz sehr wichtig, denn aus seiner Sicht steht sehr viel auf dem Spiel. Das geht schon los mit der Vegetation. Den Begriff Klimawandel vermeidet Glatz, aber er beobachtet schon Veränderungen in der Vegetation: „Die Stufigkeit ist verlorengegangen“, sagt er, will heißen, dass die Pflanzen früher zunächst im Tal ausgetrieben haben und der Vegetationsbeginn dann den Berg hochgewandert ist.

Er hat den Eindruck gewonnen, dass die Vegetation eher später startet, weil es im Tal zu trocken und am Berg zu kalt ist. „Und wenn es dann regnet, dann sollst Du überall sein, herunten und droben.“ Und im Herbst werde es dann auch gleich wieder kalt.

Der Tourismus hat sich laut Glatz auch enorm entwickelt. Die ersten Jahre, an die er sich erinnern kann, waren noch kaum Straßen da, war alles viel einsamer. Heute reicht das bin zur Vollerschließung von Almen. Es gebe nur noch wenige Almen, die nur fußläufig erreichbar seien, wo die Versorgung mit dem Hubschrauber erfolgen müsse.

Bürokratie schreckt die Almbewirtschafter ab

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Die größten Sorgenfalten treibt Glatz aber die Bürokratie auf die Stirn: „Seit es Bürokratieabbau geheißen hat, ist es noch viel schlimmer geworden. Und wie es aussieht, wird es mit der GAP noch ärger.“

Es müsse beispielsweise jeder Viehumtrieb dokumentiert und gemeldet werden. In der Weidegenossenschaft musste dafür Personal angestellt werden, der Hirte muss sich ja ums Vieh kümmern und würde, so Glatz, verrückt werden, wenn er auch die Bürokratie bewältigen müsste.

Die einzelnen Genossenschaftsmitglieder, die Rechtler, halten ihre Rechte noch, weil die ja von der Genossenschaft verwaltet werden. Aber beim Kulturlandschaftsprogramm oder bei der Gasölverbilligung da würden die Mitglieder immer häufiger auf einen Antrag verzichten.

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Und es kommt auch vor, dass sich junge Leute völlig zurückziehen. „Das ist sehr schade“, so Glatz, „gerade bei uns, wo jede Hand wichtig ist.“ So habe die Genossenschaft 80 bis 100 Kilometer Zäune zu errichten und zu pflegen. Das sei auch nicht durch einen Großen zu ersetzen. „Wichtig ist, dass viele Kleine zusammenhelfen, wo jeder beim Ausrücken dabei ist“, bekräftigt Glatz noch einmal.

Die Nicht-Gunstlagen würden als erstes fallengelassen, die würden halt wieder zuwachsen. Und diese Entwicklung könne sehr schnell gehen. „Da wird es ein Artensterben geben, wie es größer noch nie da war“, fürchtet Glatz. Und er kommt noch einmal auf die Dokumentationspflichten zurück. Man brauche sich bloß anschauen, wie schwer sich die Behörden selbst mit der Dokumentation tun (Stichwort Corona-Meldungen per Fax) „und bei uns soll das jeder kleine Bauer machen?“

Alpen.Gipfel.Europa.2022: Natur- und Lebensraum im Fokus

Unter dem Motto „Biodiversität – Bleibt der Bauer, lebt die Alm“ stellt der „Alpen.Gipfel.Europa.2022“ die Rolle der Berglandwirtschaft für diesen einzigartigen Natur- und Lebensraum in den Fokus. Politiker, Verbände, Naturschützer, Touristiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz treten in einen konstruktiven Dialog und zeigen Lösungsansätze für die Zukunft auf.

Prominent besetzte Podiumsrunden belegen den hohen Stellenwert der Berglandwirtschaft. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ist dabei, ebenso Österreichs neuer Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und der Südtiroler Europaabgeordnete Herbert Dorfmann (SVP). Den Berufsstand vertreten Walter Heidl, BBV, Joachim Rukwied, DBV, Leo Tiefenthaler, Südtiroler Bauernbund, Georg Strasser, Bauernbund Österreich, und Thomas Roffler vom Bündener Bauernbund.

Termin: 23. Juni 2022

Zeit: 9 Uhr bis 13 Uhr

Ort: Untere Firstalm,

83727 Schliersee