Fleischbranche

Branchengespräch Fleisch: Keine Lösung gegen Schweinestau

Josef Koch
Josef Koch
am Freitag, 09.10.2020 - 15:41

Das Branchengespräch Fleisch brachte keine schnellen Lösungen für die aktuellen Probleme am Schweinemarkt. Deutliche Kritik an Schlachthofschließungen.

Abferkelbucht-Ferkel-Sau

Um das aktuelle Problem des Rückstaus von Schweinen auf den Betrieben zu lösen, brachte das Branchengespräch keine schnellen Lösungen. So habe die Branche unisono staatliche Hilfen wie Private Lagerhaltung abgelehnt, bestätigte Nordrhein-Westfalens Agrarministerin Ursula Heinen-Esser. Teilweise sind laut Fleischbranche die Kühlhäuser noch voll. Zudem ist auf Kühlschiffen schwimmende Ware nach China unterwegs, die dort nicht abgenommen wird und zusätzlich eingelagert werden muss.

Heinen-Esser regte an, dass Landwirte prüfen sollten, inwieweit sie leerstehende Ställe in der Nachbarschaft nutzen können, um den Engpass auf dem Hof zu entschärfen. Zudem schlug sie eine Vermittlungsplattform vor, um freie Schlachtkapazitäten effektiver zu nutzen. So habe die Fleischbranche beim Treffen bestätigt, dass die Unternehmen trotz aufwendiger Corona-Hygieneplänen 95 Prozent ihrer Schlachtkapazitäten nutzen könnten.

Derzeit können pro Woche rund 120.000 Schweine weniger geschlachtet werden. Der Rückstau beläuft sich nach Branchenangaben derzeit auf bis zu 500.000 Tiere, die in den Ställen verbleiben müssen.

In rund einem Monat wurde ein weiteres Treffen vereinbart. Dort soll der Berufsstand Vorschläge vorlegen, welche einzelbetriebliche Maßnahmen auf den Betrieben in Coronazeiten möglich seien. Bundesagrarministerin Klöckner erwartet dabei auch Anregungen, wie die Tierhaltung künftig aussehen könne. 

Weitere Themen des Treffens waren die Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest,  der Umbau der Tierhaltung, sowie die eingeleitete Machbarkeitsstudie.

Otte-Kinast kritisiert Schlachthofschließung in Sögel

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Bundesagrarministerin Julia Klöckner und Ursula Heinen-Esser appellierten an die Schweinehalter, ihre Bestände runterzufahren. "Wir werden noch die kommen 9 bis 12 Monaten mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen haben", so die NRW-Ministerin. Schlachtschließungen und ein plötzlicher Wegfall der Kapazitäten seien immer wieder möglich. Nur angepasste Tierbestände könnten negative Folgen mindern. Wie Landwirte auf die Schnelle ihre Tierbestände senken sollen, ließen die beiden Ministerinnen offen.

Deutliche Kritik an der Schließung des Schlachthofs in Sögel, Niedersachsen, äußerte Agrarministerin Barbara Otte-Kinast. "Die Schließung ist unverhältnismäßig. Die Zahl der Coronafälle ist schon wieder am Sinken," beklagt sie das Vorgehen der örtlichen Behörde. Nach ihren Informationen sind von den rund 1000 Mitarbeitern nur 112 infiziert. Da könne man nicht die anderen 800 bis 900 Beschäftigte auch in Quarantäne schicken.

Die niedersächsische Agrarministerin unterstützt die Forderungen aus der Branche nach einem bundesweiten Leitfaden (Ampelsystem), wie die regionalen Gesundheitsämter bei Coronafällen in Schlachtbetrieben vorgehen sollen, um Standortschließungen möglichst zu vermeiden. 

Die ISN hatte im Vorfeld des Branchengesprächs moniert, dass die Standortschließung in Sögel reine Behördenwillkür sei.

Sonntags- und Feiertagsarbeit bringt zu wenig

Klöckner-Branchengespräch Fleisch

Deutlich wurde beim Treffen der Fleischbranche, dass Ausnahmegenehmigungen für Sonntags- und Feiertagsarbeit den Rückstau  der Schweine nicht lösen wird. Diese Ausnahmeregeln hatten im Vorfeld Klöckner und Otte-Kinast von den Gewerbeaufsichtsämtern gefordert.

So beklagen viele Schlachthöfe derzeit einen akuten Personalmangel, so dass ein Aufstocken der Schlachtungen kurzfristig oftmals gar nicht möglich ist. Allerdings helfen diese Ausnahmen, damit die Schlachtunternehmen beim Umsetzen der Corona-Hygieneauflagen flexibler agieren können. Daher wollen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen die Ausnahmeregeln umsetzen.

Sperrzeiten von Schlachthöfen verkürzen

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, forderte erneut eindringlich, alle Möglichkeiten zu eröffnen, um die Schlachtkapazitäten deutlich zu erhöhen. „Die Not in unseren Betrieben ist groß. Der Schweinestau in den Ställen kann für viele Betriebe zur Existenzfrage werden."

Coronabedingte Sperrzeiten bei Schlachthöfen müssen laut Rukwied verkürzt werden. Es gebe mittlerweile gute Konzepte aus den bisherigen Coronafällen in der Fleischwirtschaft. Diese müssen genutzt werden, um sich ressortübergreifend auf bundesweit einheitliche Vorgehensweisen und Managementkonzepte bei zukünftigen Corona-Ausbrüchen zu verständigen.

Leitfaden ist dringend nötig

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) sieht die Ergebnisse des Gipfels positiv. "Damit sind wichtige Maßnahmen, die wir zur Lösung des Schweinestaus gefordert hatten, auf den Weg gebracht," so ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack.

Den Leitfaden (Ampelsystem) brauche die Branche beispielsweise, damit nicht politische Willkür darüber entscheide, wie und ob ein Schlachthof unter Corona-Bedingungen arbeiten dürfe, sondern klare und fachlich orientierte Vorgaben die Leitplanken setzten. Laut Stark ist man beim Treffen ein ganzes Stück weiter gekommen – auch wenn der Weg zum Ziel noch steinig und sehr weit sei.