Aufwandsentschädigung

Blühpatenschaften - ein absolut faires Angebot

Thumbnail
Ulrich Graf Portrait 2019
Ulrich Graf
am Montag, 25.03.2019 - 14:34

Was darf eine Blühpatenschaft kosten? Ein Vergleich zeigt: Deutlich mehr als die heute üblichen Aufwandsentschädigungen.

Verdienst von Arbeitnehmern

Das monatliche Einkommen eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers im produzierenden Gewerbe betrug im 3. Quartal 2018 durchschnittlich 4.223 € brutto (einschließlich Sonderzahlungen). Daraus ergibt sich ein Jahresgehalt von 50.676 €. Hinzu kommen 30 Prozent Lohnnebenkosten. Ihr Löwenanteil speist sich mit 21 Prozent aus den Beiträgen der Arbeitgeber zu den Sozialversicherungen. Selbständige, wozu Landwirte zählen, müssen dieses Geld aus der eigenen Tasche berappen. In der Summe ergibt das 65.879 €. Hierfür leisten Vollbeschäftigte rund 1650 Arbeitsstunden im Jahr. Damit landen wir bei einem Verdienst von 40 €/Stunde.

Zeitraubende Vorarbeiten

Bauern bieten eine Blühpatenschaft für 100 m² häufig für 50 € an. Daraus ergibt sich ein rechnerischer Wert von 5000 €/ha. Das wirkt zunächst einmal sehr beeindruckend. Stellt man aber die Arbeitsleistung gegenüber, bleibt ein vergleichsweise geringer Stundenentlohnung von 10 €. Der Grund dafür lautet: Blühpatenschaften sind ein zeitaufwändiges Endkundengeschäft. Das ist deutlich abzugrenzen von Ausgleichszahlungen, bei denen Leistung und Gegenleistung mit dem einmaligen Ausfüllen eines vorgefertigten Vertrags vereinbart werden.

Der Denkfehler derjeniger, die meinen, die Bauern würden jetzt aus dem Insektensterben sogar noch Kapital schlagen wollen, ist, dass sie schlichtweg den Arbeitsaufwand unterschlagen. Und der ist immens.

  • Bevor hier ein unterschriftsfähiger Entwurf für eine Patenschaft vorliegt, ist eine immense Vorarbeit nötig. So ist abzuklären, welche Vertragsmodelle praktikabel sind und ihre Auswirkungen auf den Betrieb. Zu klärende Fragen sind: Soll die Patenschaft in Form einer Pacht erfolgen? Wie sind die Dienstleistungen zu formulieren? Wie sehen die steuerlichen Folgen aus? Welche Auswirkungen hat die Entnahme von Futterfläche auf meinen GV-Besatz? Wie sind die Inhalte juristisch zu formulieren? Brauche ich eine eigene Internetseite? Welche Flächen sind geeignet? Welche Blühmischungen biete ich an? Wie sind die Lieferzeiten für die Saatgutmischungen? Brauche ich eine Bevorratung? etc.
  • Liegt dann eine Schriftstück auf dem Tisch, muss die Botschaft "Ich bitte Blühpatenschaften an" unter die Leute. Spielt da die Lokalpresse mit? Muss ich Anzeigen schalten? Gibt es Verzeichnisse im Internet, in die ich mich eintragen kann? Gibt es Formen der digitalen Kommunikation über die sozialen Medien oder das Internet? etc. 
  • Dann muss ein Kundekontakt erfolgen. Der Kunde hat natürlich Fragen und will diese beantwortet haben. So wird er wissen wollen, ob die Blühmischung bienengerecht ist und wie er auf dem Laufenden gehalten wird. Das heißt, ein Facebook-Account muss her und ein Blog, in den der Landwirt Bilder und Beschreibungen vom Feld einstellen kann. Da ist dann schon richtig Medienkompetenz gefragt, die man sich unter Umständen in langen Sitzungen noch aneignen muss. etc.
  • Erfolgt ein Auftrag, muss der natürlich sauber dokumentiert werden. Das heißt, eine eigene Auftragsverwaltung einschließlich Inkasso muss her. etc.

Kleinparzellierte Bestellung der Felder

Est nach Abschluss der Vorarbeiten kann es dann an die konkrete Umsetzung gehen. Also:

  • Saatbett bestellen
  • Parzellen ausmessen und markieren.
  • Saatgut besorgen, Sämaschine aktivieren
  • Namensschilder zusägen und beschriften, sowie Pflöcke zuspitzen.
  • Aussaatplanung - Wer vermeiden will, dass er hundertmal das Saatgut wechseln muss, muss vorab genau wissen, wo welches Saatgut auszubringen ist.
  • Aussaat durchführen
  • Schilder aufstellen
  • Dokumentation der Saat mit Parzellen und Namen
  • Information des Kunden über seine Parzelle
  • Kräftig ins Kontor schlagen dürfte auch die Begleitung der Fläche für den Kunden. Spätestens zu Blühbeginn wird der Blühpate Bilder von seinen Flächen erwarten. Unter Umständen will der Pate sogar einen Besuch auf seinen Flächen unter Führung des Bauern.

Das kostet alles Zeit.

Es bleiben nur 10 € pro Arbeitsstunde

In der Summe dürfte ein Arbeitszeitansatz von 4 Stunden/Patenschaft nicht zu hoch gegriffen sein. Dem stehen 50 € Aufwandsentschädigung gegenüber. Davon sind aber noch direkte Kosten und die anteilige Maschinenabnutzung abzuziehen. Dazu zählen

  • Pacht
  • Saatgut
  • Treibstoff
  • Abnutzung von Schlepper
  • Abnutzung von Sämaschine
  • Abnutzung von Maschinen zur Bodenbearbeitung (Grubber, Kreiselegge etc.)

Bei einem kalkulatorischen Ansatz von 10 € für die Betriebsmittel bleiben noch 40 € übrig. Bei 4 Arbeitsstunden ergeben sich somit 10 €/Stunde. Das ist ein Viertel dessen, was ein Arbeitnehmer durchschnittlich bekommt und liegt nur knapp über dem gesetzlichen Mindestlohn.

Die Baubranche hat einen Mindestlohn von 12,50 € vereinbart. Aus finanzieller Sicht würde damit ein Landwirt auf dem Bau mindestens ein Viertel mehr verdienen. Der tatsächlich erzielbare Lohn dürfte sogar ein Mehrfaches betragen.

Landwirte stellen ihre Arbeitsleistung damit im Sinne einer guten Sache deutlich unter Wert zur Verfügung. Das ist ein selbstloser Beitrag, um die Wünsche der Gesellschaft zu erfüllen. Der Applaus bleibt aber aus. Leider scheinen das bislang aber nur wenige begriffen zu haben. Statt einem anerkennenden Schulterklopfen gibt es dumme Kommentare von Zeitgenossen, die des 1 x 1 noch nicht fähig sind.

Eigentlich müssten 100 m² Blühfläche 200 € kosten

Wenn ein Landwirt 400 Stunden pro Hektar Blühfläche aufbringen muss, kann er - wenn wir die Jahresarbeitszeit eines Arbeitnehmers ansetzen (1650 Stunde pro Jahr) rund 4 Hektar bewirtschaften. Daraus würde sich ein Verdienst von 20.000 € ergeben. Abzüglich der Betriebskosten blieben 16. 000 €. Davon kann keiner eine Familie ernähren, geschweige denn Rücklagen für Ersatzinvestitionen bilden.

Wenn ein Landwirt in etwa genau so entlohnt werden sollte wie ein durchschnittlicher Arbeitnehmer, müsste er den vierfachen Lohn erhalten. Damit müsste die Aufwandsentschädigung für 100 m² Blühfläche bei 200 € liegen.