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Ernährungssicherung

Biokraftstoffe: Mortler sieht wissenschaftlichen Tiefpunkt erreicht

Josef koch
Josef Koch
am Freitag, 23.09.2022 - 10:28

Zusammen mit Umweltorganisationen fordern Agrarwissenschaftler wie Alois Heißenhuber, TU-München-Weihenstephan das Aus für Biokraftstoffe.

Mortler Marlene-CSU-EU-Parlament

Als „wissenschaftlichen Tiefpunkt“ sieht CSU-Europaabgeordnete Marlene Mortler das Schreiben verschiedener Umweltorganisationen an die SPD- und FDP-Fraktionen zum Förderstopp von Biokraftstoffen. Den offenen Brief haben auch Agrarwissenschaftler wie der ehemalige Professor der TU-München-Weihenstephan, Alois Heißenhuber , Prof. Peter Feindt, TU-Berlin und Prof. Sebastian Lakner, Uni Rostock unterschrieben.

Während für das kommende Jahr bereits ökologische Rückzugsflächen für die Nahrungsmittelproduktion geopfert werden, soll nach dem Wunsch der FDP- und SPD-Bundestagsfraktionen auch an der Flächeninanspruchnahme für die Agrosprit-Produktion festgehalten werden, schreiben die Unterzeichner.

Für Umweltverbände sind Biokraftstoffe unverantwortlich

Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Organisationen wie Deutscher Naturschutzring, NABU oder WWF fordern im offenen Brief die Abgeordneten der FDP- und SPD-Bundestagsfraktion auf, ihre Zustimmung zur staatlichen Förderung von Biokraftstoffen zurückzunehmen. Stattdessen sollten sie sich besser für einen sofortigen Stopp von Biokraftstoffen auf Basis von Nahrungs- und Futtermitteln einzusetzen. Bundesumweltministerin Steffi Lemke will bis 2030 das Verspritten von Nahrungsmitteln komplett auslaufen lassen.

Aus Sicht der Organisationen ist es „höchst unverantwortlich, Nahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Rapsöl als „Bio“-Kraftstoff in Autos zu verbrennen.

Allein die in Deutschland im Jahr 2021 zu Biokraftstoff verarbeitete Getreidemenge von 2,4 Mio. t würde ausreichen, um ein Jahr lang knapp 16 Millionen vom Hunger bedrohte Menschen mit einer täglichen Getreideration zu versorgen, heißt es dazu im offenen Brief.

Mortler warnt vor zusätzlichem Mangel an Eiweißfutter

Marlene Mortler widerspricht der Kritik der Verfasserinnen und Verfasser an Biokraftstoffen. Sie wünscht sich mehr fachliches Know-how in der Diskussion. Aus ihrer Sicht greifen die Argumente der Biokraftstoffgegner gegen die Beimischung von Biokraftstoffen zu kurz. „Sie haben wissenschaftlich gesehen einen Tiefpunkt erreicht“, so die CSU-Politikerin.

Laut Mortler würde ein pauschales Verbot von Biokraftstoffen den Mangel an Eiweißprodukten auf deutschen und europäischen Feldern verschärfen. Wichtige Koppelprodukte wie Pflanzenöle und Proteine könnten so heimisch produziert und genutzt und müssen nicht auf dem Weltmarkt zugekauft werden.

Die CSU-Politikerin warnt zudem bei einem Ausstieg aus Biokraftstoffen vor noch größerer Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und größerem CO2-Ausstoß im Verkehrssektor. So würde die Ampelregierung schon jetzt nicht die steigenden CO2-Emmissionen im Verkehr in den Griff bekommen.

Nicht alle Brachflächen nutzbar

Für den Biokraftstoffkonsum der EU werden insgesamt laut der Umweltorganisationen zwischen 5,1 und 8,9 Mio. ha Ackerflächen weltweit beansprucht. Dies übersteigt vom Umfang her die 4 Mio. ha Brachen und Landschaftselemente, die die EU als Reaktion auf den Ukraine-Krieg vorübergehend für den Ackerbau zugelassen hat. Allerdings dürfen Landwirt in Deutschland alle Brachflächen gar nicht nutzen. Nach der jüngst beschlossenen Ausnahme-Verordnung müssen Landwirte Flächen, die 2021 und 2022 brach gelegen haben, auch 2023 als Brachflächen anmelden. Der Bauernverband schätzt, dass so allenfalls rund die Hälfte der 4% Stilllegungsfläche in 2023 für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden können.

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