Erneuerbare Energie

Biokraftstoffe: Expertendiskurs über richtigen Kurs

Josef Koch
Josef Koch
am Donnerstag, 22.04.2021 - 07:00

Die geplanten Vorgaben für Erneuerbare Energien im Verkehr beurteilen Experten gegensätzlich. Klassische Biokraftstoffe könnten verlieren.

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Die von der Bundesregierung geplanten neuen Vorgaben für erneuerbare Energien im Verkehrssektor bewerten Sachverständige sehr unterschiedlich. Das zeigte die öffentliche Anhörung im Umweltausschuss am gestrigen Mittwoch (21.4.) zum Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Treibhausgasminderungs-Quote. Vertreter der Biokraftstoffbranche forderten bessere Bedingungen für Biokraftstoffe, während sich Vertreterinnen von Umweltverbänden für eine Abkehr vom Verbrennungsmotor und die verstärkte Förderung der Elektromobilität aussprachen.

Der Gesetzentwurf setzt die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (RED II) in deutsches Recht um. Er verfolgt das Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien im Verkehrssektor zu erhöhen. Zu diesem Zweck soll die Treibhausgasminderungs-Quote (THG-Quote) von derzeit sechs Prozent bis 2030 schrittweise auf 22 Prozent steigen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Unternehmen, die Kraftstoffe in Verkehr bringen, verpflichtet, gewisse Quoten an erneuerbaren Energien einzuhalten.

Zu wenig Offenheit für alle Technologien

Dafür sei Technologieoffenheit zwingend erforderlich, sagte Thomas Willner von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Davon sei der Gesetzentwurf jedoch weit entfernt, da er E-Mobilität bevorzuge, andere Maßnahmen zurückdränge und Investitionen in alternative Kraftstoffe verhindere. Die vorgesehene Mehrfachanrechnung bestimmter Optionen lehnte er ab, da sie zu einer Wettbewerbsverzerrung führe.

Die Mehrfachanrechnung sei grundsätzlich ein geeignetes Instrument, um Anreize für neue Technologien zu schaffen, sagte hingegen Christian Küchen vom Mineralölwirtschaftsverband. Den Gesetzentwurf bezeichnet er als gute Grundlage, und das ambitionierte Ziel von 22 Prozent sei zu begrüßen.

Potenzial von Biokraftstoffen verschenkt

Auch wenn sich der Gesetzentwurf gegenüber den Referentenentwürfen verbessert habe, verpasse er weiterhin viele Chancen, monierte Sandra Rostek vom Hauptstadtbüro Bioenergie. Der Entwurf schaffe es nicht, die Potenziale der verschiedenen Erfüllungsoptionen zu heben und bewirke keine Weiterentwicklung der THG-Quote, sondern eine Stagnation. Durch den späten und dann sprunghaften Anstieg drohen zudem Marktverwerfungen. Rostek plädierte für einen maßvollen Anstieg des Ambitionsniveaus der THG-Quote ein.

Bei Biokraftstoffen aus Anbaubiomasse werden laut Rostek mit dem Gesetzesentwurf wertvolle Potenziale verschenkt. Durch eine Anhebung der Obergrenze auf 5,3 Prozent etwa (von derzeit 4,4) ließe sich der absolut unabdingbare Beitrag der Biokraftstoffe stabilisieren.

Nicht nachvollziehbar ist laut Rostek, dass der biogene Wasserstoff nicht anrechenbar auf die THG-Quote sein soll. Hier verschenke der Gesetzgeber Potentiale.

Entscheidend sei es, den Endenergieverbrauch im Verkehrssektor zu senken, sagte Franziska Müller-Langer von der Deutsche Biomasseforschungszentrum gemeinnützige GmbH. Die Nutzung konventioneller Biokraftstoffe sei dabei auch weiterhin unabdingbar.

Elmar Baumann vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie befürchtet zudem , dass durch das Gesetz abfallbasierte Biokraftstoffe und Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse aus dem Markt verdrängt würden.

Mehrfachanrechnung unterschiedlich beurteilt

Mehrfachanrechnungen führten zu Verzerrungen im Quotenhandel und hätten keinen zusätzlichen Klimaschutzeffekt, sagte Toni Reinholz von der Deutschen Energie-Agentur (dena). Um die Klimaschutzziele im Verkehr zu erreichen, sei der Einsatz von synthetischen Kraftstoffen nicht biogenen Ursprungs und damit auch von E-Fuels (strombasierte Kraftstoffe) notwendig.

Für Johanna Büchler, Deutsche Umwelthilfe, ist die vorgesehene THG-Quote von 22 Prozent zu hoch. Eine hohe, schnell ansteigende THG-Quote sei keineswegs mit ambitioniertem Klimaschutz gleichzusetzen, betonte Büchler. Um die Quote zu erfüllen, müssten Kraftstoffe eingesetzt werden, die dem Klima nur auf dem Papier hülfen. Auch die Verwendung von E-Fuels für Pkw lehnte sie als "hochgradig ineffizient" ab. Hingegen sollte nach ihren Worten der Einsatz von Strom vierfach - und nicht nur dreifach - auf die THG-Quote angerechnet werden.

Eine ambitionierte THG-Quote sei erst dann sinnvoll, wenn die Elektromobilität einen hohen Marktanteil erreicht habe, betonte Jekaterina Boening von Transport & Environment Deutschland. Sie forderte sie bis 2030, aus allen konventionellen Biokraftstoffen auszusteigen.

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