Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Alpen.Gipfel.Europa

Biodiversität braucht Almwirtschaft

Wiese-Ingrid_ke
Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Donnerstag, 09.06.2022 - 14:47

Die wenigsten Menschen wissen, dass für die Biodiversität im Alpenraum die Berglandwirtschaft entscheidend ist. Wir sprachen mit Alois Glück darüber wie sich das ändern lässt und wie die Almen und Alpen gesichert werden können.

Alois-Glueck_ke

Sie sind eine Art Mitinitiator des Alpen.Gipfel.Europa (www.alpen-gipfel-europa.de) und Sie haben das Thema Biodiversität in den Mittelpunkt gerückt.

Wir haben historische Veränderungen beim Verhältnis von Naturschutz und Almwirtschaft. Früher - und das liegt noch nicht lange zurück - haben viele aus dem Naturschutz die Almwirtschaft eher als Störfaktor betrachtet. Nicht zuletzt durch die Beratungen am Runden Tisch (im Zusammenhang mit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“, Anm. der Red.) hat man die Bedeutung der Almwirtschaft für die Biodiversität entdeckt.

Und es gibt den Biologen, Alfred Ringler. Er ist eine anerkannte Autorität sowohl bei den Naturschützern als auch bei den Land- und Forstwirten. Seine Forschungsarbeiten hat er in der Zeitschrift „Der Almbauer“ veröffentlicht. Ich habe gedacht, das muss eine breite Öffentlichkeit erfahren. Das war der Impuls, der schließlich zum Alpen.Gipfel.Europa geführt hat. Das zeigt, es ist ein internationales Thema, trotz aller Unterschiedlichkeit, die man in den einzelnen Alpenländern hat. Den wenigsten Menschen ist klar, dass sie sich in den Bergen an einer Kulturlandschaft erfreuen und dass dafür die Almwirtschaft eine große Bedeutung hat.

Aber den Bergbauern ist das doch bewusst.

Schon, aber es reicht nicht, wenn sie sich auf die Schulter klopfen. Es geht hier um Information und Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich müssen die Bergbauern auch gesprächsfähig sein und bereit sein, aufmerksam zuzuhören. Jede Verständigung beginnt mit der Bereitschaft zuzuhören. Und es gilt, neue Erkenntnisse umzusetzen, etwa beim Zeitraum der Beweidung.

Biodiversität bedeutet Stabilität

Alois-Glueck_ke

Wochenblatt: Es gibt im Naturschutz auch die Strömung „Wildnis“, bei der sich der Mensch völlig zurückzieht.

Das ist jedenfalls für diesen Landschaftsraum keine Entwicklung im Sinne der Anliegen des Natur- und Umweltschutz. Denn Rückzug heißt, es entwickelt sich ganz schnell eine ganz einseitige Vegetation. Und das steht im Gegensatz zur Artenvielfalt. Vielfalt im Naturhaushalt bedeutet Stabilität. Biodiversität ist darüber hinaus eine wichtige Komponente für die ganze Klimastrategie.

Biodiversität verlangt eine solide Fachlichkeit. „Die Landwirtschaft“ ist nicht schwarz-weiß, weder nur gut oder nur schlecht, und da ist eben viel Information notwendig.

Natur, die uns Menschen gut tut | Alpen.Gipfel.Europa.2022

Warum schwierig? Almwirtschaft ist doch ganz einfach eine schöne Landschaft, von den Almbauern geschaffen.

Aber dem Wanderer ist nicht bewusst, welche Bedeutung dabei die Landwirtschaft, die Algenwirtschaft hat. Und es geht mehr als um „schöne Landschaft“. Es geht nicht nur um Schönheit, es geht um Stabilität im Naturhaushalt. Ein zentrales Thema der Strategien der Klimapolitik. Wir haben in Bayern im Alpenraum die stärkste Klimaveränderung. Wir haben auch ganz schnell die größten Probleme mit Wetterextremen und deren Folgen.

Besucherdruck belastet Natur und Bewirtschafter

Gibt es auch Probleme mit dem Tourismus?

Der Besucherdruck insgesamt macht uns Probleme in den Bergen. Viele bewegen sich in der Landschaft ohne jedes Gespür. Kein Gespür für die Pflanzen, kein Gespür für die Tiere, einfach nur Wumm, Freizeitvergnügen und drauflos. Das ist wieder ein gemeinsames Problem von Naturschutz und Landwirtschaft.

Radfahren-verboten-Alm_ke

Sind also entsprechende Lenkungsmaßnahmen einschließlich von Betretungsverboten notwendig?

Da kommen wir in schwierige Themen verfassungsrechtlicher Art. Da spielt auch das freie Betretungsrecht eine wichtige Rolle. Aber da kommen auch andere Organisationen in ein Spannungsfeld. Der Alpenverein etwa hat auf der einen Seite den Verein zum Schutz der Bergwelt, wo er auch die bisher genannten Probleme thematisiert, auf der anderen Seite hat er natürlich die sportliche Variante, die er nicht verlieren möchte. Auch deren Interessen können nicht außen vor bleiben.

Der Wolf macht den Almbauern Angst

Interessenskonflikte gibt es auch bei den großen Beutegreifern.

Bei der Versammlung der Forstberechtigten in Ruhpolding ging es fast den gesamten Abend um den Wolf. Da war spürbar, was da für eine Angst drin ist, welche Sorgen die Betroffenen plagen. Das gilt vor allem für die Sorge, dass durch das Auftauchen eines Wolfs in einer Herde eine Panik entsteht, die zu Abstürzen führt. Bei der Struktur unserer Almen sind Vorkehrungen wie Zäune kaum eine realistische Möglichkeit. Persönlich kann ich mir durchaus vorstellen, dass bei einer wirklich guten Informationskampagne die Bevölkerung durchaus überzeugt werden kann, dass der Wolf ein Riesenproblem ist. Man sollte sich im Herbst zusammenzusetzen und Bilanz ziehen und gemeinsam mit den Umweltverbänden diskutieren, ob nicht unter bestimmten Voraussetzungen auch ein Abschuss eines Wolfs möglich sein muss.

Kombihaltung muss akzeptiert werden

Was den Almbauern auch Probleme macht, das ist das Thema Anbindehaltung, wo sind da die Lösungsansätze?

Wir brauchen die Akzeptanz der Kombihaltung. Wenn die Tiere vier, fünf Monate im Jahr auf der Weide sind, dann muss für den Rest des Jahres eine möglichst tiergerechte Anbindehaltung für die Gesellschaft akzeptabel sein. Da gibt es ja auch Varianten. Wenn man den Laufstall kompromisslos durchsetzen will, dann ist das für die Zukunft der Berglandwirtschaft eine große Gefahr. Mit Konsequenzen für die Biodiversität, für das Klima und für den Tourismus. Und deshalb ist es im Endergebnis nicht nur ein Problem der Landwirtschaft. Es ist die Aufgabe der landwirtschaftlichen Organisationen diesen Sachverhalt verständlich zu vermitteln.

Es braucht eindrucksvolle Bilder

Kathi Böck kniet vor einer Kalbin

Wie kriegen wir die Kuh vom Eis?

Wir brauchen in Bayern, vielleicht auch im gesamten Alpenraum, eine gemeinsame Kommunikationsstrategie. Eine, die die Psychologie berücksichtigt und die von wirklichen Strategen der Kommunikation gemacht ist. Da kann es nicht einfach um Geh- oder Verbote gehen, da braucht es Bilder, die die Gefühle ansprechen. Dazu müssen das Landwirtschaftsministerium, das Umweltministerium, Wirtschaft und Verkehr sowie Tourismus unter Leitung der Staatskanzlei an den Tisch. Da muss man den Alpenverein ins Boot holen, die Wandervereine, die Tourismusverbände und selbstverständlich die Bewirtschafter. Ich habe das schon beim Runden Tisch nach dem Volksbegehren „ Rettet die Bienen“ mehrmals vorgeschlagen.

Alpen.Gipfel.Europa.2022

Unter dem Motto „Biodiversität – Bleibt der Bauer, lebt die Alm“ stellt der „Alpen.Gipfel.Europa.2022“ die Rolle der Berglandwirtschaft für diesen einzigartigen Natur- und Lebensraum in den Fokus. Politiker, Verbände, Naturschützer, Touristiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz treten in einen konstruktiven Dialog und zeigen Lösungsansätze für die Zukunft auf.

Prominent besetzte Podiumsrunden belegen den hohen Stellenwert der Berglandwirtschaft. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ist dabei, ebenso Österreichs neuer Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und der Südtiroler Europaabgeordnete Herbert Dorfmann (SVP). Den Berufsstand vertreten Walter Heidl, BBV, Joachim Rukwied, DBV, Leo Tiefenthaler, Südtiroler Bauernbund, Georg Strasser, Bauernbund Österreich, und Thomas Roffler vom Bündener Bauernbund. Interessierte Wochenblatt-Leser können dabei sein, sollten sich aber frühzeitig anmelden, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Termin: 23. Juni 2022
Zeit: 9 bis 13 Uhr
Ort: Untere Firstalm, 83727 Schliersee

Hier erreichen Sie den Live-Stream und den Chat auf Youtube

Info: www.alpen-gipfel-europa.com