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Hauptalmbegehung

Beim Kulap noch Redebedarf

Schön, aber anstrengend: Gut 600 Teilnehmer zählte die 75. Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern.
Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Dienstag, 09.08.2022 - 09:00

Beim Bergwandern glauben die meisten Menschen sie bewegen sich in der freien Natur. Doch ohne die Arbeit der Almleute würden die Alpen ganz anders aussehen.

Friedliches Miteinander: Auch das Almvieh wollte sich bei der Hauptalmbegehung aus erster Hand informieren.

Erledigt ist für Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber das Thema Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete. Durch die Neudefinition der Kriterien vor ein paar Jahren hatte es hier auch für viele Bergbauern Einbußen gegeben. Mit dem neuen Kulap seien die Dinge wieder geradegerückt, so die Ministerin bei der 75. Hauptalmbegehung des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern auf der Sieblalm bei Rottach-Egern.

AVO-Vorsitzender Sepp Glatz sieht das anders, für ihn besteht hier noch einiger Redebedarf. Der AVO hat die strittigen Punkte zu diesem Thema und einige weitere Themen in einem Brief zusammengefasst und Kanibers Chef, Ministerpräsident Markus Söder überreicht. Auch Christian Webert, Chef des Landwirtschaftsamtes Holzkirchen räumte ein, dass es bei der Umsetzung des neuen Kulap noch ein paar Schwierigkeiten gebe.

Söder hatte bei der Hauptalmbegehung mit einer knackigen Aussage für Furore gesorgt: „Der Wolf gehört hier nicht her.“ Er hat damit sicher den Almleuten aus dem Herzen gesprochen, aber auch dieses Thema ist mit dem Zitat nicht gelöst.

EU und Bundesumweltministerium müssen mitziehen

Eine wirklich unbürokratische Entnahme ist erst möglich, wenn die EU den günstigen Erhaltungszustand des Wolfes in Deutschland anerkannt hat. Die dazu notwendigen Zahlen und Unterlagen, die von der Bundesregierung eingereicht werden müssten, liegen in Brüssel aber nicht vor.

Wenn es in Deutschland nicht vorangeht, dann vielleicht im Alpenraum, das ist jedenfalls die Hoffnung von Bayerns Umweltminister Torsten Glauber. Der Ansatz: Im gesamten Alpenraum funktionieren Maßnahmen wie Zäune oder Herdenschutzhunde nicht. Die Hoffnung: Es soll in dieser Region sogenannte Weideschutzgebiete geben, in denen Wölfe keinen Platz haben.

BMEL sieht keine Chance für Weideschutzgebiete

Durchhaltevermögen: Manuela Rottmann, Staatssekretärin im BMEL, (mit Mikrofon), durfte auf der Ableitenalm ihre Positionen vorstellen..

Solchen Gebieten erteilte Staatssekretärin Dr. Manuela Rottmann, Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium eine Absage: Es könne keine wolfsfreien Gebiete geben, weil Wölfe immer ziehen. Außerdem würden Wölfe in den hohen Schalenwildbeständen eine gute Futtergrundlage vorfinden. Wie ihre Aussage einzuordnen ist, dass der Wolf nicht das drängendste Problem sei, weil der Mensch Gewehre habe, der Wolf aber nicht, das blieb offen.

Klarer wurde da Norbert Schäffer, Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern. „Wir wollen den Wolf“, sagte er, das müssten auch die Almbauern akzeptieren, aber es gebe einen Managementplan in Bayern. In dem sei klar festgelegt: Wenn ein Wolf in einem Gebiet, das nicht schutzfähig ist, Schaden anrichtet oder wenn er Schutzmaßnahmen überwinde, dann sei eine Entnahme möglich. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann muss laut Schäffer schnell gehandelt werden und sein Verband werde gegen einen Abschuss nicht klagen.

Einig sind sich der AVO und der Bayerische Bauernverband. „Wir brauchen ein Monitoring für den gesamten Alpenraum“, machte BBV-Umweltpräsident Stefan Köhler bei der Hauptalmbegehung deutlich. Er mahnte auch an, dass die Kulisse der nicht schützbaren Gebiete für Bayern noch fehle. Gegenüber dem Wochenblatt deutete Köhler auch an, dass es sehr schwer sei, Termine in den Ministerien zu bekommen, um diese Punkte voranzutreiben.

Almwirtschaft braucht Kombihaltung

Verständnis schaffen: Mit solchen Schildern wollen Bayern und Österreich die Touristen um Rücksicht auf die Almwirtschaft bitten. Michaela Kaniber und Hans Stöckl präsentieren die Aktion.

BBV-Vizepräsident Günther Felßner hofft, dass die Almbegehung such den Bundespolitikern deutlich macht, dass die Kombihaltung auch in Zukunft notwendig ist. Anton Maier rechnete vor, dass seine Tiere zunächst auf der Wechselalm stehen und dann auf die Sieblalm umziehen. Zusammen sind das rund 145 Almtage. Rechnet man die Talweide noch dazu, dann sind die Tiere 200 Tage im Jahr auf der Weide.

Noch einmal zurück zu Manuela Rottmann. Sie stellte, ebenso wie die Vorsitzende der Grünen in Bayern, Eva Lettenbauer, den Klimawandel als das wichtigste Problem unserer Zeit heraus. „Wir betteln um Eneegie und Wasser“, so Rottmann wörtlich. Und letzteres kann auch auf den Almen zur Herausforderung werden. Wie Simon Adlbert von der Wallbergalmgemeinschaft berichtete, sind auf den 140 ha LN der Gemeinschaft 35 Wasserstellen eingerichtet. Die Gemeinschaft wurde im Jahr 1895 gegründet, um die Almen am Wallberg für die ortsansässigen Bauern zu sichern. Der Gemeinschaft gehören 15 Eigentümer an, von denen sieben noch aktiv Almwirtschaft betreiben.

Ein weiteres Thema waren die FFH-Gebiete. Peter Hagns Schwiegervater hatte 2014 auf der Röthensteinalm Holz eingeschlagen und dabei angeblich einen schützenswerten Lebensraum, den alpinen Fichtennadelwald, zerstört. Zwar habe es auch in dem Raum vor der Ausweisung die sogenannten runden Tische gegeben, aber laut Hagn, hätte es nach Ausweisung des Gebietes eine intensivere Kommunikation der Behörden gebraucht. Die Sache ist immer noch nicht ausgestanden, aber man befinde sich auf einem guten Weg.

Vielfältige Leistungen für die Gesellschaft

Apropos Weg. Unter anderem, um die zu schützen, dient das Projekt „Respektiere Deine Grenzen“, das Michalea Kaniber vorstellte. Es ist ein deutsch-österreichisches Gemeinschaftsprojekt und soll die Bergbesucher zur Rücksicht ermahnen. Wie notwendig das ist, machte Hans Kiening auf der Ableitenalm deutlich: „Wenn es regnet, dann ist der Steig nass und 100 Wanderer gehen daneben. Und schon hast Du einen zweiten Steig. Die meinen, ihnen gehört alles.“ Er selbst brauche den Steig nur zweimal im Jahr, einmal im Frühjahr zum Auf- und einmal im Herbst zum Abtrieb. Die ganze übrige Zeit gehöre der Steig den Wanderern.

Es hat einen guten Grund, warum bis hierher nur von Steigen die Rede ist, denn einige der Almen um den Risserkogel sind nicht mit Wegen erschlossen. Früher half hier das Militär mit den Mulis beim Transport von notwendigem Material. Heute geht das mit dem Hubschrauber. Aber auch da wird die Bürokratie immer mehr wie Maria Bauer auf der Bernaualm erklärt. Ihr Almkollege Martin Strohschneider fügt hinzu, dass gleichzeitig das Personal weniger wird. Das Problem sei nicht der Hubschrauber an sich ergänzt Kiening, aber mal dürfe man wegen Birkwildküken nicht fliegen und mal nicht wegen des Adlerhorstes in der Nähe.

Almleute mit Leidenschaft bei ihrer Arbeit

Trotz all der genannten Probleme spürt man, mit welcher Leidenschaft die Almleute ihre Flächen bewirtschaften. Es ist ein ganz besonderer Gesichtsausdruck und ein besonderer Tonfall, wenn etwa Christa Mayer auf der Riedereckalm sagt: „Und wenn ich mal ein paar Minuten Ruhe habe, kann ich den Blick bis zum Großvenediger schweifen lassen.“

Wie viel die Touristen vom Einsatz der Almleute mitbekommen? Vielleicht hat Nikolaus Kraus, MdL Freie Wähler, gar nicht so unrecht, wenn er einen Vergleich mit der Hauswirtschaft anstellt: „Das ist alles selbstverständlich. Du merkst erst, was dahintersteckt, wenn Du mal nach Hause kommst und es ist nicht geputzt, gewaschen und gebügelt und es steht kein Essen auf dem Tisch“.

Auch Erich Schwärzler, Obmann der Almwirtschaft Österreich, stellt klar: „Die Almbauern erhalten keine Subventionen sondern allenfalls ein Leistungsentgelt.“