Wirtschaftspolitik

Von Bauern, Stahlkochern und Autoherstellern

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 25.11.2020 - 18:25

Die Politik schafft gerade in massivem Umfang Verlierer unter den nationalen Wirtschaftssektoren. Und einer geht immer als Gewinner hervor.

Wer letzten Mittwoch die Wirtschaftsmeldungen durchforstete, sah Wohl und Wehe eng beieinander. Für die Autoindustrie schüttelte die Bundesregierung wieder einmal auf einem Autogipfel locker 2 Mrd. € aus dem Ärmel, obwohl die meisten Hersteller schwarze Zahlen schreiben. Und Thyssen-Krupp vermeldete, dass der Konzern 11.000 Stellen in Deutschland abbaut, weil er unter massivem wirtschaftlichem Druck steht. Billige Importware aus Asien drückt auf die Marge und es stehen kostspielige Investitionen an.

Entscheidung nach politischem Kalkül

Ulrich Graf

Das Geld bekommen anscheinend nicht die, die es brauchen, sondern die, die es ohnehin haben. Warum? Klar, die Autobauer sind die größten Arbeitgeber in Deutschland und werden deshalb bevorzugt bedient. Aber anstatt das offen und ehrlich zu sagen, wird wieder einmal der Klimaschutz vorgeschoben. Die Elektromobilität muss gefördert werden. Aber das Geld gibt es auch für die sogenannten Plug-in-Hybride. Das sind Autos, denen zum Verbrennungsmotor noch einmal eine Batterie und ein Elektromotor aufgesattelt werden. Diese Kolosse verbrauchen dann laut Papier um die zwei Liter. Das sind aber total unrealistische Werte. Bei einem kürzlichen Test der Zeitschrift auto, motor und sport kam beim üblichen Einsatzmix keiner der Boliden unter sieben Litern weg. Und angeblich gibt es Leasingfahrzeuge aus Firmenflotten, bei denen liegt bei der Rückgabe nach Ablauf des Leasingzeitraums das Elektroladekabel noch originalverpackt im Kofferraum. Dennoch hübschen diese Fahrzeuge mit ihren Papierwerten die deutsche Klimabilanz auf.

Und wie steht es um die Stahlkocher? Der energieintensive Sektor, der allein in etwa so viel CO2 ausstößt wie die Landwirtschaft, steht vor einer Technologierevolution. thyssenkrupp Steel verfolgt dabei einen technologieoffenen Ansatz und setzt auf zwei Pfade: die Vermeidung von CO2 durch den Einsatz von Wasserstoff („Carbon Direct Avoidance“, CDA) sowie die Nutzung von anfallendem CO2 („Carbon Capture and Usage“, CCU). Dafür braucht es aber Geld. Da hätten zwei Milliarden nachhaltig etwas bewirken können. Bis diese Investitionen sich in der nationalen Klimabilanz niederschlagen, hätte zwar etwas gedauert, aber Deutschland hätte eine Zukunftstechnologie geschaffen.

Die schlechteste der möglichen Lösungen

Durch die Förderung des Fahrzeugsektors werden die deutschen Autobauer die nächsten Jahre weiterhin fleißig Stahl zu Karossen pressen und einen hohen Bedarf an diesem Material haben, nur wird es eben verstärkt aus dem Ausland kommen - ist ohnehin billiger, weil da weiterhin billige Braunkohle verfeuert wird. Außerdem belastet die asiatische Produktion nicht die deutsche Klimabilanz.

Die hiesige Stahlindustrie hat einen dornenreichen Weg vor sich. Wer weniger produziert verbraucht aber auch weniger Energie. Das entlastet die deutsche CO2-Bilanz.

Deutschland hübscht also seine Treibhausgasbilanz auf, indem es klimakritische Sektoren des Landes verweist und betroffene Produkte importiert. Für das Weltklima ist das aber ein Desaster, weil neben besonders umweltschädlichen Produktionsformen auch noch die Transportenergie obendrauf kommt.

Dieses Prinzip gilt auch für die Herstellung der Autobatterien. Hier ist China Weltmarktführer. Die bei der Produktion anfallenden Treibhausgase gehen also auf dessen Bilanz. In Deutschland schnurren dann die Boliden mit einer offiziell deklarierten Nullbilanz übers Land – obwohl das natürlich nicht zutrifft, solange fossile Brennstoffe in der Stromerzeugung eine Rolle spielen.

Ein schlechtes Geschäft fürs Klima

Was hat das nun mit der Landwirtschaft zu tun? Nun, sie zählt auch zu den ungeliebten Kindern. Mit Farm-to-Fork soll sie zurückgefahren werden mit der Konsequenz, dass Deutschland mehr Lebensmittel importieren wird. Und da gilt das gleiche wie bei Stahl. Die nationale Bilanz wird aufgehübscht, die globale belastet. Gerade bei der Stahlproduktion hätte die Regierung aber eine Möglichkeit gehabt, über Zukunftstechologien die globale Bilanz deutlich zu entlasten. Aber das Hemd ist eben näher als die Hose.

Die Deutschen führen einen Lebensstil mit immensen Ressourcenverschleiß. Anstatt nun etwas Verzicht zu üben, ein etwas kleineres Auto zu fahren und die Heizung etwas herunterzudrehen, setzt man darauf, die verursachten CO2-Rücksäcke weltweit zu verteilen und sie damit aus der eigenen Bilanz zu entfernen. Unterm Strich ist diese Vogel-Strauß-Politik ein schlechtes Geschäft fürs Klima. Richard Fuchs, Calum Brown und Mark Rounsevell, Experten für Geoökologie vom Karlsruher Institut für Technologie bringen das in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift Spektrum klar auf den Punkt: „Unterm Strich lagern die EU-Mitgliedstaaten also Umweltschäden in andere Länder aus, während sie gleichzeitig die Lorbeeren für die grüne Politik im eigenen Land einheimsen“.