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Klimapolitik

Bauern sollen mit Humuszertifikaten Geld verdienen

Josef koch
Josef Koch
am Donnerstag, 16.12.2021 - 09:40

Pläne der EU-Kommission stoßen bei Interessenvertretern auf unterschiedliche Resonanz.

Regenwuermer_Bioackerbau-Humus

Die EU-Kommission will Landwirten bis 2028 den Handel mit Zertifikaten für Kohlenstoffsenken ermöglichen. Schließlich trage das Einlagern von Kohlenstoff im Boden ("Carbon Farming") zum Klimaschutz bei. In ihrer Mitteilung über "nachhaltige Kohlenstoffkreisläufe" am Mitwoh (15.12.) machte die EU-Kommission auf das bisher kaum ausgeschöpfte Potenzial für den Klimaschutz in der Landwirtschaft aufmerksam. Carbon Farming ist ein Teil der Farm-to-Fork-Strategie (Vom Hof auf den Tisch). Das Anreichern von Humus im Boden, die Wiederbewässerung von Moorböden und Agroforstsysteme sind mögliche Kohlenstoffsenken in der Landwirtschaft. Damit diese ausgeschöpft werden, sollen Landwirte für ihre Bemühungen entlohnt werden.

Die EU-Kommission schätzt das Einlagerungspotenzial für die agrarischen Karbonsenken bis 2030 auf 42 Mio. t Kohlendioxid-Äquivalent. In ihrem Vorschlag für die LULUCF-Verordnung erwartet sie, dass durch Wälder und landwirtschaftliche Nutzflächen zusammen bis 2030 rund 310 Mio. t Kohlendioxid-Äquivalent unter dem Strich eingespart werden.

Deshalb sollen nach den Mitteilungen der EU-Kommission Landwirte bis 2028 Zugang zu einem funktionierenden Zertifikathandel bekommen. Vorher bedürfe es aber einer Anschubfinanzierung aus dem EU-Agrarhaushalt, räumt die EU-Kommission ein. Außerdem soll eine Expertengruppe eingerichtet werden, um die Zertifikate zu entwickeln. Für Ende 2022 kündigt die EU-Kommission einen Gesetzesvorschlag für das "Carbon Farming" an.

Vorbild Industriesektor

Timmermans-Frans-Green Deal

Im Industriesektor funktioniere der Emissionshandel bereits, erklärte EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans. Um ähnliche handelbare Zertifikate im Agrarsektor auf den Weg zu bringen, brauche es eine wissenschaftliche Grundlage und ausreichend Glaubwürdigkeit, führte der Kommissar aus.

Er besuchte Pilotprojekte für Karbonsenken auf landwirtschaftlichen Betrieben in Flandern und in den Niederlanden. Für die Landwirte gäbe es neue Einkommensquellen, weshalb sie sich selbst an der Entwicklung von zuverlässigen Zertifikaten beteiligen würden, betonte Timmermans.
 

 

Krüsken sieht private Anbieter von Vorteil

Krüsken-Bernhard-DBV

Die Brüsseler Pläne stoßen auf unterschiedliche Resonanz in der Berufsvertretung. Der Deutsche Bauernverband (DBV) warnt vor einer Fehlausrichtung in Sachen Carbon Farming. So sei vorrangige Aufgabe der Landwirte, sichere und hochwertige Lebensmittel zu erzeugen. „Die Bindung von Kohlenstoff kann als zusätzliche Klimaschutzleistung erbracht werden“ räumt DBV Generalsekretär Bernhard Krüsken ein. Diese Klima-Dienstleistung muss laut Krüsken jedoch zwingend als solche anerkannt und entsprechend honoriert werden. Der DBV kritisiert die in Teilen geplante Integration von „Carbon Farming“ in die Gemeinsame Agrarpolitik, die geplante Stilllegung von land- und forstwirtschaftlichen Flächen sowie das Verknüpfen mit ordnungsrechtlichen Umweltauflagen.

Nach DBV-Auffassung wird die Beschränkung auf die Agrarpolitik dem Potenzial von Carbon Farming nicht gerecht und wird die breitflächige Umsetzung ausbremsen. „Die zusätzliche Klimaleistung muss durch zusätzliche Mittel beispielsweise aus dem Emissionshandel finanziert werden“, verlangt Krüsken. Positiv bewertet der DBV, dass Brüssel private Anbieter stärker berücksichtigen will. Dafür sei aber jetzt schnell ein wissenschaftlich abgesicherter und verlässlicher EU-weiten Rahmen nötig, damit private Anbieter gemeinsam mit Landwirten die nachhaltige Kohlenstoffbindung vorantreiben können, so der DBV-Generalsekretär.

AbL lehnt Einstieg privater Anbieter ab

Dagegen hält die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) nicht von einem Einstieg von privaten Anbietern. Nach Ansicht der AbL-Vorsitzenden Elisabeth Fresen führe das am Ende nur zur „Schönrechnerei“. So liege der Fokus beim vorgeschlagene Finanzierens-System über privatwirtschaftliche Emissionszertifikate nicht auf dem notwendigen Verringern von Emissionen, sondern auf deren Ausgleich.

Das sei besonders dann der Fall, wenn die beteiligten Unternehmen keine schlüssigen Konzepte vorlegen, wie sie ihre Emissionen ambitioniert senken wollen. In der letzten Zeit hat laut AbL die Nachfrage nach den Zertifikaten insbesondere aus dem privaten Sektor stark zugenommen. Unternehmen sähen hier eine Chance, ihre Emissionen zu kompensieren.

 

Bezahlung über öffentliche Gelder favorisiert

Böden und Humus sind laut Fresen sensible und vielfältige Ökosysteme mit einem riesigen Potenzial zum Schutz des Klimas, der Biodiversität oder des Wassers. „Von ihrer nachhaltigen und schonenden Nutzung hängt zudem nichts weniger als die Ernährung der Menschen ab. Sie sind jedoch keine „CO2-Lager“, um die fossile Energienutzung zu kompensieren“, warnt die AbL-Vorsitzende.

Grundsätzlich befürwortet die AbL aber, Bäuerinnen und Bauern für klimagerechtes, stärker als bisher zu honorieren. Fresen fordert daher die EU-Kommission auf, die EU-Staaten bei der anstehenden Genehmigung der GAP-Strategiepläne in die Pflicht zu nehmen und dafür sorgen, damit sich Klimaschutz für Landwirte auch wirtschaftlich lohne.

Mit Material von aiz
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