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Phosphat in Gewässern

Ausnahmen für Kläranlagen: Mehr Phosphate werden in Gewässer geleitet

Weil Kläranlagen kaum noch Fällmittel erhalten und vielerorts Ausnahmeregelungen für die Phosphatgrenzwerte nutzen können, kann es im Frühjahr zu einem starken Algenwachstum in Gewässern kommen.
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Externer Autor
am Donnerstag, 20.10.2022 - 08:36

Die hohen Energiekosten könnten bald die Phosphatbelastung in Gewässern vergrößern: Weil Fällmittel zum Filtern des Abwassers knapp sind, können viele Betreiber von Kläranlagen auf neue Ausnahmeregelungen zu den Grenzwerten für Phosphate zurückgreifen.

Meist wird das Umkippen von Gewässern ohne Umschweife auf die Landwirtschaft zurückgeführt. Dass auch Kläranlagen ein nicht zu unterschätzender Eintragspfad für zu viele Nährstoffe in Flüssen und Seen sind, wird dabei vergessen.

Und die Kläranlagen gewinnen als Ursache für die Phosphat- und Algenkonzentration in Gewässern gerade erheblich an Bedeutung. Wegen der Knappheit bei Fällmitteln dürfen viele Kläranlagen den Grenzwert für Phosphat in geklärtem Wasser überschreiten. Ab dem Frühjahr könnten die Ausnahmeregelungen durch ein vermehrtes Algenwachstum in Seen und Fließgewässern für jeden sichtbar werden.

Weniger Salzsäure führt zu Knappheit bei Fällmitteln

Bevor geklärtes Wasser aus Kläranlagen in die Umwelt geleitet wird, müssen Fällmittel-Chemikalien eingesetzt werden, um die Phosphate im Abwasser zu binden und zusammen mit dem Klärschlamm auszufiltern. Bei den Fällmitteln handelt es sich um Eisen- oder Aluminiumsalze. Sie entstehen bei der Herstellung von Salzsäure als Nebenprodukt.

Doch im Moment ist die Salzsäureproduktion rückläufig. Einem Bericht des MDR zufolge liegt das sowohl am energieintensiven Prozess als auch an der gleichzeitig sinkenden Nachfrage. Im September habe der Salzsäurepreis laut MDR um ein Vielfaches höher gelegen als vor dem enormen Anstieg der Energiekosten.

Bundesländer erlassen Ausnahmeregelungen für Phosphatgrenzwerte

Von den Engpässen bei Fällmitteln könnte die Hälfte aller Kläranlagen in Deutschland betroffen sein. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA).

In Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt haben die Umweltminister bereits gehandelt und Regelungen zur Erhöhung der Einleitegrenzwerte für Phosphate erlassen. Damit droht den Kläranlagenbetreibern kein Ordnungswidrigkeitsverfahren, wenn sie den ursprünglichen Grenzwert überschreiten.

Teure Gewässereutrophierung

Mit den wärmeren Temperaturen im Frühjahr könnten sich die höheren Phosphatkonzentrationen im Klärwasser durch eine Anreicherung von Algen in Gewässern auswirken. Anderen Pflanzen und Tieren droht ein Mangel an Nährstoffen, Sauerstoff und Sonnenlicht. Außerdem bilden einige Algenarten in ihren Blüten Giftstoffe, die die Qualität des Wassers verschlechtern könnten.

Die Abwasserabgabe bewirkt, dass es für die Betreiber der Kläranlagen umso teurer wird, je mehr Phosphate sie in die Gewässer leiten. Letztlich müsse laut MDR der Verbraucher die Mehrkosten über höhere Abwassergebühren decken.

Kläranlagen und Landwirtschaft könnten in Symbiose leben

In einer Studie ist das Institut für ZukunftsEnergie- und StoffstromSysteme (IZES) im letzten Jahr zu dem Ergebnis gekommen, dass das Klärwasser aus Kläranlagen einen viel höheren Beitrag zur Gewässereutrophierung durch Phosphate leistet als bisher angenommen. Den Eintragspfaden aus der Landwirtschaft sei dagegen zu viel Bedeutung beigemessen worden.

Die Universität Bielefeld forscht derzeit daran, wie getrocknete Algen aus Kläranlagen als Dünger in der Landwirtschaft verwendet werden könnten. Wird das Algenwachstum in die Kläranlage zur Düngerproduktion verlagert, könnte gleichzeitig auch die Wasserqualität verbessert werden.