Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

EU-Taxonomie

Atomkraft als grüne Energie: Baywa-Chef warnt

Anti-Atomkraft
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 24.01.2022 - 09:35

Seine Kritik: Teile der erneuerbaren Energien werden durch EU-Pläne schlechter gestellt als der Bau und Betrieb von Atom- und Gaskraftwerken

Der Vorstandsvorsitzende der BayWa AG Prof. Klaus Josef Lutz warnt vor einer Verteuerung und Verzögerung der Energie- und Klimawende durch die EU-Taxonomie: „In der aktuellen Diskussion massiv übersehen wird, dass Unternehmen, die seit Jahrzehnten einen eindeutigen Beitrag für eine klimaneutrale Energieversorgung leisten, durch die EU-Taxonomie bald schlechter gestellt sind als weniger nachhaltige Geschäftsmodelle. Während Atom- und Erdgaskraftwerken, die offensichtlich nicht nachhaltig sind, ein grünes Mäntelchen umgehangen werden soll, sind der Handel mit Solarmodulen und Ökostrom nicht in den Taxonomie-Kriterien berücksichtigt. Sie gelten so als nicht signifikant für Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Das ist absurd, wenn man bedenkt, welches Ziel die EU-Taxonomie hat: Unternehmen, die ihre Investitionen an der Nachhaltigkeit ausrichten, zu belohnen und in ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.“

Absurder Vorschlag der EU-Kommission - Handel wird ausgeklammert

BayWa

Die EU-Taxonomie soll den Umbau der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit finanzieren. Im aktuellen Entwurf deckt sie aber nach Einschätzung von Lutz nur Teile der Wertschöpfung ab. Unternehmen, deren Beitrag zur Nachhaltigkeit laut EU-Taxonomie derzeit nicht als signifikant bewertet ist, würden Gefahr laufen, damit in der Bewertung als weniger nachhaltig dazustehen, als sie tatsächlich seien. Infolgedessen könnten sie womöglich in Zukunft keine grünen Finanzierungsinstrumente – das Steuerungsmittel der EU-Taxonomie – mehr nutzen. Das gelte für viele Branchen und für den Handel insgesamt:

„Wer soll denn all die nachhaltigen Produkte in den Markt bringen, wenn nicht der Handel? Bei allen anderen Vorgaben aus Berlin oder Brüssel wird der Handel mit Auflagen auch in die Pflicht genommen und es wird an seine Verantwortung in Sachen Umwelt, soziale Folgen oder gute Unternehmensführung appelliert. Da kann man doch jetzt nicht bei der EU-Taxonomie sagen, der Handel liefere keinen substanziellen Beitrag zur Nachhaltigkeit", kritisiert Lutz.

Das Ziel der deutschen Ampel-Regierung, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung bis 2030 auf 80 Prozent zu verdoppeln, sieht der BayWa CEO damit erschwert: Laut Koalitionsvertrag soll die installierte Leistung hierzulande allein im Solarbereich von derzeit 59 Gigawatt (GW) auf 200 GW im Jahr 2030 steigen.

Hinweis: Die EU-Taxonomie ist ein Wirtschaftsinstrument. In ihr definiert die EU, ob sich eine wirtschaftliche Investition wirklich nachhaltig nennen darf. So soll der Finanzsektor durchschaubrer werden und Investoren sollen einfacher erkennen können, ob eine Geldanlage sich positiv oder negativ auf Umwelt und Klima auswirken. Damit sollen die Geldströme gezielt in nachhaltige Anlageformen laufen. Große Investmentunternehmen und Banken haben bereits bekannt gegeben, dass sie von dem EU-Vorschlag wenig halten, da er die Glaubwürdigkeit "grüner Investments" untergräbt. Sie wollen deshalb grüne Anlageformen anbieten, die die beiden Energieformen ausschließt.