Studie

Artenschutz mit nachhaltig intensiver Landwirtschaft

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Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Mittwoch, 23.09.2020 - 11:53

Wie lässt sich der Artenverlust verringern, ja vielleicht die Entwicklung sogar umkehren? Eine neue Studie zeigt Wege auf und wagt neue Ansätze.

Ehrgeizige Zielsetzungen, wie reich die Welt an Arten bleiben sollte, gibt es zuhauf. Der Weg dorthin ist aber meist sehr vage formuliert. Umwelt- und Naturschutzverbände setzen auf rigide Verbote und Ausweisung großer Schutzgebiete. Aber wie soll das funktionieren in einer Welt, in der die Menschheit rapide zunimmt und die größten Artenverluste in den sogenannten Schwellenländer auftreten, deren größter Traum es ist, zu leben wie die Europäer und Nordamerikaner und dabei wenig auf die ökologischen Aspekte achten?

Auf diese Frage geht die neue Studie "Bending the curve of biodiversity loss" ein. Sie wurde in der Wissenschaftszeitschrift Nature veröffentlicht und ist Teil des neuesten Living Planet Report des World Wide Fund for Nature (WWF).

Das Beste aus zwei Welten

Traktor

Die Studie beruht auf einem integrativen Ansatz: Die teils widerstrebenden Elemente, wie höherer Bedarf an Lebensmittel durch eine wachsende Weltbevölkerung und mehr Artenschutz sollen so verbunden werden, dass im Idealfall möglichst viele Synergieeffekte zum Tragen kommen, beziehungsweise die erforderlichen Kompromisse möglichst gering ausfallen.

Im Gespräch mit dem Wochenblatt erklärte Michael Obersteiner, IIASA-Forscher und Direktor des Environmental Change Institute an der Universität Oxford, den methodischen Ansatz anhand der Extensivierung. Sie kann eine Maßnahme sein, um die Biodiversität auf einer Agrarfläche zu steigern. Gleichzeitig müsse man dann aber den höheren Flächenbedarf mit ins Kalkül ziehen und diesen nach ökologischen Kriterien bewerten. Das Saldo aus beiden Berechungen gibt dann den Ausschlag. Dabei kann herauskommen, dass eine Extensivierung Sinn macht, es kann sich aber auch zeigen, dass eventuell sogar eine Intensivierung sinnvoller wäre und die dann freiwerdende Fläche für den Artenschutz heranzuziehen.

Der ohnehin schwierige Prozess, die Biodiversität in berechenbare Größen zu fassen, erhält noch zusätzliche Komplexizität, da die Auswirkungen für jeden Standort einzeln zu berechnen sind. Was in Zentraleuropa gut ist, kann in der Republik Kongo sich ganz anders darstellen. Im Vergleich dazu, so Obersteiner, sei die Erfassung von CO2-Emissionen und ein Emissionsrechtehandel deutlich einfacher. Der Forschungsbedarf im Bereich der Biodiversität sei deshalb noch immens.

Drei Szenarien im Vergleich

Biodiversität

Die Studie verwendet mehrere Modelle sowie neu entwickelte Szenarien. Konkret kalkulierten die Wissenschaftler drei Varianten durch:

  • Bussines as usual - alles läuft weiter wie bisher,
  • erhöhte Anstrengungen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Biodiversität, beispielsweise durch die Ausweisung von Schutzgebieten,
  • zusätzliche Einbindung des Lebensmittelsektors.

Mit der Variante 2 konnte in etwa die Hälfte der im Business-as-usual-Szenario geschätzten Verluste an biologischer Vielfalt vermieden werden. Ein Anstieg der Kurve wurde nicht bei allen Modellen beobachtet, und wenn sie auftrat, war dies häufig nur der Fall in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts.

Darüber hinaus haben die Forscher festgestellt, dass die Variante 2 den Preis für Lebensmittel erhöhen und damit möglicherweise die zukünftigen Fortschritte bei der Beseitigung des Hungers behindern könnte.

Die größte Wirkung zeigt die Variante mit Einbindung des Lebensmittelsektors. Dazu gehören eine verringerte Lebensmittelverschwendung, eine umweltangepasste Ernährung sowie eine nachhaltige Intensivierung von Landwirtschaft und Handel. Wesentliche Änderungen betreffen hier also nicht nur die Produktion sondern auch den Konsum. Etwas weniger Fleisch in der Ernährung wäre theoretisch schnell realisierbar, in der Praxis dann doch immer etwas schwer umsetzbar.

Ganz ohne Kompromisse geht es nicht

Schutzgebiete

Aus der Studie leite sich kein genereller Verzicht auf Mineraldünger oder chemischen Pflanzenschutz ab, sagt Obersteiner im Gespräch mit dem Wochenblatt. Wichtig sei, einen größtmöglichen Nutzen für die Biodiversität zu erzielen, ohne die allgemeinen Erfordernisse, wie die Ernährung der Weltbevölkerung aus den Augen zu verlieren. Dazu könne eine regional intensive Landwirtschaft beitragen, wenn dadurch andere Landstriche verschont beiben. Damit bewege man sich in einem fortlaufenden Optimierungsprozess, bei der zum Schluss die Bilanz aus den zu erwartenden Gewinnen und Verlusten zählt.

Dennoch sieht die Studie auch Einschränkungen für die Landwirtschaft vor. So schlagen die Autoren vor:

  • Dass Schutzgebiete rund 40% der globalen terrestrischen Gebiete erreichen sollten. Naheliegend sei, diese Gebiete in bislang wenig vom Menschen berührten Räumen zu planen.
  • Degradiertes Land - das in den Studienszenarien bis 2050 etwa 8% der terrestrischen Gebiete erreicht - sollte wiederhergestellt werden.
  • Wo eine Landnutzung durch den Menschen bereits erfolgt, sollten die Produktions- und Schutzziele auf allen bewirtschafteten Flächen in Einklang gebracht werden.
  • Transformation des Lebensmittelsystems: Dazu gehören eine Verringerung der Lebensmittelverschwendung, Ernährungsweisen mit geringeren Umweltauswirkungen sowie eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft und ein nachhaltiger Handel.

Bedeutung des Klimawandels nimmt zu

Nach Ansicht der Autoren wird eine echte Umkehrung des Artenverlustes noch weitere Maßnahmen erfordern. Ganz oben auf der Liste stehen der Klimawandel und invasive Arten.

„Wenn sie nicht gemindert werden, können neu auftretende Bedrohungen für die biologische Vielfalt, wie Klimawandel und biologische Invasoren, in Zukunft genauso wichtig werden wie Landnutzungsänderungen - die bislang größte Bedrohung für die biologische Vielfalt. Eine echte Biegung der Verluste an biologischer Vielfalt erfordert einen ehrgeizigen Klimaschutz, der Synergien mit der biologischen Vielfalt nutzt“, sagt Andy Purvis, Professor am Imperial College London und Forscher am National History Museum in Großbritannien.

Ähnliche Ansätze von anderen Wissenschaftlern

Die Studie führt erstmals den Begriff nachhaltig intensive Landwirtschaft ein und bezieht damit auch konventionelle Produktionsformen in den Artenschutz ein. Ähnliche Aussagen waren bereits früheren Studien zu entnehmen. So sieht der Weltbiodiversitätsrat in seinen Veröffentlichungen durchaus auch den Bedarf, der steigenden Weltbevölkerung gerecht zu werden und gleichzeitig die Landnutzungsänderungen in bislang unberührten Landstrichen gering zu halten. Das setzt eine effektive und nachhaltige Produktion auf Flächen voraus, die sich bereits in menschlicher Nutzung befinden.

Auch der Wissenschaftliche Beirat der Landwirtschaftsministeriums hat sich jüngst in diese Richtung geäußert und den Begriff der ökoeffizienten Produktion benutzt, also mit möglichst geringem Ressourcenbedarf das Produkt herzustellen.

Die Originalstudie ist in der Wissenschaftszeitung Nature veröffentlicht worden. Eine Kurzfassung der Studie ist zu finden auf beim IIASA.