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Rückblick

Der Antrieb war das Miteinander

Amtsübergabe 2022: Walter Heidl übergibt den Staffelstab, den er von der Landjugend erhalten hat, an den neu gewählten Präsidenten des Bayerischen Bauernverbandes Günther Felßner.
Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Samstag, 05.11.2022 - 10:00

Walter Heidl zieht Bilanz über zehn Jahre als BBV-Präsident

Amtsantritt 2012: Gerd Sonnleitner weist dem frisch gewählten Walter Heidl den Präsidentenstuhl zu.

Der Autor erinnert sich an eine Begebenheit Anfang der 1980er-Jahre in der Physik-Vorlesung der Fachhochschule-Weihenstephan. Der Agrarstudent Walter Heidl stutzt und diskutiert mit seinen Banknachbarn, ob denn das richtig sein kann, was der Professor da erzählt. Dann macht er den Professor darauf aufmerksam und der muss zugeben: Da habe ich wohl einen Fehler gemacht.

Die analytischen Fähigkeiten sind eine Eigenschaft, die den bisherigen BBV-Präsidenten sein ganzes Leben ausgezeichnet haben, sicher oft auch zum Leidwesen seiner Gesprächspartner. Dazu DBV-Präsident Joachim Rukwied: „Es mag sein, dass mancher genervt war, wenn Walter Heidl standhaft an seinen Positionen festhielt und sie bis ins Detail mit Fachwissen untermauerte. Ich habe das aber immer sehr geschätzt.“

Dazu kommt ein erstaunliches Gedächtnis. BBV-Generalsekretär Georg Wimmer: „Walter Heidl zitiert druckreif aus Gesprächen, die vor Jahren stattgefunden haben.“

Gepaart mit dem fundierten Fachwissen war der Präsident auch für harte Diskussionen immer gut gewappnet. Als Fachmann par excellence hat ihn auch Rukwied erlebt, der geradlinig und absolut zuverlässig seine Positionen vertritt. „Was besprochen war, das galt“, so Rukwied, das verdiene höchste Wertschätzung.

Start 1987 als Ortsobmann von Ruhstorf

Seine Laufbahn im Verband hat Walter Heidl 1987 als Ortsobmann von Ruhstorf begonnen. Über alle Stationen hinweg habe er den Verband als Team erlebt, so Walter Heidl im Rückblick. Es war etwas Besonderes, dass ihn sowohl im Hauptamt als auch im Ehrenamt viele Menschen begleitet haben, mit denen man gemeinsam vieles hat möglich machen können. Er betont: „Das Miteinander war meine Triebfeder über die ganzen Jahre hinweg, das möchte ich ganz bewusst in den Mittelpunkt rücken.“

Das sieht auch Georg Wimmer so: „Wir hatten immer ein sehr vertrauensvolles, ehrliches Verhältnis.“ Wie einen Fels in der Brandung hat seine Assistentin Andrea Höhne den Präsidenten erlebt. „Seine ruhige, durchdachte Art hat die Zusammenarbeit sehr fair und menschlich gemacht“, so Höhne. Dabei hat ihm sicher geholfen, dass er ein bodenständiger Mensch, ein in seiner Heimat geerdeter Landwirt ist. So jedenfalls charakterisiert ihn Joachim Rukwied.

Anstrengend war, da sind sich Wimmer und Höhne einig, dass Heidl auf seine Fragen immer sofort Antworten haben wollte. Andrea Höhne sagt: „Herr gib mir Geduld – aber sofort! Das ist ein geflügeltes Wort, das für uns beide gilt.“

Verantwortung übernommen

Trotz des Miteinander muss immer auch jemand Verantwortung übernehmen, und zwar auf allen Ebenen. Unterschriftenlisten gegen eine Lagerhausschließung oder eine Hochspannungsleitung, nennt Heidl auf Ortsebene. Auf Kreisebene hat der Verband über einen Verein einen Spritzen-TÜV-Stand selber finanziert. Innerhalb kurzer Zeit waren da mehr als 400 Bauern dabei. Und es gelang, die galoppierenden Gebühren zu brechen, und zwar über die Landkreisgrenzen hinaus. Auf niederbayerischer Ebene hat ihn dann intensiv das Thema Milch beschäftigt, wo auch sehr emotional diskutiert und sehr viel Unruhe in die Landwirtschaft gebracht worden.

„Ich schreibe mir auf die Fahnen, dass es immer mein großes Anliegen war, fachlich fundiert zu arbeiten“, sagt er. Damit ist es ihm auch gelungen, Themen zu lösen, bei denen zunächst Widerstand in den eigenen Reihen aufgetreten ist. Ein Beispiel sind die Qualitätssicherungsprogramme. Auslöser war die geänderte Produkthaftung. Und die Argumentation, die letztlich überzeugt hat, war: In dem Moment, wo ich haftbar bin, habe ich selber ein Interesse zu dokumentieren. Darauf zu achten, dass es nicht bürokratisch ausufere, sei eine Daueraufgabe, ergänzt Heidl.

Was er manchmal nur noch mit Kopfschütteln kommentieren kann, sind die Entwicklungen in der Kommunikationstechnik. Jeder könne sich heute ungefiltert zu allem äußeren, und oft entstehe eine Dynamik, die der Sache nicht dienlich sei. „Ich wehre mich, dass man in einer ideologischen Tierschutzdiskussion den Eindruck erweckt, als würden die Bauernfamilien, die Anbindehaltung haben, nicht gut mit ihren Tieren umgehen“, führt Heidl als Beispiel an.

Arbeit der Bauern in der Öffentlichkeit erklären

Als wichtige Aufgabe hat er immer gesehen, die Arbeit der Bauern in der Öffentlichkeit zu erklären. Dazu wurde vor sechs Jahren, gemeinsam mit 40 anderen Organisationen der Verein „Unsere Bayerischen Bauern“ gegründet. In dem laufe sehr viel, aber auch die Kommunikation im Verband wurde gestärkt. Die Landfrauen leisten für Heidl in den Schulen, den Kindergärten oder in den Supermärkten ebenfalls unschätzbar viel. „Wenn die Gesellschaft weiß und schätzt, was der Bauer macht, dann kann der mit einem gesunden Selbstbewusstsein seine Arbeit tun“, so Heidls Fazit.

Die Nahrungsmittelversorgung bleibt für den Niederbayern Hauptaufgabe der Landwirtschaft, aber sie hat bewiesen, dass sie mehr kann, nämlich erneuerbare Energien erzeugen und Leistungen für Natur- und Umweltschutz bereitstellen. Die Hälfte der Betriebe nutzen auf 40 Prozent der LN Agrarumweltprogramme. „Ich war schon überrascht beim Volksbegehren „Rettet die Bienen“, mit welcher Ignoranz mir manche ideologisch geprägte Umweltschützer da begegnet sind“, sagt Heidl. Er hat aber nicht aufgegeben, die Synergieeffekte und die kooperativ gangbaren Wege aufzuzeigen. Auch innerhalb der Landwirtschaft musste er Überzeugungsarbeit leisten, dass Umweltleistungen gleichwertig sind mit der Nahrungsmittelerzeugung.

„Facebooksprache“ mit sachlicher Argumentation entgegentreten

Und Heidl kommt hier noch einmal auf die Kommunikation zurück. Man müsse der „Facebooksprache“ mit sachlicher Argumentation entgegentreten. In der Verbandsarbeit sei die einzige Chance, die Politik zu zwingen, dass sie auf die Sachebene zurückkehrt.

Nicht gelungen sei dies bei der Ferkelkastration. Dass hier die örtliche Betäubung nicht zugelassen wurde, betrachtet Heidl als seine größte Enttäuschung. Noch immer ist er überzeugt, dass dies auch in Sachen Tierschutz der bessere Weg ist und sich noch durchsetzen wird. Er versteht bis heute nicht, dass bei den Entscheidungen fachliche Argumente bewusst ignoriert wurden.

Ähnlich geht es ihm bei der Ausgestaltung der europäischen Rahmenbedingungen: „Ich habe ein Riesenproblem damit, wenn Timmermans, der Wahlverlierer, jetzt große Politik macht, seine Zurück-zur-Natur-Philosophie umsetzt, weil man damit komplett außer Acht lässt, wie wichtig die Leistungen einer aktiven, nachhaltig wirtschaftenden Land- und Forstwirtschaft sind.“

Erfolg - das müssen andere beurteilen

Gefragt nach seinen größten Erfolgen winkt Heidl ab, das müssten andere beurteilen. Ein persönliches Anliegen war ihm die soziale Absicherung der Bauernfamilien. Da freut es ihn, dass die bayerische Philosophie der Prävention, also Beratung statt Bußgelder etwa in der Unfallverhütung, inzwischen auch in den anderen Bundesländern verfängt.

Wichtig ist ihm, dass der Verband sich immer weiterentwickelt hat. Als Bestätigung seiner Arbeit sieht er die Ergebnisse der Mitgliederbefragung. Die Mehrheit der Mitglieder schätzt die Arbeit des Verbandes, geht ausdrücklich den Weg des Mitgestaltens mit und spricht sich gegen die Grundsatzblockade bei Veränderungen aus. „Von der Deutlichkeit dieser Aussage war ich positiv überrascht“, so Heidl.

Verbandsarbeit ist ein stetiger Kampf gegen bestimmte Geschäftsmodelle

Verbandsarbeit ist ein stetiger Kampf gegen bestimmte Geschäftsmodelle, das ist Heidl in den letzten zehn Jahren bewusst geworden. Es gibt Parteien, die ihr Wählerpotenzial erfolgreich bedienen. Es gibt NGO, die auf dem Rücken der Bauern Spendenaufkommen generieren. Und es gibt Medien, die genüsslich vermeintliche Skandalmeldungen ausbauen, verallgemeinern und generell die Land- und Forstwirtschaft mit Kritik überschütten, um Auflage oder Einschaltquote zu generieren.

Und wie verkraftet man das Alles als Mensch? „Zuerst muss man gesund bleiben dabei“, so Heidls Antwort, „dass das so ist, da bin ich dankbar.“ Dann gehört die Familie dazu, die das mitträgt, zuallererst die Frau. Die letzten zehn Jahre war Heidl quasi Wochenendpendler, also am Montag früh weggefahren und am Freitag oder Samstag wieder heimgekommen. „Und wenn ich Glück hatte, war am Wochenende kein Termin“, fügt Heidl hinzu. Entsprechend muss der Betrieb organisiert sein. Die Außenwirtschaft lässt er überbetrieblich erledigen und Heidl hat das Glück, dass die Zuchtsauen das Steckenpferd seiner Frau Anneliese sind. Und dennoch: „Ich weiß nicht, wie oft ich die letzten zehn Jahre am Sonntag Ferkel kastriert habe.“

„Team Bauernverband“ fängt vieles ab

Hinzu kommt auch eine hohe nervliche Beanspruchung. Danach gefragt, nennt Heidl sofort wieder das „Team Bauernverband“, das schon viel abfange. „Man überlegt sich schon, wann man welches Thema beim Präsidenten anspricht,“ bestätigt Generalsekretär Georg Wimmer. Dem Präsidenten wurde nach seiner Wahl sehr schnell bewusst, dass er bei Entscheidungen letztverantwortlich ist. Diese Verantwortung fordert, da müsse man reinwachsen, sagt er. Man gewöhne sich dran, aber es bleibe eine Herausforderung. Natürlich spielt auch hier die Familie eine wichtige Rolle: „Das abendliche Telefonat mit meiner Frau ist gesetzt“, so Heidl, „und nach dem Telefonat manchmal ein Glas Wein, das lindert es auch ein wenig.“

Und der Blick in die Zukunft? „Wir haben viele Bauernfamilien, die IHR Unternehmensmodell umsetzen“, so Heidl. Ob in der klassischen Nahrungsmittelproduktion, in der Energie oder in der Diversifizierung, es gebe es sehr viele unterschiedliche Ansätze. Und die werden in der Zukunft noch mehr, etwa wenn junge Leute, Hofnachfolger, mit guter Breitbandanbindung von zuhause aus hochqualifizierte Arbeitsplätze ausfüllen können, ein Nebenerwerb, ohne pendeln zu müssen.