Tiergesundheit

Antibiotika: Tierärzte sehen keinen Anlass für Korrektur

Josef Koch
Josef Koch
am Donnerstag, 12.08.2021 - 15:30

Grüner EU-Abgeordneter wirft Tierärzten Falschaussagen vor. Bundesverband bietet seriöse Debatte an und hält an Kampagne fest.

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In einem offenen Brief zeigt sich Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt), verwundert, dass der grüne EU-Abgeordnete Häusling unmittelbar nach Übersendung an den bpt das Schreiben bereits als Offenen Brief an die Presse lanciert hatte. „Offenbar geht es Ihnen also primär um die öffentliche Wirkung, nicht um den fachlichen Dialog mit uns“, mutmaßt Moder.

Der bpt sieht sich zudem nicht zu einer Richtigstellung seiner Unterschriften-Kampagne veranlasst. Bisher haben fast 126.000 Menschen die Petition unterzeichnet. Seit kurzem informieren auch BBV-Geschäftsstellen in einem Rundschreiben ihre Mitglieder darüber. Tierhalter könnten in den Artzpraxen die Kampagne mit ihrer Unterschrift unterstützen. Zudem werde der Deutsche Bauernverband Ende August Gespräche mit mehreren EU-Parlamentariern führen, um die gravierenden Folgen eines derartigen Antibiotikaverbotes für die Nutztierhaltung zu erläutern.
 

Tierärzte sehen kaum Chancen EU-Verordnung schnell zu ändern

Der Verband der Tierärzte betont, auch weiterhin für eine seriöse politisch-inhaltliche Debatte zur Verfügung zu stehen. Dabei interessiert den bpt besonders, wie Häusling bis Januar 2022 die EU-Kommission dazu bewegen will, eine Änderung der Tierarzneimittelverordnung 2019/6 vorzuschlagen und gleichzeitig in nur fünf Monaten eine Mehrheit dafür bei Mitgliedsstaaten und EU-Parlament zu organisieren. Nach bpt-Auffassung ist die für die Behandlung von Klein- und Heimtieren sowie Pferden notwendige Ausnahme für die Einzeltierbehandlung ein extrem komplexer gesetzgeberischer Eingriff in die Systematik der Verordnung.

Zudem wirft Moder Häusling vor, „selbst genau zu wissen, dass Ihre Argumente weder inhaltlich noch politisch haltbar sind“. Schließlich habe der grüne EU-Abgeordnete in seiner allerersten Kontaktaufnahme in dieser Sache mit uns weder den sachlichen noch politischen Dialog gesucht.

„Für uns Tierärzte/innen ist die Gesundheit von Mensch und Tier gleichermaßen wichtig. Der Rückgang der Antibiotikamengen in der Tierhaltung über alle Wirkstoffklassen hinweg um über 60 % in nur acht Jahren belegt das eindrucksvoll“, so der bpt-Präsident Moder.

Häusling droht mit rechtlichen Schritten

Der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling fordert den Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) auf, bis morgen, 13. August 2021 seine Falschaussagen zu korrigieren. „Sollten Sie diese Falschaussagen aufrechterhalten, behalte ich mir juristische Schritte vor“, kündigte Häusling in einem Offenen Brief an den bpt an.

Laut Häusling verbreitet der bpt in seinem Aufruf zur Unterschriftenaktion gezielt Falschaussagen. So sei die bpt-Aussage falsch, das Parlament wolle ein „weitreichendes Antibiotikaverbot“. So hätten Umwelt- und im Gesundheitsausschuss des Parlamentes beschlossen, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast, und zwar in der Massentierhaltung konsequenter zu regulieren. „Weder die Einzeltierbehandlung ist davon betroffen, und schon gar nicht sind Haustiere von dieser Forderung tangiert“, schreibt Häusling.

Abgeordneter zweifelt an medizinischer Kompetenz

Desweiteren ist nach Häuslings Ansicht die bpt-Behauptung falsch, der parlamentarische Prozess dazu fand „weitgehend im Verborgen statt". Richtig sei, dass alle Sitzungen im Livestream zu verfolgen waren und auch jetzt im Nachgang angesehen werden können. Überdies seien alle Unterlagen öffentlich zugänglich.

Falsch sei auch, dass „das Europäische Parlament wissenschaftliche Fakten ignoriert", so der Agrarsprecher der Grünen im EU-Parlament. So habe man „in diesem Fall insbesondere die Humanmedizin berücksichtigt“.

Daneben zweifelt Häusling in seinem Offenen Brief die medizinische Kompetenz des bpt-Präsidiums an, weil es sich einer konsequenten Regulierung beim Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast entgegenstelle und an dem „bisherigen Zustand, also dem großflächigen und vorsorglichen Einsatz von Reserveantibiotika in der Mast der Massentierhaltung“, festhalte.

 

Hintergrund

Im Jahr 2019 wurde die EU-Tierarzneimittelverordnung verabschiedet. In einem Nachfolgerechtsakt müssen EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und EU-Parlament bis zum Inkrafttreten des Gesetzes im Januar 2022 festlegen, welche Antibiotika künftig für den Menschen vorbehalten und damit für die Tiermedizin verboten werden sollen.

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