Milchvieh

Anbindehaltung: Die Mission lautet Wogen glätten

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Alexandra Königer
Alexandra Königer
am Freitag, 03.09.2021 - 11:02

Diskussion um die Anbindehaltung und die Position des Ministeriums hält an. Kaniber hat nun einen Ökobetrieb in Miesbach besucht.

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Miesbach/Obb. - „Die Regierungserklärung der Ministerin macht uns fertig.“ Das sagt Anni Waldschütz, die Seniorchefin vom Birknerhof in Miesbach. 26 Milchkühe hält die Familie Waldschütz. Heute ist der Anbindestall leer, die Kühe stehen auf der Weide, wie jeden Tag während der Vegetationsperiode. Im Winter dürfen die Kühe raus in den Auslauf. Der Betrieb erfüllt alle Auflagen der EU-Ökoverordnung. Und dann kam im Mai die Regierungserklärung von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU), in der sie den Ausstieg aus der Anbindehaltung verkündete. Inzwischen versichert sie, nur die ganzjährige Anbindehaltung gemeint zu haben. Die Verunsicherung auch der Kombihalter ist seitdem allerdings groß. Das zeigt der Zulauf beim Ortstermin auf dem Naturland-Betrieb Waldschütz, den Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) als Stimmkreisabgeordnete initiiert hatte.

Zwischen Anbinde- und Kombihaltung differenzieren

„Ich verstehe nicht, dass man so nicht mehr wirtschaften darf, unsere Kühe sind unsere Haustiere“, meint Anni Waldschütz. Es könne nicht sein, dass alles industrialisiert werde und nur noch Milch- und Fleischfabriken entstehen. Sie sorgt sich um die Zukunft des Betriebes – auch wegen ihrer drei Enkel, die emsig auf dem Hof mitarbeiten. Das sind also die Schlussfolgerungen aus den Ansagen der Ministerin. Kaniber muss in Miesbach eine Aufgabe übernehmen, die sie sich selbst eingebrockt hat: Sie muss ihre Regierungserklärung erklären.

Von den Besuchern kommt einhellig ein dringender Appell: Die Ministerin müsse zwischen ganzjähriger Anbindehaltung und Kombihaltung differenzieren. Dass das bei der Regierungserklärung gründlich schief gegangen ist, zeigen die vielen Wortmeldungen – nicht nur von Bauern.

Ein Vertreter der Naturschutzbehörde warnt bei vermehrtem Laufstallbau vor der Intensivierung bei der Bewirtschaftung. Die Kombihalter dagegen könnten extensives Grünland pflegen. Schlagworte wie „Aufhören oder einen Laufstall bauen“ hätten viele Landwirte extrem verunsichert. Der Kreisbaumeister meint: „Bei einem Zwang zum Laufstallbau würden wir unsere Dörfer in zwanzig Jahren nicht mehr wiedererkennen.“

Kaniber verteidigt sich

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Kaniber verteidigt sich: „Ich habe nie von einem Verbot der Kombihaltung gesprochen.“ Das habe sie auch in zahlreichen Veranstaltungen nach der Regierungserklärung betont. Der Birknerhof sei ein „Vorzeigebetrieb der Kombihaltung“.

Vielleicht habe bei der Regierungserklärung die Zeit gefehlt, um ins Detail zu gehen. „Ich habe klar und deutlich gesagt, es geht um den Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung.“ Damit rudert Kaniber zurück: In der Regierungserklärung hat sie die Zahl von 14 000 Anbindehaltungsbetrieben mit ihrem geforderten „Ausstieg“ verbunden. Diese Zahl umfasst aber auch die Kombihalter. Das Ergebnis: Undifferenzierte Schlagzeilen und massiv verunsicherte Bauern.

Ihren Vorstoß in Sachen ganzjähriger Anbindehaltung verteidigt Kaniber. Sie sei nur ehrlich zu den Bauern, es gehe um Planungssicherheit. Der Handel reagiere schon, die Verbraucher würden genau „hinschauen“. Aus Sicht von Hans Waldschütz (jun.) muss die Ministerin jetzt genau da ansetzen: „Dem Verbraucher wird der Unterschied zwischen Kombi- und Anbindehaltung nicht erklärt.“ Über Zuspruch für seine Form der Tierhaltung kann er sich in Miesbach nicht beklagen: Seit 20 Jahren hat er einen Milchautomaten und „fast täglich Leute im Stall“. Nicht umsonst sei die Gegend bei Urlaubern beliebt. Der Ökobauer bricht auch eine Lanze für seine konventionellen Kollegen: „Auch die machen super Arbeit und die brauchen wir auch.“

Kombihaltung stirbt nicht

Für Miesbachs Kreisbäuerin Marlene Hupfauer hat die Ministerin inzwischen zwar bei den Bauern selbst „Einiges richtiggestellt“, aber mit der Regierungserklärung habe die Kombihaltung „in der Gesellschaft einen negativen Touch bekommen.“ Kaniber müsse dafür werben, „dass das Zukunft hat, weil es nicht nur Laufställe geben kann.“

„Die Kombihaltung stirbt nicht, darauf werde ich achten“, sichert Kaniber zu. Und als ob sogar Ilse Aigner ihre Parteikollegin nochmal festnageln will, sagt sie nach gut zwei Stunden Diskussion: „Wir halten bitte fest: Es geht nicht um das Ende der Kombihaltung, sondern der ganzjährigen Anbindehaltung.“ Auch Anni Waldschütz wirkt erleichtert. Sie könne nach dem Besuch der Ministerin jetzt wieder etwas ruhiger schlafen.