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Alpen.Gipfel.Europa.2022: Angst um die Nutztiere und Zukunft

Alpengipfel
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Donnerstag, 23.06.2022 - 08:56

Die Bergbauern bewirtschaften und erhalten eine artenreiche Kulturlandschaft. Doch der Druck durch Wolf und Tourismus wächst. Der Alpen.Gipfel.Europa geht auf die anstehenden Probleme ein und sucht nach Lösungen. Der Ticker des Wochenblattes informiert über den Ablauf.

13.50 Uhr: Schlusswort von Christine Singer, stv. Landesbäuerin BBV

Alpengipfel

Wo ist das größte Problem in der Berglandwirtschaft? Eine sichtlich bewegte Christine Singer nimmt vom heutigen Tag mit, dass der Wolf das größte Problem ist. Für sie steht fest, wenn das mit dem Wolf so weitergehe, dann werden die Bauern das emotional nicht mehr aushalten. Die bestehenden Probleme ließen sich auch mit Geld nicht aus der Welt schaffen. Die Gesellschaft müsse sich entscheiden, was ihr wichtiger sei: Der Erhalt der von den Bauern geschaffenen Kulturlandschaft oder der Wolf - beides zusammen gehe nicht.

12.00 Uhr: Podium II - Packens wir's gemeinsam an

Sepp Glatz, 1. Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Verein Oberbayern, findet die Bemerkungen der anwesenden Umweltvertreter sehr interessant, dass bei Problemwölfen auch Entnahmen möglich seien, sieht aber in den Verbänden durchaus Vertreter, die eine härtere Gangart pflegen.

Johanna Ecker Schotte, Vorsitzende Tierschutzverein Tegernseer Tal e.V.,  ist es sehr wichtig, dass Tierschutz auch für Nutztiere gilt. Touristen kann man leiten, den Wolf nicht, deshalb brauche man hier Weideschutzzonen oder auch Weideschutzflächen.

Alpengifel

Thomas Roffler fordert lösungsorientierte Gesetze. Die einzige Regulierung die gegenwärtig stattfinde, erfolge über Autos und Züge.

Ein Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Höhenlandwirtschaft im Schwarzwald spricht ein ja zum Wolf aus, wo er hinpasst. Aber dass der Wolf flächendeckend überall vorkommen muss, das kann er nicht mehr hören.

Josef Geisler, LhSt Tiroler Bauernbund, hält es für doppelbödig, wenn Umweltverbände heute sagen, dass Problemwölfe entnommen werden können, dann aber klagen, wenn der Fall eintritt.

Alfred Ringler, Biologe: Rund 40 % der Artenvielfalt der Alpen beruht auf Beweidung und Mahd. Geht beides zurück, dann droht ein Artenverlust.

Martin Geilhufe, Bund Naturschutz Bayern, weist daraufhin, dass mit dem Wolf nun einmal in Zukunft zu rechnen sei und man in gemeinsamen Gesprächen nach gangbaren Wegen suchen muss. Zur Gefahr, die vom Wolf als wildes Tier ausgeht, wollte er sich nicht konkret äußern. Das sei ein komplexes Thema. Er geht auf jeden Fall davon aus, dass der Herdenschutz funktioniert. Auch wer jetzt nicht viel davon hält, wird nicht mehr drumherum kommen. Aber auch für ihn wird es nicht ganz ohne Wolfabschüsse gehen, das gehöre zum Wolfsmanagement dazu. Die Entscheidungen würden aber Behörde und Gerichte treffen. Für Diskussionen seien die Verbände offen.

Hanspeter Mair, Geschäftsbereichsleiter Alpine Raumordnung (DAV), legt Wert auf ein gemeinsames Miteinander mit den Almbauern. Ein zentrales Element ist der Wegebau, um die Besucherströme zu kanalisieren.

Herbert Dorfmann, EVP-Fraktion im europäischen Parlament: Die heutigen Vorschriften stammen aus dem Jahr 1992. Damals waren Bären und Wölfe in der EU nahezu ausgerottet. Diese Situation hat sich mittlerweile geändert. Die Mitgliedsländer sein nun gefordert, hier Wünsche zu äußern und die Flexibilität der bestehenden Regelungen zu nutzen. Die Länder müssen Managementpläne aufstellen, über die man dann diskutieren könne. Was einem Land gewährt wird, wird einem anderen nicht vorenthalten werden. Bislang liegen noch nicht von allen Ländern Managementpläne vor. Manche seien nicht einmal in der Lage, die Hybriden zu entnehmen, wie beispielsweise das Land Italien belegt.

Brigitta Regauer: Die Bäuerin zeigt sich mit der Unterstützung durch die bayerische Staatsregierung weitgehend zufrieden. Das Problem liege in Berlin. Von dort geht zu wenig nach Brüssel. Das Bundesumweltamt blockiere hier sehr viel. Herdenschutzhunde seien nicht überall einsetzbar.

Michael Schödl vom LBV geht davon aus, dass der Wolf flächendeckend vertreten sein wird und dass man an gemeinsamen Standpunkten arbeiten muss. Bislang würde es aber in den Bergen noch keine stationären Rudel geben, nur durchziehende Wölfe. Es stelle sich da die Frage, wie da eine geduldete Population aussehen könnte?

11.50 Uhr: Impulsreferat von Biologe Alfred Ringler

Die Bergbauern haben in der Vergangenheit die Beweidungsfläche ausgedehnt. Seit den 60ern gibt es aber eine Rückentwicklung. Die Weideflächen nehmen ab und die Waldflächen wieder zu. Seit dem letzten Krieg sind das ca. 30 % an Zunahme. Darunter leiden Arten, die auf Lichtweiden angewiesen sind.

Rund 40 % der Arten wird in den Hochweiden erhalten. Von Alm zu Alm ist die Flora sehr unterschiedlich, d. h. es gibt sehr diverse Vegetationen.

Durch den Wolf ist eine Zunahme der Zäunung zu erwarten. Darunter werden Flächen außerhalb, wie etwa die lichte Waldweide, leiden.

10.55 Uhr: Totschnig und Kaniber geben einen Einblick in ihre Länder

Totschnig und Kaniber

Totschnig sieht im Wolf ein immer größer werdendes Problem für die Almwirtschaft. Wölfe, die wiederholt Nutztiere reißen, die wiederholt in Siedlungsräumen auftauchen, müssen entnommen werden können. Wölfe halten sich nicht an Ländergrenzen. Wenn die Bäuerinnen und Bauern ihre Tiere nicht mehr auftreiben, habe das massive Folgen für die alpinen Regionen. Ohne eine ausreichende Beweidung verbuschen und verwalden diese Flächen und gehen für die landwirtschaftliche Produktion beziehungsweise als Kulturlandschaft und als Lebensraum für gefährdete Pflanzen und Tiere verloren. Gerade dieser Almwirtschaft komme aber eine identitätsstiftende Aufgabe zu. Ein Österreich ohne Almwirtschaft sei undenkbar. In Österreich redet man über sogenannte Weideschutzgebiete. In diesen Regionen geht es darum, die Ausnahmegenehmigungen zu nutzen. Ein generelles Abschießen der Wölfe sei laut EU-Recht per se nicht möglich. Daran ist natürlich das Land gehalten. Der Politiker geht davon aus, dass es eine verstärkte Aufklärung darüber braucht, was ein Großraubtier sei und wie es sich verhält. Viele Menschen würden die davon ausgehenden Risiken unterschätzen.

Kaniber verweist auf die hohe Bedeutung der Tierhaltung. Ein Drittel der Agrarfläche Bayerns ist Grünland. Das kann nur über die Nutztierhaltung verwertet werden. Deshalb sieht sie in der gesellschaftlichen Kritik an den Tierhaltern eine gefährliche Tendenz, gegen die sie sich massiv ausspricht. Außerdem hätten auch Nutztierhalter eine intensive emotionale Bindung an ihre Tiere. Zu den aktuell stark steigenden Auflagen für die Tierhalter gibt es noch ein emotionales Statement von Kaniber: "Wenn Europa keine Nutztierhaltung mehr haben will, so soll es das sagen."

10.00 Uhr: Bergbauern kommen zu Wort

Obmann

Thomas Roffler: Der Präsident des Bündner Bauernverband Schweiz kommt auf den Punkt: "Glauben sie das Märchen nicht, dass wir in der Schweiz das Problem mit dem Wolf im Griff haben und glauben Sie nicht, dass wir das Problem mit Geld in den Griff bekommen." Herdenschutzmaßnahmen seien für den Wolf überwindbar. Für ihn enthält der ganze Komplex auch einen Eigentumsaspekt. Wenn die Bauern sich aus den Bergen zurückziehen, dann ist das auch eine Form der Enteignung.

Leo Tiefenthaler, Landesobmann Südtiroler Bauernbund: Wenn keine Landwirtschaft mehr möglich ist, dann folgen für Leo Tiefenthaler vom Südtiroler Bauernbund auch Verluste beim Tourismus und die Leute wandern ab. Mit Bären und Wolf gebe es in seiner Region viele Probleme. Tiefenthaler drängt auf den Abschuss gefährlicher Tiere. Ein Großteil der Bevölkerung in der Region würde diese Meinung durchaus teilen. Entschieden wird aber in Rom und dort wird es anders gesehen.

Kommentar

Sepp Glatz hält ein vehementes Plädoyer für die Almwirtschaft und gegen den verstärkt auftretenden Wolf. Er sieht darin eine große Gefahr für die Almwirtschaft. "Alles ist verplempert und verkitscht worden", so seine Analyse. Nur durch die Nutzung werde der Alpenraum in der jetzt bekannten Form erhalten. Und erhalten kann er nur mit Rindern werden. Der Wolf sei eine Gefahr für die Tiere. Den Bergbauern würden Prügel in den Weg gelegt. Der Tierschutz wird meist aktiv mit Vorwürfen gegenüber die Bauern. Beim Wolf wird keiner aktiv. Und viele von denen, die glaubten den Bauern vorschreiben zu müssen, wie man mit Tieren umgeht, hätten selbst noch nie welche gehalten. Der Bauer lebt von gesundem Vieh und das ist sein ureigenes Interesse.

9.50 Uhr: Einführende Worte durch Alois Glück

Alois Glück

Der ehemalige Präsident des Bayerischen Landtags betonte die hohe Bedeutung der Almlandwirtschaft für die Biodiversität und die Gesellschaft. Als Moderator von Runden Tischen hat es sich für ihn als besonders wichtig herausgestellt, dass man es schafft, sich wechselseitig zuzuhören. Vieles von dem, was andere vertreten, ist keine Bösartigkeit. Viel kommt eben auf den jeweiligen Blickwinkel an. Von der heutigen Veranstaltung hofft er, dass sie einen Impuls verleiht, der die weitere Entwicklung voranbringt.

9.45 Uhr: BBV-Präsident Walter Heidl eröffnet den Gipfel

BBV-Präsident

Für den Präsidenten des Bayerischen Bauernverbandes ist die heutige Veranstaltung der mediale Aufschlag für einen längeren Prozess. Seiner Ansicht nach werden im Nachgang noch viele weitere Gespräche erforderlich sein, um Lösungen zu erarbeiten. Für ihn ist ein wesentlicher Aspekt das Schützen durch Nützen. Außerdem wies er darauf hin, dass die Bewirtschaftung der Almen die Grundlage für eine ganze Wertschöpfungskette legt. Vor allem der Tourismus ist auf eine intakte Kulturlandschaft angewiesen.

9.30 Uhr: Start des Livestream

Ab 9.30 ist der Livestream des Wochenblattes offen.

8.00 Uhr, Eintreffen der Gäste

Der Alpen.Gipfel.Europa bringt wichtige Akteure für den Alpenraum aus Politik, Naturschutz, Tourismus und Berglandwirtschaft zusammen.

Was ist der Alpen.Gipfel.Europa?

Alpengipfel

Der Alpen.Gipfel.Europa ist ein grenzüberschreitendes Forum für die Berglandwirtschaft im deutschsprachigen Alpenraum. Dieses Jahr findet der Alpen.Gipfel.Europa unter dem Motto „Biodiversität – Bleibt der Bauer, lebt die Alm“  am 23. Juni auf der Unteren Firstalm statt.

Der Alpen.Gipfel.Europa. soll mehr Verständnis für die Einzigartigkeit der Berglandwirtschaft schaffen, ihre wichtige Rolle für den Alpenraum verdeutlichen, unterschiedlichen Ansichten ein Forum für Dialog geben und gemeinsame Perspektiven für die Zukunft entwickeln.