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Alpengipfel

Almbauern: Es ist fünf vor zwölf

Sepp Glatz
Max Riesberg
Max Riesberg
am Freitag, 24.06.2022 - 15:00

Deutschland, Österreich, die Schweiz und Südtirol schmieden beim Alpen.Gipfel.Europa 2022 auf der unteren Firstalm eine Allianz für die Zukunft der Alm- und Alpwirtschaft im Alpenraum. Ein Thema treibt die Bauern dabei besonders um, der Wolf. Sein Abschuss scheint unumgänglich.

So viele prominente Zaungäste haben die Kühe von Almbauer Franz Leitner wahrscheinlich noch nie gesehen. Denn zum Alpen.Gipfel.Europa gab sich das „Who is Who“ der Alm- und Alpwirtschaft im gesamten Alpenraum ein Stelldichein auf der unteren Firstalm. Ein dringend nötiges Gipfeltreffen, initiiert vom Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt, denn die Lage ist ernster denn je.

Die künftige Existenz der Almen und Alpen von Bayern über Österreich bis in die Schweiz und Südtirol steht auf dem Spiel. Die Bergbauern haben angesichts der unkontrollierten Ausbreitung der großen Beutegreifer, allen voran der Wolf, extreme Sorgen um ihr Weidevieh.

Die große Erwartungen, die auf dem ersten Alpen.Gipfel.Europa 2022 lasten, formuliert Mitinitiator und Landtagspräsident a.D. Alois Glück, der als Freund der Berge, des Alpenraums und der Almwirtschaft gilt, voller Hoffnung: Bei der Bewirtschaftung der Almen gehe es nicht um irgendein Hobby, sondern um einen ernsthaften „Auftrag der weitergeführt werden muss“. „Wir müssen lernen einander zuzuhören, die Beweggründe des anderen verstehen und nun einen Impuls für die Zukunft der Almen setzen.“

Wir drehen uns seit 15 Jahren im Kreis

„Wir drehen uns seit über 15 Jahren im Kreis. Die Frage sei erlaubt: Haben wir eine zu schwache Lobby? - Seitdem der Bär Bruno erschossen wurde, ist nichts passiert“, so Almbauer Bernhard Gasteiger Milchviehhalter aus Irschenberg und Mitbewirtschafter der Kümpflalm. Er macht deutlich: „Wenn das so weitergeht, dann treiben wir unsere Tiere über kurz oder lang wieder ab und bringen sie heim in den sicheren Stall. Dem Wolf zum Fraß vorwerfen, werden wir sie sicher nicht.“ Und es gab bereits zwei anscheinend ungeklärte Risse von Rindern direkt in seiner Nachbarschaft. Gasteiger ermutigt auch seine Berufskollegen in Sachen „konsequentes Nichtbestoßen“ der Almen nachzudenken und so gemeinschaftlich ein unmissverständliches Zeichen zu setzen.

Almen sind eine Kulturlandschaft, geschaffen durch harte Arbeit

Der Vorsitzende des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern erklärt mit Nachdruck: „Die schöne Landschaft auf unseren Almen ist nicht gottgegeben, sondern es ist eine Kulturlandschaft, die durch harte Arbeit über Generationen geschaffen wurde.“ Doch dies werde schlichtweg unmöglich, wenn es so weitergehe, gerade im Hinblick auf den Wolf.

Und auch was er vom Herdenschutz halte, verschönt Glatz nicht, bei all der „Verkitschung“ die heute im Zusammenhang mit dem Almleben herrscht: „Einen wolfssicheren Zaun gibt es nur im Tierpark“, sagt er und fordert weiter „schützt die Leute, die die Arbeit machen und nicht den Wolf, da gibt es wesentlich weniger davon.“ Der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, Josef Moosbrugger bringt es wie folgt auf den Punkt: „Es schaffen diejenigen an, die am Ende nicht die Sauerei und das Problem haben. Und wir zahlen die Zeche.“

Südtirol und der Schweiz nehme in der Causa Wolf kein Blatt vor den Mund

Alpengifel

Auch die Bauernvertreter aus Südtirol und der Schweiz nehme in der Causa Wolf kein Blatt vor den Mund. „Glauben Sie das Märchen nicht, dass wir die Sache im Griff hätten“, schildert der Präsident des Bündner Bauernverbands, Thomas Roffler. Man kriege das Problem durch Zäune sowie Geld nicht gelöst, wie die Erfahrungen aus der Schweiz zeigen und letztlich sei nur der Abschuss die effektive Methode. „Die einzige Regulierung der Wolfspopulation findet derzeit über den Auto- und Zugverkehr statt. Sieht so nachhaltiger Natur- und Umweltschutz aus?“ so der Schweizer Podiumsteilnehmer provokativ.

Der Landesobmann des Südtiroler Bauernbunds Leo Tiefenthaler fordert ebenfalls ganz klar „den Abschuss gefährlicher Tiere“. Doch auch wenn man den Großteil der Südtiroler Bevölkerung für diesen Vorstoß hinter sich habe, „so will Rom nichts davon wissen“, so Tiefenthaler. Er fordert daher im Rahmen der grenzübergreifenden Allianz des Alpenraumes einen Vorstoß für eine rechtliche Grundlage zur Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfes zu bewirken und so eine Möglichkeit zur Bestandsregulierung zu schaffen. Den guten Erhaltungsstatus der Wolfspopulation sehen die Bauernvertreter allesamt bereits deutlich überschritten.

Wölfe machen nicht an Landesgrenzen halt

Alpengipfel

Der neue österreichische Bundeslandwirtschaftsminister Norbert Totschnig sieht in dieser Allianz, genauso wie seine bayerische Kollegin Ministerin Michaela Kaniber, ebenfalls einen wichtigen Schritt. Denn Wölfe halten sich eben nicht an Landesgrenzen. Die Bedrohung der Weidewirtschaft im Alpenraum habe weitreichendere negative Folgen für die gesamte Wertschöpfungskette in der Region, als man das auf den ersten Blick annimmt. „Und zudem stellt der Wolf ein ernstes Sicherheitsproblem für die Menschen dar, vom Jogger bis zum spielenden Kind“, wie Totschnig verdeutlicht.

Der stellvertretende Tiroler Landeshauptmann und Bauernbundobmann Josef Geisler springt ihm zur Seite: „Wir müssen das Problem in die Breite bringen. Wenn die Bilder von gerissenen Schafen und Rindern nicht wirken, wirkt es vielleicht, wenn wir einen Waldkindergarten schließen müssen.“ „Doch wir hoffen inständig nicht, dass erst ein Mensch zu Schaden kommen muss. Das wäre traurig“, betont der AVO-Vorsitzende Glatz.

Der Bürgermeister von Schleching und Almbauer Sepp Loferer, der jüngst den grausamen, bislang ungeklärte Absturz von neun Rindern in seinem Gemeindegebiet beklagen musste, bringt noch einen anderen Aspekt mit aktueller Brisanz ins Spiel: Vor dem Hintergrund des derzeitigen Kriegsgeschehens in der Ukraine und der sich weiter zuspitzenden Knappheit der Ressourcen könne man sich den Wolf schlichtweg nicht leisten. „Wir müssen uns bewusst dagegen entscheiden. Denn wir werden Zeiten kennenlernen, die haben wir noch nicht erlebt“, prophezeit Loferer und nimmt die Politiker in die Verantwortung: „Wir haben keine Zeit mehr für Gaudidiskussionen. Wir brauchen jetzt Lösungen!“

Der Präsident des Deutschen Bauernverbands Joachim Rukwied bläßt in dasselbe Horn und fordert von Brüssel endlich praxisnahe Lösungen zu schaffen. Denn die Bauern seien die Grundlag einer globalen Weltwirtschaft. Doch von dort kommt per Videoschalte in Persona von Herbert Dorfmann, EVP-Fraktion im europäischen Parlament, postwendend der klare Auftrag zeitnah einen Wolfs-Management-Plan“ vorzulegen, über den man abstimmen könne. Ohne diese Pläne aus Berlin, Wien, Rom oder eben einer Allianz aus dem Alpenraum fehle eine Entscheidungsgrundlage für gesetzliche oder rechtliche Schritte.“

Versöhnliche Töne von Naturschützern

Alpengipfel

Die Naturschützer zeigen sich indes kooperativ. „Es gibt Flächen, die nicht zu schützen sind und es gibt Wölfe, die entnommen werden müssen“, lautet die versöhnliche Einschätzung des Landesbeauftragten vom Bund Naturschutz, Martin Geilhufe. Wenngleich er ebenso hervorhebt, dass „wir künftig mit dem Wolf leben müssen“. Auch der Landesbund für Vogelschutz zeigt sich hier diskussionsbereit ebenso wie der Deutsche Alpenverein, der eine Aufklärungskampagne unter ministerialer Federführung, für die Belange der Alm- und Alpwirtschaft als dringend angebracht sieht.

„Aber wir haben keine Zeit mehr, weitre zehn Jahre zu diskutieren“, stellte die stellvertretende Landesbäuerin Christine Singer in ihrem Schlusswort sichtlich bewegt fest. „Es geht nicht mehr ums Geld, wir halten das emotional auch nicht mehr aus.“ Wenn die Bevölkerung die Almwirtschaft will, dann müsse man sich entscheiden was wichtiger ist. Wolf und Alm geht nicht. Von diesen Existenzängsten bekommen die Kühe der Familie Leitner, die sich auf der Alm inzwischen niedergelegt haben, in Ruhe wiederkäuen und geduldig als Fotomodells für die Wanderer und Touristen agieren, nichts mit. Doch die Almidylle trügt, noch zum Zeitpunkt des Alpengipfels kommt eine Whatsapp-Meldung, dass wahrscheinlich ein Wolf auf der Ableitenalm, keine 20 km entfernt drei Schafe gerissen hat, von drei Tiere fehlt noch jede Spur.

Die Nutzungskonflikte der verschiedenen Interessensgruppen von den Almbauern, über den Tourismus, bis hin zum Alpenverein, den Natur- und Tierschützern haben tiefe Gräben gerissen und scheinen inzwischen unüberwindbar. Höchste Zeit sich an einen Tisch zu setzen, zu diskutieren, zu streiten, zu warnen und für alle Seiten zeitnah tragbare Lösungen anzupeilen. Genau für das bot der Alpen.Gipfel.Europa in der traumhaften Kulisse des Spitzingseegebiets eine Bühne der Begegnung.