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Alpen.Gipfel.Europa

14 Mio. Einwohner und der Wolf

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Sepp Kellerer
Sepp Kellerer
am Dienstag, 07.06.2022 - 15:20

Almbauer Sepp Lanzinger sagt selbstbewusst: „Wir haben ein Seelenschutzgebiet für gestresste Städter“.

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Sepp Lanzinger, Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins und Almbauer auf der Grundried Alm bei Söll in Tirol, gibt die Richtung vor: „Wir haben ein Gesetz, das Tiroler Almschutzgesetz und da haben wir reingeschrieben, dass die Almwirtschaft im öffentlichen Interesse zu erhalten ist. Ähnlich muss das Europa auch machen.“ Auch wenn sich Lanzinger konkret auf die Regulierung des Wolfes bezieht, passt seine Forderung auch zum Themenschwerpunkt des Alpen.Gipfel.Europa am 23. Juni auf der unteren Firstalm. Das Motto dort lautet „Biodiversität – bleibt der Bauer, lebt die Alm“.

Auch dafür hat Lanzinger ein Beispiel: Er habe einen Biologen am Telefon gehabt, der ihm begeistert berichtet habe, er sei gerade auf einer Alm unterwegs und habe in kurzer Zeit mehr als 100 verschiedene Orchideen entdeckt. Dazu ergänzt Alois Glück, der Grandseigneur der bayerischen Politik, dass Biodiversität, also Vielfalt vor allem auch Stabilität bedeutet. Und gerade die sei in Zeiten des Klimawandels äußerst wichtig für den Alpenraum.

Widersprüche in der FFH-Richtlinie

Ziegen auf der Alm

Europäisch geregelt ist die Biodiversität in der FFH-Richtlinie. Und darin sieht Lanzinger Widersprüche. Der Wolf sei in einer Zahl vorhanden, dass er nicht mehr ausrottbar ist. Das sei bei einzelnen Pflanzen- oder Vogelarten, deren Lebensraum durch die Beweidung der Almen entstanden ist und erhalten wird, nicht der Fall. Wird die Beweidung aufgegeben, verschwinden diese Lebensräume und damit auch die gefährdeten Arten.

Besonders groß ist diese Gefahr in den Hochlagen, wo überwiegend Schafe und Ziegen geälpt werden. Weil die durch den Wolf besonders gefährdet sind und die Hochlagen nicht schützbar sind, hätten die ersten Almbauern in Tirol die kleinen Wiederkäuer heuer schon nicht mehr auf die Alm gebracht.

14 Millionen Einwohner – 50 Millionen Gäste

Damit ist aber nicht nur die Biodiversität gefährdet, sondern auch die Menschen. Wenn die Beweidung fehlt, dann „verhakt“ sich etwa das Borstgras im Schnee und beim kleinsten Schneerutsch wird die Grasnarbe aufgerissen. Murenabgänge sind ebenso unausweichlich wie folgenschwer. Die Folgen für den Lebens- und Erholungsraum Alpen sind nicht absehbar. 14 Mio. Menschen leben dort und 50 Mio. Besucher kommen jedes Jahr dorthin. Und ein wesentlicher Faktor für die Attraktivität ist die Berglandwirtschaft. Lanziger betont: „Wir nennen es ein Seelenschutzgebiet für gestresste Städter“. Und er verweist noch einmal auf die europäische Dimension. Die Alpen seien für nicht nur als Erholungsraum attraktiv sondern auch kostengünstig – ohne große Flugstrecken –erreichbar und damit nachhaltig.

Die Win-Win-Situation auf der Alm

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Almwirtschaft und Tourismus sind also die zwei Seiten einer Medaille, einer Medaille, die im besten Falle zu einer Win-Win-Situation führt. Dazu Sepp Lanzinger: „Wenn der Tourismus bereit ist, die Produkte, die Almbauern anbieten, zu kaufen, dann sind auch bereit dem Tourismus und den Einheimischen unsere Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.“ Nötig sei dazu auch ein wenig gegenseitige Rücksichtnahme, wenn beispielsweise das Milchauto und die Mountainbiker die Almwege nutzen. Der Almbauer müsse die Wanderer in seiner Nähe akzeptieren und die müssen akzeptieren, dass der Almbauer auch mal Gülle fahren muss.

Almkühe – eine Tiroler Besonderheit

Gülle fahren auf der Alm? Das mag vielleicht ein Stück weit eine Tiroler Besonderheit sein, denn die Hälfte der Tiroler Milchkühe, rund 30 000 Tiere, sind im Sommer auf der Alm. Bezogen auf ganz Österreich stehen 60 Prozent der Almkühe in Tirol. In Bayern dagegen wird überwiegend Jungvieh geälpt. Interessanterweise korrespondieren da auch Tourismus und Almwirtschaft sehr gut. Laut Lanzinger hat bezogen auf ganz Österreich Tirol bei den Almtieren einen Anteil von 34 % und beim Tourismus von 33 %.

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Und auch wirtschaftlich bringt die Beweidung einen Vorteil für die Tourismuswirtschaft. So können die Liftbetreiber auf den abgeweideten Almen mit 20 cm Kunstschnee gute Pisten präparieren. In Kanada, in Whistler Mountain dagegen, wo die Pisten mit Zwergsträuchern bewachsen sind, braucht es für vernünftige Pisten mindestens einen Meter Schnee.

Einen weiteren Synergieeffekt bringt Hubert Reitschuh, Senner auf der Rechenbergalm bei Unterwössen, ins Spiel. Er bewirtet dort auch Gäste, denn „man muss ja irgendwie schauen, wo man bleibt, man will auch ein wenig Geld verdienen, das Viehhüten allein reicht da nicht, der Bauer kann nicht so viel bezahlen.“ Die Bewirtschaftung macht Reitschuh auf eigene Rechnung, weil ihn das unabhängiger mache und er flexibler sei.

Die Tiere haben absoluten Vorrang

Beim Wortspiel er sei Almhirt und Hüttenwirt, reißt es Reitschuh, er richtet sich auf der Bank auf und stellt klar: „Erstens mal, ich bin und bleibe Senner, wir sind keine Almwirtschaft sondern eine Alm mit Bewirtschaftung. Vorrang hat absolut das Vieh. Wenn da irgendwas ist, dann ist die Almhütte zu, und wenn noch so viele Leute da sind.“ Und ganz bewusst wiederholt er: „Wenn mit dem Vieh irgendwas ist, dann hat das einfach Vorrang.“

Unsere Almtiere haben Vorrang: Alpen.Gipfel.Europa.2022

Große Probleme mit einzelnen Touristen sieht Reitschuh eher nicht, es gabe halt einzelne, die sehr beanspruchend seien, wie er mit einem Augenzwinkern sagt. Und noch einmal fügt er hinzu: „Wir sind halt keine Wirtschaft, bei uns geht es ein wenig bayerischer zu“. Die einzelnen Touristen sind auch für Sepp Lanzinger nicht das Problem. Eher die Gesamtzahl, der Freizeitdruck, der dadurch entsteht. Und Alois Glück ergänzt: „Viele bewegen sich in der Landschaft ohne jedes Gespür. Kein Gespür für die Pflanzen, kein Gespür für die Tiere, einfach nur Wumm, Freizeitvergnügen und drauflos.“

Handy raus, klick, klick. Alles wird fotografiert

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Gewisse Veränderungen hat auch Hubert Reitschuh festgestellt. Wieder reißt es ihn aus der entspannten Haltung auf der Bank hoch und er spricht viel schneller als üblich: „Kaum stellst Du die Brotzeit auf den Tisch, Handy raus, klick, klick, Foto. Alles wird fotografiert.“

Das Handy berge eine weitere große Gefahr. Jeder Steig sei heute im Internet verzeichnet, als Route und als wunderschön. Manche Leute kämen auf die Alm nur ins Handy gaffend ohne links und rechts zu schauen und ohne zu überlegen, ob aufgrund von Nässe, ein Weg vielleicht heute nicht begehbar ist.

Man könnte auch einfach mal fragen

Mitten in der Weide hat Reitschuh ein Schild aufgestellt, Radfahren verboten. „Es geht mir nicht darum, jemandem das Radfahren zu verbieten“ erläutert er, aber er würde sich wünschen, dass die Leute einfach mal fragen, was machbar ist, ob man den Steig begehen kann mit einem Kind auf der Kraxn, oder man da mit dem Rad fahren kann. Seinem Schlusswort ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen: „Man muss nicht jeden Steig mit dem Rad fahren. Aber heutzutage brauchen sie ja einen Trail, ein Weg reicht nicht mehr.“

Das Leben läuft ein wenig anders

Und wenn wir gerade beim Schlusswort sind, noch einmal zurück zu Sepp Lanzinger. Auf die Frage nach der Motivation beginnen seine Augen zu leuchten, die Stimme wird noch ein wenig bedachter, obwohl man sieht, dass er die Worte nicht überlegen muss, wenn er sagt: „Die Almwirtschaft ist etwas Besonderes. Wenn ich hier heraufkomme, habe ich das Gefühl, das Leben ist ein bisschen was anderes, es läuft irgendwie auch ruhiger, es ist etwas Spezielles. Hinzu kommt, jeder Bauer will, dass es seinen Tieren möglichst gut geht. Die Kuh darf auf die Weide darf in einer Klimazone, an die sie angepasst ist, ohne Hitze. Wenn es den Tieren gut geht, dann lebt man als Bauer auf. Das in Verbindung mit der Landschaft, die ich als Bauer selber genießen darf. Die Summe dieser Faktoren macht die Almwirtschaft zu etwas Besonderem. Da nimmt man auch in Kauf, dass es mehr Arbeit ist und mehr kostet, eine Milchalm zu betreiben. Das nimmt man gern in Kauf.

Alpen.Gipfel.Europa.2022

Unter dem Motto „Biodiversität – Bleibt der Bauer, lebt die Alm“ stellt der „Alpen.Gipfel.Europa.2022“ die Rolle der Berglandwirtschaft für diesen einzigartigen Natur- und Lebensraum in den Fokus. Politiker, Verbände, Naturschützer, Touristiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz treten in einen konstruktiven Dialog und zeigen Lösungsansätze für die Zukunft auf.

Prominent besetzte Podiumsrunden belegen den hohen Stellenwert der Berglandwirtschaft. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ist dabei, ebenso Österreichs neuer Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und der Südtiroler Europaabgeordnete Herbert Dorfmann (SVP). Den Berufsstand vertreten Walter Heidl, BBV, Joachim Rukwied, DBV, Leo Tiefenthaler, Südtiroler Bauernbund, Georg Strasser, Bauernbund Österreich, und Thomas Roffler vom Bündener Bauernbund. Interessierte Wochenblatt-Leser können dabei sein, sollten sich aber frühzeitig anmelden, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Termin: 23. Juni 2022

Zeit: 9 bis 13 Uhr

Ort: Untere Firstalm,

83727 Schliersee