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Milchbauern in Österreich

Molkereien setzen Bauern Ultimatum: Tierarzt kritisiert Grundlage

Um die Gesundheit der Nutztiere sicherzustellen, sind Tierärztinnen und Tierärzte wichtige Partner für die Landwirte.
Artur Riegler
Artur Riegler
am Samstag, 16.03.2024 - 05:30

Um Milch in Deutschland absetzen zu können, wurde das AMA-Gütesiegel mit „freiwilligen“ Zusatzmodulen angepasst. Ein Tierarzt macht auf mögliche Konsequenzen aufmerksam.

Graz - Namhafte Molkereien haben ihre Lieferanten aufgefordert, dem eigentlich freiwilligen AMA-Modul „Tierhaltung plus“ beizutreten. Für zahlreiche Milchbauern kommen die geänderten Lieferverträge einem Ultimatum gleich, um weiterhin an die eigene Molkerei liefern zu dürfen.

Milchbauern durch Molkereien und Export unter Druck

Auf die Frage der Milchbauern, warum sie neue Zusatzauflagen ohne finanzielle Abgeltung stemmen sollen, erhalten sie von Politik und Genossenschaften im Wesentlichen dieselbe Antwort: Österreich könne nicht auf den wichtigsten Exportmarkt Deutschland verzichten und es gebe keine Alternative, um die entsprechenden Voraussetzungen zu erfüllen, die das ITW-Programm (Initiative Tierwohl Deutschland) vorgibt – neben Haltungsvoraussetzungen zählt dazu auch ein Antibiotika-Monitoring. So ist ein Teil des Moduls „Tierhaltung plus“ die verpflichtende Teilnahme am Tiergesundheitsdienst (TGD) und die verpflichtende Teilnahme am Programm „erweitertes Tiergesundheitsmonitoring“, das im Prinzip ein Antibiotika-Monitoring-Programm ist.

Über die Herausforderungen als TGD-Betreuungstierarzt hat das Wochenblatt mit dem praktizierenden Veterinärmediziner Walter Obritzhauser gesprochen. Obritzhauser ist zudem Präsident der Tierärztekammer-Landesstelle Steiermark und Vorstand im steirischen TGD.

Tierärzten fehlt die Rechtsgrundlage

Er erklärt, dass das Modul „erweitertes Tiergesundheitsmonitoring“ zurzeit nicht existiere. Es solle nur ein erstes Entwurfspapier geben, das in der letzten Sitzung der Arbeitsgruppe Rind der TGD-Österreich beschlossen werden sollte. Das Gremium hat dem Vorschlag aber aufgrund der Kritik und des Widerstands der Vertreter der Österreichischen Tierärztekammer nicht zugestimmt. „Weil einfach bestimmte Dinge dafür fehlen. Unter anderem die Rechtsgrundlage“, erklärt Walter Obritzhauser den Beschluss. So sei nämlich die dafür notwendige Antibiotika-Mengenströmeverordnung in der novellierten Form noch nicht vorhanden. Auch die rechtliche Festsetzung der Schwellenwerte in einer Schwellenmengenverordnung oder in einem eigenen Rechtstext ist noch offen.

Der Tierarzt weiß, dass die Landwirte in seiner Region bis 6. März 2024 neuen Lieferbedingungen und somit einem Programm zustimmen mussten, das eigentlich gar nicht existiert und von dem sie auch nicht wissen, was genau drinnen steht. „Und das, was uns als Tierärzte stört, ist nicht die Tatsache, dass da ein Antibiotika-Monitoring gemacht werden soll, ganz im Gegenteil“, so der Veterinär.

Tierarzt sieht Landwirte im gleichen Boot

Der Haken an der Sache sei die Datenlieferung. Laut erstem Entwurf des „erweiterten Tiergesundheitsmonitorings“ haben die Tierärzte vier Mal im Jahr wichtige Daten zu liefern. Die Tierärzte sollen die Antibiotika-Daten „freiwillig“ liefern. „Auch für uns Tierärzte ist die Freiwilligkeit nicht gegeben“, betont Doktor Obritzhauser und erklärt: „Wenn der Landwirt das unbedingt braucht, um Milch liefern zu dürfen, kann ich mich als sein Tierarzt nicht mehr entscheiden, ob ich liefern will oder nicht.“

Unbestritten ist, dass das Antibiotika-Monitoringprogramm und das Auswerten auf einzelbetrieblicher Ebene noch nicht bis ins letzte Detail definiert ist. Was strittig ist, sind einzelbetriebliche Daten, die auf dem Wege einer Cloud möglicherweise einer ausländischen Marketing-Organisation zur Verfügung gestellt werden. Dafür sind die sensiblen Daten aus Sicht des Tierarztes ungeeignet. „Auch wenn auf den einzelbetrieblichen Auswertungen kein Name und keine Adresse, aber schon die Betriebsnummer draufsteht, dann ist es über kurz oder lang ein leichtes, den konkreten Betrieb herauszufinden und auch den zugehörigen Betreuungstierarzt“, befürchtet Obritzhauser.

Tierarzt will Daten der Bauern geschützt wissen

Er ist überzeugt, dass diese Daten in die Hände der Behörde, des Ministeriums oder einer staatlichen Organisation gehören. Zum Beispiel in die der Ages, die auf Basis wissenschaftlicher Beurteilung diese Daten auswertet und zurück zum Tierarzt oder Landwirt schickt, um zu beurteilen, ob im Fall einer Erhöhung des Antibiotikaeinsatzes, einfach Pech im Spiel war oder ob eine systemische Ursache vorliegt, bei der eingegriffen werden muss. Obritzhauser betonte: „Diese Daten gehören nicht in die Hände von Marketing-Organisationen, die uns dann insgesamt sagen, was wir zu tun und zu lassen haben.“

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