Erzeugerwoche

Verbraucher hat nur noch wenig Bezug zur Landwirtschaft

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Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Dienstag, 23.11.2021 - 16:14

Viele kennen die Landwirtschaft nur noch aus Kinderbüchern. Dazu kommen irreführende Werbung und negative Schlagzeilen in den Medien.

Die Tierhaltung beschäftigt uns intensiv“. Gerhard Stadler, Vorsitzender des BBV-Landesfachausschusses tierische Erzeugung und Vermarktung, macht sich Sorgen um die bayerischen Viehhalter. Der Markt ist derzeit zweigeteilt. Während Rindfleisch ein gutes Preisniveau erreicht hat, „ist die Lage bei den Schweinen katastrophal“.

„Wie können wir aus der Krise herüberbringen?“, fragte sich Stadler bei der Erzeugerwoche. Als einen der Hauptgründe für den Preisabsturz sieht er die Corona-Krise. Die zukünftigen Veränderungen müssten so gestaltet werden, dass wir eine starke Tierhaltung haben.

Doch was denken der Verbraucher und die Gesellschaft? Darüber berichtete Inken Christoph-Schulz vom Thünen-Institut. Wie ihre Studie ergeben hat, ist der Bezug zur Landwirtschaft völlig entfremdet. Viele kennen die Landwirtschaft nur noch aus Kinderbüchern. Dazu kommen irreführende Werbung und negative Schlagzeilen in den Medien. „Jeder, der tanken fährt, kommt an der Bild-Zeitung nicht vorbei“, so die Wissenschaftlerin.

Schwarz-Weiß-Denken

Bei den Verbrauchern herrscht ein Schwarz-Weiß-Denken vor. „Grauschattierung gibt es gar nicht“, meinte Christoph-Schulz. Auf der dunklen Seite stehen die konventionellen Betriebe, auf der hellen Seite steht Bio und der Nebenerwerb. Dazu gesinnt sich die Einstellung: „Je größer der Betrieb, desto schlechter.“
Die größten Vorverurteilungen gebe es im Bereich Schwein und Geflügel, etwas differenzierter sehe das Bild im Rinderbereich aus. 79,9 % der Befragten halten Masthähnchenbetriebe für verbesserungswürdig, beim Milchvieh beträgt der Prozentsatz 61,3 %. Als Antwort bekam sie unter anderem zu hören: „Kühe sind teuer, um die muss man sich kümmern.“
Wie heterogen der Verbraucher denkt, zeigen auch folgende Aussagen der Studienteilnehmer: „Die essen das Fleisch für 1,50 und gehen dann demonstrieren“. Oder die Antworten von Teilnehmern, die selbst artgerechte Haltung ablehnen, weilt es stinkt und sie generell belästigen würde.
Zur Krise am Schweinemarkt hat Christoph-Schulz eine eindeutige Meinung: „Die Tiere können nicht einmal kostendeckend verkauft werden. Das kann einfach nicht sein.“ Das Image der Tierhaltung zu verbessern, ist für Stadler „eine Mammutaufgabe, die bis in die Betriebe hineingeht“. „War haben eine vorzeigenswerte Tierhaltung, die sich stetig verbessert“, so Stadler. Man müsse die Kampfbegriffe aus den Köpfen herausbekommen.
Dabei haben „Kampagnen von oben herab“ nach den Worten der Thünen-Wissenschaftlerin wenig Wirkung, da nur Leute erreicht würden, die sich dafür interessieren. Diese Aussage leitete perfekt über zum nächsten Referenten.

Selbst wirbt der Erzeuger

Wie stark die Erzeuger in die Vermarktung der eigenen Produkte eingebunden sind, erklärte Werner Habermann von der österreichischen Arge Rind eGen. Habermann stellte fest, dass auch Österreich Probleme habe mit billigen Importen, vor allem beim Außer-Haus-Verzehr. Beim berühmten Wiener Kalbschnitzel kämen beispielsweise 95 % aus Holland. Den Nachholbedarf bei der Kennzeichnung bezeichnete er deshalb als groß.
Doch dem setzt die Arge Rind etwas entgegen. Zum Beispiel mit dem Programm „Kalb rose“, mit dem der Export angekurbelt werden soll, oder mit Aktionen wie „Snow & Food“; einer medienwirksamen Grillaktion an den Bergstationen in Skigebieten. „Wenn der Erzeuger selbst wirbt, ist das authentischer“, erklärte Habermann: „Wenn wir es nicht selbst machen, macht es keiner mit dieser Emotionalität.“
Dass Aktionen wie diese auch Geld kosten, dürfte jedem klar sein. Laut Habermann gibt die Arge Rind jährlich zwischen 700 000 und 800 000 € für Marketing aus. Da die meisten Aktionen kofinanziert sind und mit bis zu 70 % gefördert werden, dürfte sich das tatsächliche Werbebudget auf einem Niveau von 1,5 bis 2 Mio. € bewegen.

Kampf: ITW Rind

In Deutschland wird weiter hart um die Haltungsstufen und die entsprechenden Kriterien gekämpft. „Es geht um die Haltungsstufe 2 für Rindfleisch und Milch“, machte Isabelle Timm-Guri, die BBV-Direktorin des Fachbereichs Erzeugung und Vermarktung klar.
Genau um das geht es bei den harten Verhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel im Rahmen der Initiative (ITW) Rind. „Es ist noch nichts beschlossen, solange nicht alles beschlossen ist“, erklärte die Direktorin. Größere Problem würde derzeit der Milchsektor machen.
Insgesamt gehören die angemessenen Honorierungen und des Budget des LEH zu den größten Herausforderungen. „Um den gordischen Knoten zu zerschlagen“, wurden im August kleinere Strategiegruppen etabliert (Rind-Milch und Rind-Fleisch). Der Kampf, die Kombihaltung in Stufe 2 unterzubringen, ist inzwischen gewonnen. Die Definition der Kombihaltung liefert Charlotte Hörner, BBV-Referentin für Milch, prompt im Chat der digitalen Erzeugerwochen:
Im Falle einer zeitweiligen Anbindung ist eine ausreichende Bewegungsfreiheit an mindestens 120 Tagen im Jahr zu jeweils mindestens zwei zusammenhängenden Stunden zu schaffen über:
  • Weidegang,
  • Zugang zu Laufhof oder Bewegungsbucht mit einer Bewegungsfläche von mindestens 4,5 m2 je Tier in einer mindestens 16 m2 großen, zusammenhängenden Bewegungsfläche.
Wie Isabelle Timm-Guri weiter ausführte, „wird um jeden Zehntel-Cent heftigst diskutiert“. Das Programm sollte eigentlich 2022 an den Start gehen. Für die BBV-Direktorin geht aber „Qualität vor Zeitdruck“. Timm-Guri betonte: „Entweder wir machen Nägel mit Köpfen oder wir lassen es. Wir sind nicht zur Umsetzung verdammt.“