Eigenerzeugung

Steigende Importe bei Obst und Gemüse erwartet

Gemüseanbau-Feld
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Donnerstag, 22.10.2020 - 08:29

Der Bundesausschusses Obst und Gemüse (BOG) und der Industrieverbands Agrar (IVA) erwarten eine wachsende Abhängigkeit vom Ausland.

Frankfurt a. M./Berlin - Als Grund nennen die beiden Organisationen eine Verknappung bei den zur Auswahl stehenden Pflanzenschutzmitteln. Schon heute seien im Obst- und Gemüseanbau gegen zahlreiche Pflanzenschädlinge hierzulande keine wirksamen Pflanzenschutzmittel mehr zugelassen. Oft können die Anbauer nur auf kurzfristige Notfallzulassungen hoffen.

Der Versorgungsgrad liegt bei Obst und Gemüse weit unter dem inländischen Bedarf. Das gilt nicht nur für buchstäbliche „Südfrüchte“, sondern etwa auch für Äpfel (Selbstversorgungsgrad: 40 Prozent), Möhren (70 Prozent) oder selbst Kohl (82 Prozent).

Durch eine künftig noch schlechtere Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln zur Kontrolle von Schädlingen, Pilzen und Unkräutern könnte der heimische Anbau durch die Ausbreitung resistenter Schädlinge und Pilzerreger und die damit einhergehenden Ernterisiken weiter zurückgedrängt werden. Darauf wiesen heute BOG und IVA bei einem gemeinsamen Pressegespräch hin.

Resistenzmanagement gefährdet

Eine Projektgruppe des IVA hatte Datensätze aus der Zulassungsliste des für Pflanzenschutzmittel zuständigen Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ausgewertet und ermittelt, wie viele unterschiedliche Pflanzenschutz-Wirkstoffe und Wirkmechanismen in ausgesuchten Obst- und Gemüsekulturen verfügbar sind und künftig zur Verfügung stehen werden. Für ein wirksames Resistenzmanagement gilt als kritische Zahlengröße, dass mindestens drei verschiedene Mechanismen zur Verfügung stehen, damit die Anbauer die Produkte variieren können.

Die phytosanitäre Achillesferse bei den Sonderkulturen ist in vielen Fällen die schlechte Verfügbarkeit von Insektiziden gegen Schädlinge, die ganze Ernten bedrohen. Gegen Apfelwickler sind künftig im Apfelanbau wohl nur noch zwei Wirkstoffe mit ausreichender Wirksamkeit zugelassen, daneben noch BT-Produkte (Bacillus thuringiensis) mit geringerer Wirksamkeit.

Härtefall Kirschen und Steinobst

Noch dramatischer stelle stelle sich laut BOG und IVA die Bekämpfungssituation bei Kirschen und anderem Steinobst dar: Die letzten beiden noch verfügbaren chemischen Wirkstoffe werden voraussichtlich wegfallen; dann stehen nur noch Kali-Seifen oder Rapsöl zu Verfügung. Gegen Schildläuse sind im Anbau von Kirschen und anderem Steinobst gar keine Mittel mehr für Spritzanwendungen zugelassen; das einzige noch verfügbare Mittel gegen saugende Insekten befindet sich bereits in der Aufbrauchfrist.

Gemüsebauer in ähnlicher Situation

Nicht viel optimistischer blicken die Gemüseanbauer auf die Zukunft. Der stellvertretende Vorsitzende des BOG, Christian Ufen, der mit seinem Betrieb in Kronprinzenkoog auf 50 Hektar Kohl anbaut, sagte: „Kurzfristige Notfallzulassungen sind auf Dauer keine Lösung für unsere Obst- und Gemüsebauern. Wir benötigen Planungssicherheit und sind auf die ausreichende Verfügbarkeit von Wirkstoffen angewiesen.“

„Wenn wir etwas aus der Corona-Krise mitgenommen haben, dann ist es eine höhere Wertschätzung für die Produktion von Nahrungsmitteln im eigenen Land. Für eine vollständige Selbstversorgung mit Obst und Gemüse fehlen uns in Deutschland vielleicht die Voraussetzungen, aber wir sollten alles daransetzen, dass in den traditionsreichen Obst- und Gemüseregionen weiter wettbewerbsfähig produziert werden kann. Sonderkulturen, egal ob im ökologischen oder konventionellen Anbau, sind aber auf wirksame Pflanzenschutzmittel angewiesen", sagte Frank Gemmer, Hauptgeschäftsführer des IVA.