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Milchmarkt

Preise, so hoch wie noch nie

Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Mittwoch, 11.05.2022 - 11:11

Milchprodukte werden in allen Segmenten teurer. Auch der Erzeugerpreis soll steigen und bald 50 Cent erreichen.

Käse

Während man sich vor der Corona-Pandemie und vor dem Ukrainekrieg mit „normalen Dingen“ beschäftigt hat, sind die Märkte inzwischen außer Rand und Band. Das gilt auch für Milchprodukte. Ein Molkereikongress vergangene Woche in München gab einen tiefen Einblick in die Märkte. Für die Landwirte wichtig: Die Erzeugerpreise werden laut Zentrale Milchmarkt Berichterstattung GmbH (ZMB) weiter steigen.

Der Milchmarkt ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. 2020 betrug der weltweite Umsatz 533 Mrd. US-$; Tendenz steigend. Mit diesen Zahlen eröffnete Moderator Dirk Lenders den Kongress, und gab gleichzeitig zu verstehen, dass in Dänemark ein 120 Mio. €-Projekt für kuhfreie Milch an den Start geht.

„Es gab noch nie so viel Dynamik wie jetzt“, erklärte Enrico Krien vom Marktforschungsunternehmen Nielsen IQ. Wie bedeutend der Milchsektor im deutschen Lebensmittelhandel ist, zeigen seine Zahlen. Die weiße Linie liegt mit einem Umsatz von 10,2 Mrd. € auf Rang 3, die gelbe Linie auf Rang 6 (8,6 Mrd. €).

In Kriegszeiten kaufen die Menschen in Deutschland auf Vorrat. Allerdings nicht bei Milchprodukten. Während im März 2022 55,5 % mehr abgepacktes Mehl und 33,5 % mehr Speiseöl gekauft wurden, ist der Umsatz von H-Milch (-7,1 %) und geriebenen Käse (-7,2 %) zurückgegangen. Was den Molkereien Sorgen macht – ohne es offen auszusprechen – ist der Verdrängungswettbewerb im und durch den LEH. Dass die Molkereimarken Marktanteile verlieren, sieht Krien derzeit aufgrund der Datenlage bis Ende März 2022 nicht. Der allgemeine Trend geht zum „One stop shopping“, und das gerne auch in kleineren Läden, die ihre Umsätze anteilsmäßig steigern konnten.

Bio, Vegan und Protein

Weiter im Trend sind die Sektoren Bio, Vegan und Protein. Während der Absatz bei Frischmilch in den vergangenen zwölf Monaten um 12,1 % abgenommen hat, gingen pflanzliche Drinks mit einem Plus von 17,7 % über die Ladentheke. Laut Kriens Analyse entwickelten sich die Trendsegmente wie folgt:

  • Bio: + 3,8 %
  • Vegan: + 14,5 %
  • Protein: +13,9 %

Der Biomarkt Food rangiert bei einem Umsatz von rund 6 Mrd. €/Jahr, und ist dabei, die Nische zu verlassen.

Große Marktstörungen

„Die Rahmenbedingungen sind komplexer denn je“, sagte Monika Wohlfarth. Die Geschäftsführerin der Zentrale Milchmarkt Berichterstattung GmbH (ZMB), machte klar, dass die Pandemie und der Krieg in der Ukraine deutliche Spuren hinterlassen. Es gibt Störungen bei den Lieferketten, der Rohstoffversorgung, der Energieversorgung, Fahrermangel (ein Teil der Fahrer kam aus der Ukraine), und eine stark ansteigende Inflation.

„Die Preise für Milchprodukte sind höher denn je“, so Wohlfarth. Und das trifft auf alle Segmente zu. Sie sprach von der höchsten Inflation seit 40 Jahren und Preisanstiegen für fast alle Agrarprodukte über die vergangenen sechs Monate hinweg.

Gebremste Milchmenge

Neuseeland

Laut der FAO ist die weltweite Milcherzeugung 2021 um 1,3 % gestiegen. Das ist das schwächste Wachstum seit zehn Jahren. Wie Wohlfahrt erklärte, hat sich aber im Jahr 2021 das Bild gedreht. Während es im ersten Halbjahr noch zu einem starken Wachstum kam, sank die Menge in der zweiten Jahreshälfte sogar unter die Vorjahreslinie.

„Das war bei allen großen Exporteuren der Fall“, meinte die Markt-Analystin. Die Exportnation Neuseeland lag Anfang des Jahres witterungsbedingt sogar 5 % unter Vorjahr. Jetzt nähere sich die Milchmenge aber wieder den gewohnten Werten an. Das Nachbarland Australien hat nach Wohlfahrths Worten den Produktionshöhepunkt bereits 2014/15 erreicht: „Dort wirkt sich der Klimawandel sehr deutlich aus.“ Eine Entwicklung, die auch bald andere Länder treffen kann.

Was macht Europa?

Auch in der EU scheinen die Zeiten des Wachstums vorbei. 2021 lag die Milchmenge in der EU leicht unter Vorjahr, und auch das erste Quartal 2022 ist laut Wohlfarth „schwach“. Während zum Wegfall der Milchquote die Milchkuhbestände noch aufgestockt wurden, sinken die Bestände jetzt. Und das ist kein Wunder.

Denn wie Wohlfahrth verdeutlichte, quälen die Landwirte höhere Umweltauflagen und Verordnungen, die Geld kosten (z.B. Neubau Güllegrube), und nicht in die eigentliche Weiterentwicklung des Betriebs investiert werden können: „Das nimmt die Investitionsfreudigkeit.“

Und dieses Rad dreht sich weiter. Im Green Deal der EU verstecken sich weitere Auflagen und die sowohl in der EU (25 % Bio bis 2030), als auch insbesondere in Deutschland 30 % Bio bis 2030) angestrebten Ausbauziele der ökologischen Milcherzeugung, werden letztlich zu sinkenden Milchmengen führen.

Wie die ZMB-Expertin darstellte, ist in der gesamten EU nur noch Irland auf Wachstumskurs. Aber auch dort kämen die Umweltdiskussionen in Gang. Ihre Prognose für die EU: Die Kuhbestände sind maximal zu halten.

Deutschland baut ab

In Deutschland gehen die Kuhzahlen Jahr für Jahr teils deutlich zurück. Auch die jetzige Milchanlieferung ist unter Vorjahresniveau. Besonders drastisch ist der Blick auf bayerische und süddeutsche Strukturen. Nach den Zahlen der ZMB ist die Anzahl der Anbindeplätze seit 2010 um 63 % gesunken. Insgesamt machen die Anbindeplätze in Deutschland rund 11 % aus. Und selbst diese 11 % stehen politisch und gesellschaftlich nach wie vor im Feuer. Ein Verbot dieser Haltungsform, oder auch fehlende Hofnachfolger, würden zu einem weiteren Rückgang bei den Milchanlieferungen führen.

Die Marktlage

Käse

Weltweit geht der Trend zu mehr Käsekonsum. Das hat 2021 dazu geführt, dass in der EU weniger Mich in die Produktion von Magermilchpulver geflossen ist. Diese Mengen fehlen jetzt auf dem Weltmarkt. „Wenn wir keine anderen Themen hätten, würden wir mehr über den Brexit reden“, meinte Wohlfarth. Doch der Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU ist derzeit nur eine Randnotiz. „Die Pandemie hat die Wertschöpfungskette beeinflusst, aber nicht so stark wie der Ukrainekrieg“, erklärte die Milchmarktexpertin.

Zu den Auswirkungen der Pandemie zählt der Schiffsstau vor Shanghai, kriegsbedingt fehlen Futtermittel und die Energiepreise sind explodiert. Wohlfahrt rechnet hierbei vor allem mit Problemen bei GVO-freien und Bio- Futtermitteln aus der Ukraine. Sie geht davon aus, dass rund 80 % der Felder in der Ukraine bestellt sind, es aber an Pflege und Düngemitteln fehlt. Doch wie kommt das Getreide aus dem Land? „Die Häfen sind ja nicht nutzbar“, ließ Wohlfarth diese Frage offen.

Bald 50 Cent Milchgeld

„Die konventionelle Milch wird in wenigen Monaten die 50-Cent-Marke knacken“, ist sich Wohlfahrth sicher. Und damit rückt der konventionelle Preis dem Preis für Biomilch immer näher. Zum jetzigen Niveau von rund 45 ct für die Erzeuger und einem Kieler Rohstoffwert für Butter und Magermilchpulver von weit über 60 ct meinte sie: „Sie sehen, es gibt auf der Erzeugerseite noch deutliche Erwartungen.“

Nicht unerwähnt bleiben sollen an dieser Stelle Wohlfahrts Äußerungen zu den gestiegenen Kosten. Für die Landwirtsseite erklärte sie: „Die Zahlen liegen uns bis Januar vor, aber die sind schon dramatisch.“ Auf Molkereiseite schlagen die hohen Treibstoffstoffkosten und die hohen Energiekosten zu Buche. „Molkereien sind energieintensive Betriebe“, viele Anlagen würden mit Gas betrieben.