Kommentar

Papa auf Touren, der Bauer auf der Palme

Grillen
Gerd Kreibich Portrait
Gerd Kreibich
am Dienstag, 04.06.2019 - 09:22

Die Grillsaison ist eröffnet und schon winken haufenweise Sonderpreise für Schweinefleisch

Deutschland ist, wir riechen es spätestens ab Ende Mai von Balkonen, aus Gärten und in Parkanlagen, ein Volk der Grillmeister und auch ein Volk der Extreme, wenn es um diese sommerliche Lieblingsbeschäftigung geht: auf der einen Seite die Wegwerfgrills mit eingebauter Kohleladung für den einmaligen Gebrauch, auf der anderen Seite der High-Tech-Großgrill, dazwischen gibt es nur wenig. Doch es gibt auch eine große Verbindung zwischen Gelegenheitsgrillern am Balkon und selbsternannten Profis auf der Terrasse: Das, was auf den Grill gelegt wird, soll möglichst billig und trotzdem möglichst viel sein. So war der Aufschrei einer großen deutschen Sonntagszeitung fast schon verständlich: „Schweinefleisch wird teurer – ausgerechnet zur Grillsaison“, wurde da im Namen der Leser geklagt. Als ob es nicht schlimm genug wäre, wenn pünktlich vor Feiertagen und Ferien der Sprit teuer wird, gerät jetzt auch noch der Grillabend in Gefahr.

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Muss der Grill also im Winterschlaf verharren, bis man sich das Fleisch irgendwann wieder einmal leisten kann? Hat man sich vergeblich auf den Sommer gefreut? Die Antwort auf diese Fragen lieferte die Zeitung gleich mit, wenn auch nicht direkt, sondern in Form einer Beilage einer großen Supermarktkette, die ihre Angebote mit dem Satz „Das bringt Papa auf Vatertagstouren“ überschrieben hat: drei Seiten haufenweise Sonderpreise für Schweineschälrippen, für Schweinebauchscheiben, für Schweinemedaillons, für Bratwürste, für Schnitzel – alles gewürzt, mariniert und somit startklar für die Ablage auf dem Billig- oder Edelgrill und alles im Angebot, zwischen 10 und 20 Prozent unter dem Normalpreis. Kulinarischer Höhepunkt dürfte die fertige Grillplatte sein: drei verschiedene Fleischsorten, in Marinade schwimmend, in der Aluschale verpackt, die man nur noch auf die Flammen stellen muss – reichen soll das Ergebnis für vier Personen, das ganz kostet nicht einmal 10 €.

Angesichts der Erzeugerpreise für die heimischen Tierhalter kann man verstehen, dass die Angebote, die Papa auf Vatertagstouren bringen sollen, die Landwirte eher auf die Palme jagen. Den Verbraucher mag es freuen, dass er passable Qualität zum Billigpreis bekommt, dass die Grillsaison also offensichtlich gerettet ist und der Grill nicht umsonst aus dem Keller geholt wurde. Dem Landwirt dagegen dürfte die Lust auf den Grillabend vergangenen sein.