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Wirtschaft

Nahrungsmittelindustrie hängt am Gas-Tropf

Claudia Bockholt
Claudia Bockholt
am Mittwoch, 29.06.2022 - 14:30

Was passiert, wenn kein russisches Gas mehr nach Deutschland fließt? Eine aktuelle Studie im Auftrag der vbw kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Die Folgen wären härter als befürchtet. In einem Industriezweig würde die Produktion sogar um fast 50 Prozent sinken.

Wie sehr hängt unsere Wirtschaft und damit unser Wohlstand an Putins Gas-Tropf? Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) hat zur Beantwortung dieser Frage eine Studie beim Wirtschaftsforschungsunternehmen Prognos in Auftrag gegeben. Das Ergebnis fällt düsterer aus als bisherige Berechnungen: Beim einem kurzfristen Stopp russischer Erdgas-Importe würde die deutsche Wirtschaftsleistung um 12,7 Prozent einbrechen. Die Folgen träfen 5,6 Mio. Arbeitsplätze, erklärte vbw Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt am Dienstag (28. Juni) bei der Vorstellung der Studie.

Massive Folgen für Lebensmittelbranche

Massiv direkt betroffen sind energieintensive Branchen wie Grundstoffchemie, Glas, Keramik und Nahrungsmittel. Gemessen an den volkswirtschaftlichen Effekten ist der Schaden aber in der Kraftwagenerzeugung und Lebensmittelbranche am größten.

Die Prognos AG hat für die vbw einzelne Produktionsprozesse in technischer Hinsicht untersucht und deren Bedeutung für beteiligte sowie vor- und nachgelagerte Branchen in den Blick genommen. Ergebnis: Der Gasbedarf der Industrie könnte nicht einmal mehr zur Hälfte gedeckt werden. Die Produktion müssten in vielen Industriezweigen drastisch heruntergefahren werden. In der Glasindustrie um fast 50 Prozent, in der Nahrungsmittelbranche (mit Tabak und Getränken) um 32 Prozent. Indirekt betroffen wäre durch nagelagerte Effekte auch die Landwirtschaft: Dort würde, so die Prognos Ag, die Bruttowertschöpfung um 0,2 Prozent sinken.

Brossardt: Letzte drei AKW am Netz lassen

Bertram Brossardt mahnte vor diesem Hintergrund, dass die Politik alles daran setzen müsse, die Gasversorgung für die Bevölkerung und an zweiter Stelle für die Industrie zu sichern. Gas müsse, wo möglich, als Energieträger ersetzt werden, etwa bei der Stromerzeugung. Neben der Reaktivierung der Kohlekraftwerke forderte er auch, die drei verbliebenen Kernkraftwerke noch am Netz zu lassen und gleichzeitig den Ausbau der Erneuerbaren Energien mit voller Kraft voranzutreiben. (CB)