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Haltungsstufen für Milchvieh

Das Modul QM+ und die Aldi-Logik

Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Freitag, 04.02.2022 - 08:59

Wie geht es mit den Haltungsstufen weiter? Das DBV-Fachforum Milch ist dieser Frage nachgegangen.

Frischmilch

Das Fachforum Milch auf der Grünen Woche ist jedes Jahr so etwas wie der Aufgalopp ins neue Milchjahr. Das diesjährige Forum brachte heuer in digitaler Form neue Erkenntnisse über das Modul QM+. Der Einladung gefolgt war diesmal auch ein hochrangiger Vertreter des Handelsriesen Aldi.

DBV-Milchpräsident Karsten Schmal ging in seinem Einstiegsstatement auf die Sektorstrategie 2030 ein. Hier werde an der Weiterentwicklung der Lieferbeziehungen gearbeitet, das Modul QM+ für die Haltungsstufe 2 wurde installiert und die Branchenkommunikation Milch ging an den Start. „Ich denke, wir haben in den letzten zwei Jahren viel erreicht“, so Schmal. Die Marktlage sei gut, gleichzeitig seien aber auch die Kosten für die Betriebe und die Molkereien „explodiert“. Bei den Auszahlungspreisen gebe es große Spannweiten, die für Unruhe und Unsicherheit bei den Milchviehhaltern sorgen.

Schmal kritisierte den Lebensmitteleinzelhandel (LEH), „der nur noch von Haltungsstufe 3 und 4 redet.“ „Aber wir Tierhalter sind es doch, die das Tierwohl umsetzen müssen“, machte der Milchpräsident klar. Der Umbau der Tierhaltung ist für Schmal eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der die Politik die richtigen Leitplanken setzen muss. Schmal weiter: „Wir als Milcherzeuger sind bereit, diesen Weg zu gehen. Aber die große Frage für uns ist letztlich: Wer bezahlt diese Transformation? Und: In welchem Zeitraum kann dies erfolgen?“

Neues zum Modul QM+: Mindestens 1,2 ct?

QM+ geht am 1. April an den Start. Die Laufzeit dieser ersten Programmphase beträgt 36 Monate. Klaus Rufli, Projektleiter bei QM Milch, ging beim Forum „auf die frisch unterzeichnete Branchenvereinbarung“ ein. Darin heißt es – und das ist neu – dass der Aufschlag, der erst an die Verarbeiter gezahlt wird, „mindestens“ 1,2 ct betragen soll. Diese Aussage ist für die Milchviehhalter angesichts der am Dienstag erschienenen Pressemitteilung aus dem Hause QM Milch mit Vorsicht zu genießen.

Der LEH zahlt den Aufschlag an die Molkereien, die ihn an die Landwirte weiterreichen. Die Mehrkosten der Molkerein werden vom LEH übernommen. Das Modul QM+ ist für ITW Rind anerkannt. Das heißt: Landwirte, die an QM+ teilnehmen, können ihre Schlachtkühe unter der Haltungsstufe 2 ohne zusätzliches ITW-Audit verkaufen. Das QM+ Audit reicht laut Rufli aus.

Modul QM++ soll im Juli an den Start gehen

Jetzt stehen die Verhandlungen für das Modul QM++ für die Haltungsstufe 3 an. Wie Rufli erklärte, sollen die Anforderungen dafür bis Sommer geklärt sein. Schließlich will der LEH damit am 1. Juli 2022 starten. Rufli geht davon aus, dass in QM++ „wohl der freie Auslauf der Tiere verankert wird.“

Der QM-Mann äußerte sich auch zum Discounter und Branchenprimus Aldi. Auf den aktuellen Werbebroschüren des Konzerns zur Einführung der Haltungsstufen steht ganz klein gedruckt, internationale Spezialitäten sind davon ausgenommen. Ein Blick auf die offiziellen Zahlen der Zentralen Milchmarkt Berichterstattung (ZMB) verrät, dass die Importe enorm sind. 2020 wurden in Deutschland 12,6 Mrd. kg Milchäquivalent bei einem Verbrauch von 30 Mrd. kg importiert. Für diese importierten Milchprodukte wird Aldi keine Haltungsstufenkennzeichnung verlangen. Rufli gab auch zu verstehen, dass Aldi weltweit operiert, und die Haltungsstufe 2 nur im deutschen Markt und vorerst nur für Trinkmilch der Eigenmarke einführt.

Was passiert mit jenen, die die steigenden Anforderungen nicht erfüllen können?

Der QM-Projektleiter überraschte mit weiteren Aussagen, die er nicht weiter kommentierte. So gehe die Borchert-Kommission davon aus, dass der Umbau der deutschen Tierhaltung zu mehr Tierwohl jährlich rund 3 bis 4 Mrd. € koste. Und das über einen Zeitraum von 20 Jahren. Er sprach auch von Molkereien, die ihre Lieferanten zu QM+ auffordern, und einen Preisabschlag für die Standardmilch ankündigen, „der teilweise deutlich über einem Cent liegt.“

Rufli hat sich auch bei den Tierschutzverbänden umgehört. Für den Verband ProVieh gehen die Kriterien für die Stufen 2 und 3 nicht weit genug. Dort heißt es: „Die Messlatte könnte niedriger nicht hängen.“ Ruflis Schlusswort: „Der Nutzen für die Milcherzeuger wird dann eintreten für die, die sich den neuen Marktanforderungen anpassen können. Und für die anderen gibt es ein großes Fragezeichen.“

Staatliche Kennzeichnung der Haltungsformen

Während die Wirtschaft Nägel mit Köpfen gemacht hat, bastelt die neue Bundesregierung an einer staatlichen Haltungskennzeichnung.

Was die GroKo in vielen Jahren nicht geschafft hat, packt jetzt die Ampelkoalition an. „Wir werden mit Hochdruck an der Kennzeichnung arbeiten, aber nicht für alle Segmente auf einmal“, erklärte Ophelia Nick, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesagrarministerium.

Eingeschlagene Pflöcke und Aldi-Logik

Das Thema bewegt die Milchviehalter, „und wir wollen Antworten geben“. Mit der Devise „Mittelweg und Augenmaß“ will die neue Regierung das Thema anpacken. „Wir werden da sicher nicht ein, zwei Jahre damit verbringen“, sagte Nick. Auf die Feststellung des DBV-Generalsekretärs Bernhard Krüsken, dass die Wirtschaft bereits Pflöcke eingeschlagen hat, meinte Nick: „Wir werden die Pflöcke genau ansehen und prüfen.“ Diese privatwirtschaftliche Regelung zu den Haltungsstufen sei „wertvolle Vorarbeit“. Für sie „zählt jeder Hof.“

Mit den Worten „Ankündigungswettlauf“ und: „Ist das jetzt ein Beauty-Contest?“, holte Krüsken den Aldi-Vertreter auf die Bühne. Mario Elbers, seines Zeichens Business Unit Director Category Management bei Aldi Einkauf SE & Co. oHG, meinte darauf, man habe beim Haltungswechsel bei Frischfleisch „sehr positive Resonanz erfahren.“ Aldi habe die Transformation der Landwirtschaft in den öffentlichen Diskurs hinein getragen. Auf veränderte Verbraucherwünsche reagiere Aldi jetzt auch bei der Milch.

Krüsken blieb weiter direkt: Der neue Trinkmilchabschluss mit einem Plus von 3 ct liege 15 ct hinter der Marktentwicklung zurück. Wie passt das zusammen? Für Elbers null Problem. Seine Meinung zu den Ausschreibungen: Das sei „marktwirtschaftlicher Konsens“. Krüskens nächster Versuch, diesmal zu QM+: „Warum nur Trinkmilch? Warum nur Eigenmarken. Und die 1,2 ct sind ja auch ein bisschen schmal?“ Elbers entgegnete, die Frischmilch sei ein Bereich, der sich sehr gut beherrschen lässt. Zu den Preisaufschlägen äußert er sich nicht.

Stattdessen verkündete er, dass Aldi ab 2024 komplett auf deutsche Ware umstellen will. Doch reicht dann die einheimische Milch überhaupt? Rund die Hälfte der deutschen Milch geht in den Export. Hochgerechnet auf den gesamten LEH würde das heißen: Das Loch wird – wie bereits oben dargestellt – mit über 12 Mrd. kg importiertem Milchäquivalent ausgeglichen. Fällt diese Menge weg, bleiben die Regale im Supermarkt (wieder hochgerechnet auf den gesamten LEH) fast zur Hälfte leer.