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Milchmarkt

Milchpreisrallye noch nicht zu Ende

Die Verpackungslinie bei frischli: Selbst die Preise für das Verpackungsmaterial sind gestiegen.
BLW
am Donnerstag, 03.11.2022 - 14:57

Rekordpreise: In Süddeutschland herrscht großer Wettbewerb um den Rohstoff Milch.

Von einem sehr volatilen Milchmarkt berichtet der Vorsitzende des Milchindustrie-Verbandes (MIV), Peter Stahl, anlässlich der Jahrestagung in Berlin. Ukrainekrieg sowie Pandemie hinterlassen Spuren nicht nur beim Milchpreis. Verbraucherpreise wie auch Rohmilchpreise für die Erzeuger erreichen mittlerweile Rekordniveau.

Die agrarpolitischen Rahmenbedingungen ändern sich gerade. Die Gemeinsame Agrarpolitik GAP 2023 startet verspätet am 1. Januar 2023 mit Folgen auch für die Milcherzeuger. Regelungen zum Anbau der Felder werden verschärft, die Direktmittel aus Brüssel neu verteilt und Nachhaltigkeit rückt weiter in den Fokus. Der Aufwand für Erzeuger und für die Bürokratie steigt.

Milchanlieferungen gehen spürbar zurück

Rund 55 000 Milcherzeuger in Deutschland plus Lieferungen aus dem benachbarten Ausland haben die Molkereien laut MIV zuverlässig mit fast 33 Mio. t Rohstoff im Jahr 2021 versorgt. Im laufenden Jahr gehen die Milchanlieferungen aber spürbar zurück. Immer mehr Auflagen und hohe Kosten machen den Milcherzeugern das Leben schwer. Zusätzliche Anforderungen an Tierwohl werden besonders regional für einen nochmals verstärkten Strukturwandel sorgen, prognostiziert der Verband in einer Pressemeldung.

Deutschland biete seinen Milcherzeugern aktuell mit teils über 60 ct/kg Rohmilch die höchsten Milchpreise der EU. Der Abstand zu Frankreich beläuft sich laut MIV z. B. auf fast 10 ct. Der durchschnittliche Milchpreis wird für 2022 über 50 ct/kg betragen nach rund 36 ct im Vorjahr. Die Milchpreisrallye sei aber noch nicht zu Ende. Gerade in Süddeutschland herrsche großer Wettbewerb um den Rohstoff, teilt der MIV mit.

Milchmarkt spürt die „vegane Welle“

Der Pro-Kopf-Verbrauch 2021 entwickelte sich je nach Produktgruppe unterschiedlich. Bei Konsummilch ging die Menge in den letzten Jahren um 10 % zurück, während der Käsekonsum um 7 % zunahm – dies führte zu einer Rekordproduktion von 2,67 Mio. t Käse in 2021. Bei Butter wiederum erhöhte sich der Absatz leicht – trotz gestiegener Preise. Die „vegane Welle“ spürt besonders der Konsummilchmarkt: Hafergetränke und Co. erreichen derzeit einen Anteil von fast 10 % der Verbrauchsmenge der Originalmilch. Margarine verliert Absatz und kann nicht von der veganen Welle profitieren.

Die Absatzentwicklung der Milchprodukte ist rückläufig. Dennoch fehlen in Deutschland Rohmilchmengen und Milchinhaltsstoffe im Vergleich zu den Vorjahren zur Herstellung der verschiedenen Milchprodukte. Auf die deutschen Verbraucher können daher nach Meinung des MIV weitere Preissteigerungen zukommen. Die Käseproduktion ist weiter auf hohem Niveau und stärkt u. a. damit den Umsatz der Branche. Der Umsatz lag 2021 in der Gesamtheit bei 28,5 Mrd. € und im Trend gehen für dieses Jahr die Zahlen preisbedingt um rund 10 % weiter nach oben. Allerdings sind die Kosten der Verarbeitung deutlich stärker gestiegen, wobei besonders die hohen Lohnforderungen und steigende Preise im Einkauf bei Energie derzeit Sorgen bereiten.

Preishöhepunkt scheint erreicht

Die Ausfuhr von Milchprodukten ist ein wesentliches Standbein der gesamten Branche. Das Preisniveau hat sich international gegenüber den letzten Jahren deutlich nach oben bewegt und stützt den hiesigen Markt. EU-Ware erzielt mit die höchsten Preise und steht dadurch zunehmend in einem starken internationalen Wettbewerb. Schwindende Kaufkraft innerhalb der EU, aber auch in Drittländern, lassen die Absatzmengen schrumpfen, der Höhepunkt der Preisentwicklung scheint erreicht. Der Brexit behindert darüber hinaus den Handel mit dem Vereinigten Königreich.

Insgesamt bleibt der Verband nach eigenen Angaben verhalten optimistisch, auch wenn Prognosen für 2023 oder darüber hinaus vor dem Kontext der Fragestellungen im Bereich Energie schwerfallen. Fraglich ist, ob ein Übertrumpfen des Rekordjahres 2022 sich wiederholen lässt.