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Milchmarkt

Milchpreis: Der Bio-Vorsprung schwindet

Milchpreis
Hans Jürgen Seufferlein
am Freitag, 17.06.2022 - 11:29

Preis für konventionell erzeugte Milch stieg im Mai erneut um 2,6 Cent je kg. Nun ist auch in Bayern die Schallgrenze von 50 Cent netto fast erreicht.

Dass die Milchpreise weiter steigen, ja steigen müssen, ist nun hinlänglich beschrieben worden. Das Wort historisch wird dabei sehr häufig bemüht. Nun ist auch in Bayern die Schallgrenze von 50 Cent netto fast erreicht. Und obwohl die Rallye noch weitergehen wird, kommt keine rechte Freude auf. Und in manchen Regionen Bayerns kommt unter Milchbauern sogar richtig Unzufriedenheit auf, weil die eigene Molkerei mit ihrer Produktpalette die bisherigen Marktsignale noch nicht in entsprechende, über Jahre hinweg gezeigte gute Milchauszahlungspreise umsetzen hat können.

Der Anfang des Monats in Bayern ausbezahlte durchschnittliche Milchpreis hat die magische Grenze noch nicht ganz erreicht. Bei 49,9 Cent netto bei 4,2 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß konnte der Verband der Milcherzeuger Bayern (VMB) den aggregierten Milchpreis für die im Mai an die Molkereien angelieferte Milch ermitteln. In Schwaben und in Nordbayern ist die Grenze mit jeweils 50,1 Cent bereits gefallen, Altbayern liegt noch leicht darunter.

Gegenüber dem Vormonat bedeutete dies einen weiteren satten Sprung von 2,6 Cent, nachdem es bereits von März auf April mit 2,3 Cent eine deutliche Steigerung gegeben hatte. Und auch der Biomilchpreis hat weiter zugelegt, allerdings nur um 0,6 Cent/kg, von 54,8 auf 55,4 Cent/kg für den Monat Mai. Damit ist auch die Differenz zwischen dem Milchpreis konventionell, ohne Gentechnik erzeugt, und dem Biomilchpreis weiter geschrumpft. Nur noch 5,5 Cent trennen jetzt diese beiden Qualitäten.

Historisch hohe Preise für Endverbraucher

Die Milchanlieferung hat im Mai ihren verhaltenden Verlauf fortgesetzt. Die Rohstoffmärkte waren von begrenzten Verfügbarkeiten gekennzeichnet. Allerdings verlief auch die Nachfrage nach Milchprodukten deutlich ruhiger. So gaben die Preise an den Spotmärkten zunächst nach. Um den Monatswechsel schien die Talsohle allerdings durchschritten. Am deutlichsten zeigte sich die Beruhigung bei abgepackter Butter, die im Mai recht verhalten abgerufen wurde. Das lag einerseits an den historisch hohen Endverbraucherpreisen, sowohl für die Eigenmarken, die mit 2,29 Euro/250 g verkauft wurden. Noch mehr mediales Aufsehen erregten allerdings die Preisfestsetzungen des Handels für einige bekannte Herstellermarken, die deutlich über der Marke von 3 Euro/250 g festgelegt wurden. Zudem hielten sich in diesem Jahr die Marktimpulse über die saisonalen Erzeugnisse Erdbeeren und Spargel deutlich in Grenzen.

Auch bei Blockbutter agierten die Marktakteure zurückhaltend. Die Preise gaben zur Monatsmitte leicht nach, was auch zu einer leichten Rücknahme der Kontraktpreise zwischen Lebensmitteleinzelhandel und Molkereien für den laufenden Monat Juni führte. Aktuell haben sich die Notierungen wieder erholt, was auch an den in diesem Jahr recht niedrigen Inhaltstoffen liegen könnte.

Bei Käse setzte sich im zurückliegenden Monat der hohe Bedarf vor allem bei Schnittkäse fort. Im Inland waren die Abrufe umfangreich und auch im Export floss die Ware kontinuierlich ab. Bei durchweg nur begrenzter Verfügbarkeit und extrem niedrigen Beständen tendierten die Preise zunächst laufend fester und stabilisierten sich zuletzt auf dem erhöhten Niveau.

Magermilchpulver wurde im Inland kontinuierlich und von Drittstaaten ruhig nachgefragt, was letztendlich auch zu Preisabschlägen führte. Durch die hohe Auslastung in den Käsereien war Molke umfangreich verfügbar. Das Angebot nahm dadurch zu, was vor allem bei Futtermittelware zu Preisabschlägen führte.

Milchpreise nach wie vor regional unterschiedlich

Wie in den letzten Wochen bereits mehrfach beschrieben, hat die besondere Marktlage zwar zu einem flächendeckenden Anstieg der Milchpreise geführt. Doch diese waren regional sehr unterschiedlich, waren im Norden anfangs deutlich ausgeprägter als im Süden. Gerade die Preissprünge in Schleswig-Holstein mit den dort bekannten „einfacheren“ und somit schneller markt- und milchpreiswirksamen Verwertungen sorgten für Erstaunen.

So konnten dort die Molkereien vor allem durch die rasanten Preisanstiege im Versandgeschäft wie auch bei Butter und Pulver ihre Auszahlungen für April um fast 4 Cent anheben. Der durchschnittliche Milchpreis stieg damit auf fast 51 Cent/kg im Durchschnitt, auf der Basis von 4,2 Prozent Fett, bedeutete einen weiteren Monat die Führung im bundesweiten Preisranking. Danach folgten mit Niedersachsen und Sachsen zwei Bundesländer, die im langjährigen Durchschnitt auch nicht zu den Bestauszahlern zu zählen sind, mit knapp über 48 Cent netto. Die im Milchpreisranking meist an der Spitze stehenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg mussten sich mit um die 47 Cent, trotz des Sprunges um mehr als 2 Cent, im Durchschnitt mit hinteren Mittelfeldplätzen zufrieden geben. Zwischen Schleswig-Holstein und dem derzeitigen Schlusslicht, der Region Rheinland-Pfalz/Hessen/Saarland liegen mehr als 5 Cent Differenz, meist zu begründen mit den uneinheitlichen Entwicklungen der Verwertungen und Laufzeiten der Kontrakte.

Märkte für Milchprodukte beruhigt, aber fest

Auch wenn die steilen Anstiege bei den einschlägigen Marktparametern abgeflacht sind, werden sich die Märkte auch in den kommenden Monaten von ihrer festen Seite zeigen. Dazu zählt, dass die Milchmengen nicht nur national, sondern auch EU-weit unter der Vorjahreslinie verbleiben dürften – und dass die Inhaltstoffe sich ebenfalls unterdurchschnittlich zeigen.

Die Milchpreise werden somit auch im dritten Quartal ihren Aufwärtstrend fortsetzen. Mit welcher Intensität, bleibt allerdings abzuwarten. Allerdings sind Milchpreise von „Mitte 50 Cent“ im Durchschnitt im Herbst keine Utopie. Während die Butterpreise und Käsepreise für den Verbraucher bereits nach oben angepaßt und milchpreiswirksam wurden, stehen zur Jahresmitte größere Preissprünge bei der Konsummilch und auch bei den Joghurts vor allem der Eigenmarken noch an.

Ein großer Wermutstropfen und auch nicht vorhersehbar ob der weiteren Entwicklung sind die hohen Kosten, die bei vielen Betrieben keine Steigerung der Erzeugung sinnvoll erscheinen lassen. Beim Zukauf von Futtermitteln und Dünger dürften die Betriebe sehr zurückhaltend kalkulieren. Auch die Auflagen und Anforderungen an Tierwohl, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind nach wie vor Gegenstand jeder betriebswirtschaftlichen Kalkulation.

Und auch das gehört zur derzeitigen Realität: Die Milchverarbeiter, ob mit genossenschaftlicher oder privater Rechtsform haben ebenso mit den hohen Kosten für Verarbeitung, Verpackung und Logistik zu kämpfen, was eben nur eine teilweise Weitergabe der höheren Verkaufsabschlüsse an die Milcherzeuger ermöglicht.

Angespannte Situation bei Biomilch

Gerade am Milchstandort Bayern mit einer hohen Zahl von Sondermilchen stellt sich derzeit die Frage, wie die Verbraucher auf die bereits höheren Produktpreise im Regal reagieren, wie die allgemeine Kostenentwicklung auch bei Privathaushalten sich auf das Einkaufsverhalten auswirkt. Während in vielen Fällen des täglichen Bedarfs eine große Wahlmöglichkeit nicht besteht, könnte das Sparverhalten in erster Linie wieder die Lebensmittel betreffen.

Das Thema Inflation ist derzeit aus den Medien nicht wegzubekommen und führt folglich bereits zu preissensiblerem Einkaufsverhalten. Die „Tierwohlmilch“ aus Haltungsformstufe 2 ist am Markt noch gar nicht aufgeschlagen, die Markenartikler berichten von Rückgängen beim Absatz oder auch Problemen, für ihre diese Produkte höhere Preise durchzusetzen. Besonders der Verbrauch von Biomilchprodukten steht derzeit besonders im Fokus der Betrachtung. Dass die Nachfrage jetzt schon nachgelassen hat, zeigt die unterschiedliche Dynamik bei den Milcherzeugerpreisen.

Natürlich ist dies auch darauf zurückzuführen, dass bei einigen Biomilch verarbeitenden Molkereien zu Beginn des zweiten Quartals, in der Regel für die Zeit von April bis September saisonale Abzüge erhoben und gleichzeitig die „Winterzuschläge“ (für die Zeit von Oktober bis März) nicht mehr gewährt werden. Aber erste vorliegende Zahlen lassen eben bedauerliche Weise auch auf einen negativen Nachfrageeffekt schließen. „Bio für alle“ muss sich auch und vor allem für die Erzeugerseite rechnen!