Lebensmitteleinzelhandel

Milchpreis: Ein arrogantes Spiel auf Zeit

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Hans-Jürgen Seufferlein, VMB
am Freitag, 30.04.2021 - 10:46

Statt Preiserhöhungen durchzuführen, setzt der Handel darauf, die neuen Kontrakte hinauszuzögern.

Der Mai stellt für die Milchbauern einen wichtigen Eckpfeiler für den Jahresmilchpreis dar. In diesem Jahr ganz besonders: Denn derzeit werden nicht nur für die kommenden sechs Monate die Produkte der sogenannten Weißen Linie zwischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und Molkereien verhandelt. Auch der bisherige Zweimonatskontrakt für Butter im Preiseinstiegssegment läuft aus.
Und bis zum 1. Mai müssen die Mitgliedstaaten die UTP-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt haben. Damit sollen erstmals EU-weit einheitliche Mindeststandards gelten, unfaire Handelspraktiken (UTP = unfair trade pratices) des LEH eingedämmt und landwirtschaftliche Erzeuger gestärkt werden.
Wie schnell die Vielfalt unfairer Handelspraktiken des LEH reduziert werden kann, muss realistisch betrachtet werden. Dem LEH fallen immer wieder neue Varianten ein, dies in Zeiten mit sehr realer Aussicht auf steigende Produkt- und damit Milchpreise zu verhindern oder hinauszuzögern. Gerade von den noch laufenden Verhandlungen über die Weiße Linie hört man wieder einmal nichts Erfreuliches vom LEH: „Kräht der Ha(h)ndel auf dem Mist, ändert sich der alte Kontrakt – oder bleibt noch zwei Monate wie er ist“. Tatsächlich ist es so, dass der LEH mit dem Branchenprimus an der Spitze alles daran setzt, mit „innovativen“ Argumenten die neue Kontraktlaufzeit erst am 1. Juli beginnen zu lassen. Dem Vernehmen nach sind bereits erste „Erfolge“ zu vermelden.

Der Markt gibt es her

Trotz der weiterhin nicht absehbaren Entwicklung rund um die Corona-Pandemie mit teils massiv eingeschränkten Absatzströmen zeigt sich der Milchmarkt seit Monaten erstaunlich robust. Die einschlägigen Parameter an den Spot-, Termin- und Kassamärkten sowie die Entwicklung an der globalen Handelsplattform GDT geben berechtigt Hoffnungen auf dringend notwendige Milchpreisanhebungen.
Nicht zu vergessen die Milchanlieferung, die aktuell sogar auf EU-Ebene unter Vorjahr gesunken ist. Der Autor dieses Beitrages hat Mitte März an anderer Stelle bereits verlautbart, dass ein Milchpreis von 40 ct/kg netto in diesem Herbst keine Illusion mehr ist. Und dieses Niveau wäre auch dringend notwendig angesichts explodierender Preise bei Futter- und Betriebsmitteln. Auch die in vielen Regionen Deutschlands angespannte Grundfuttersituation sei nicht unerwähnt.
Für die Butterkontrakte stehen die Marktsignale günstig: An diesem Mittwoch wurde Blockbutter an der Kemptener Börse trotz zuletzt erkennbarer Marktberuhigung weiter bei 4 €/kg notiert. Und dieses Niveau gilt als Maßstab für abgepackte Butter. Hier ist deutlich Luft nach oben.
Auch bei der Weißen Linie, angefangen beim Königsprodukt Konsummilch, stünden deutliche Preissteigerungen an, nimmt man aktuelle Verwertungsmöglichkeiten als Maßstab. Allein der Vorstoß des LEH steht dem noch im Weg, diese Preisanhebung noch etwas hinauszuzögern. Die Milchpreise haben sich in den vergangen Monaten zwar erhöht und werden nach bereits vorliegenden Abschlüssen auch weiter anziehen. Aber es wäre deutlich mehr möglich, wenn Angebot und Nachfrage und weniger die Marktmacht des LEH zur Geltung käme. Hier steht der LEH als Profiteur der Pandemie voll auf der Bremse.