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Lebensmitteleinzelhandel

Milchmarkt: Haltungsstufe 2 am Start

Milchregal
Hans Jürgen Seufferlein, Verband der Milcherzeuger Bayern
am Freitag, 14.01.2022 - 12:01

Tierwohl und Handel: Die neuen Trinkmilch-Abschlüsse mit dem LEH sind ernüchternd ausgefallen. Edeka macht mit der Umstellung auf die Haltungsstufe 2 für Milchprodukte ernst.

Lebensmittel dürfen nicht verramscht werden, hat jüngst Cem Özdemir zum Amtsantritt verlautbaren lassen. Damit unterscheidet sich der grüne Bundesagrarminister nicht wesentlich von seinen Amtsvorgängern und Vorgängerinnen mit andersfarbigem Parteibuch, aber gleichermaßen salbungsvollen wie folgenlosen Worten. Am parteiübergreifenden Konsens kann es also nicht liegen, dass es bei Lebensmitteln nach wie vor eklatant an Wertschätzung und Wertschöpfung mangelt.

Und mit den aktuellen Ergebnissen der Verhandlungen über die Kontrakte bei Konsummilch zwischen den Molkereien und dem Lebensmittelhandel wurde die harte Marktrealität postwendend vor Augen geführt. Denn eine wirkliche Preisrallye auf zumindest Kosten deckende oder gar Gewinn bringende Preise sieht anders aus: Mit Beginn dieser Woche hat der Lebensmitteleinzelhandel die Preise für Konsummilch zwar angehoben, angesichts der bekannt guten und seit längerem mehr als stabilen Marktdaten aber nur um bescheidene 3 ct sowohl für Vollmilch wie auch für die fettarme Variante.

Branchenprimus Aldi begann am Montag bei seiner jetzt bundesweit gelisteten Eigenmarke Milsani mit der Preisanpassung, die Wettbewerber zogen wie gewohnt und in gleicher Höhe die letzten Tage nach. Fortan muss der Verbraucher für die Milchen der Eigenmarken des Handels 83 ct für den Liter Vollmilch und 75 ct für den Liter fettarme Milch, jeweils für die Varianten Frisch-, ESL und H-Milch bezahlen. Und die Preisanpassungen gelten bisher nur für die Konsummilch. Alle anderen Produkte der weißen Linie wurden ausgeklammert. Auch das Biosegment wurde nicht angepasst.

Der Handel spielt seine Macht gnadenlos aus

Der Lebensmitteleinzelhandel „spielt“ also weiter mit seinen Marktpartnern, mit den Molkereien und letztendlich mit den Milcherzeugern. Im vergangenen Jahr wurde der Beginn der Kontraktlaufzeit bei der weißen Linie um zwei Monate von Mai auf Juli verschoben. Und die dann umgesetzte Preiserhöhung bei Konsummilch von nur 1 ct waren kaum der Rede wert, angesichts der Anforderungen, die mittlerweile vom Markt an die Erzeugung von Milch gerichtet werden.

In den vergangenen Monaten hat sich nun der Milchmarkt dermaßen stabil entwickelt, mit historischen Höchstwerten bei nahezu allen einschlägigen Marktparametern, dass ein viel deutlicher Preissprung zu erwarten gewesen wäre. Und er wäre nicht nur marktkonform gewesen, sondern auch existenziell notwendig für die Milcherzeuger: Denn auch die Kostenseite, von der für die Milcherzeugung notwendigen Energie bis zu den Betriebs- und Futtermitteln, erreicht mittlerweile Höchststände, welche die Ende vergangenen Jahres auf über 40 ct netto angestiegenen Milchauszahlungspreise stark relativieren.

Haltungsstufe 2 rollt in die Regale

Und wie es der Zufall so will, hat am Tag der unzureichenden Preiserhöhungen Edeka verkündet, dass sie bei der Einführung der Haltungsformkennzeichnung für Milch und Milchprodukte „konsequent“ auf die niedrigste Haltungsformstufe 1 verzichten werden.

Edeka und sein Ableger Netto Marken-Discount haben sich zum Ziel gesetzt, im Jahresverlauf 2022 das gesamte Trinkmilch-Sortiment ihrer Eigenmarken auf die Haltungsformen 2 oder höher umzustellen. Perspektivisch sei dies auch für weitere Milch- und Molkereiprodukte geplant. Gemeinsam mit regionalen Partner-Molkereien gibt der Edeka-Verbund mit dieser Entscheidung nach eigener Einschätzung ein wichtiges Signal zur Verbesserung der Haltungsbedingungen von Milchkühen in Deutschland.

Was heißt das nun in der Praxis: Ab April 2022 werden alle Trinkmilchprodukte der Eigenmarken gut & günstig, Edeka und Edeka Bio schrittweise mit den Haltungsformen 2 (Stallhaltung Plus), 3 (Außenklima) oder 4 (Premium) gekennzeichnet.

Und um es nochmals zu wiederholen: Bei Edeka fängt das Zählen erst bei 2 an, man verzichtet schon bei Einführung der Haltungsform auf die niedrigste Stufe. Und die ist, um es einfach auszudrücken, gesetzlicher Standard und ist mit einem bestandenen Audit auf der Grundlage des aktuell gültigen Standards QM-Milch 2020 erfüllt.

Ganzjährige Anbindehalter werden ausgegrenzt

Damit wird von Edeka von heute auf morgen Milch aus Betrieben mit ganzjähriger Anbindehaltung vom Markt ausgegrenzt. Milch, die vornehmlich von den ach so gewünschten kleineren Betrieben für den Markt erzeugt wird. Edeka liebt bekanntlich Lebensmittel, wohl nicht aber die Betriebe.

Und ebenso auffällig: Edeka beginnt bereits jetzt, den Fokus auf die Haltungsformstufen 3 und 4 zu richten. Erkenntlich daran, dass auf die besonders hohen Kriterien der Eigenmarke „Edeka-Bio“-Milch besonders verwiesen wird. Diese werden mit der Premium-Haltungsform 4 gekennzeichnet. Verbraucher würden so auf den ersten Blick erkennen, dass die Milchkühe mehr Bewegungsfläche, Weidegang sowie zusätzliche Auslaufmöglichkeiten haben.

Auch die regional erhältliche „Edeka Weidemilch“, die mit zwei Sternen des Deutschen Tierschutzbundes und dem Label „Für mehr Tierschutz“ versehen ist, würden diese höchste Haltungsformstufe zugewiesen bekommen. Zu den Artikeln mit Haltungsform 3 (Außenklima) zählt beispielsweise die regional erhältliche Edeka-Milch, die mit einem Stern des Deutschen Tierschutzbundes ausgelobt wurde.

Nicht überraschend haben nun nach dem Vorpreschen von Edeka bereits die ersten Wettbewerber reagiert und sich ebenso zur Einführung der Haltungsform bei Milch und Milchprodukten geäußert. Denn nahezu alle bekannten deutschen Lebensmittelhändler sind bereits seit mehreren Jahren Träger der Haltungsformkennzeichnung bei Fleisch und werden dies jetzt unisono auch bei Milch tun.

So hat Mitte der Woche auch Lidl angekündigt, die Haltungskennzeichnung auf Milch und Milchprodukte auszuweiten. Lidl ist dabei in seiner Wortwahl etwas gemäßigter als Edeka. In den Auswirkungen und Perspektiven aus bayerischer Sicht aber keineswegs beruhigender. So hat Lidl verlautbart, dass bereits jetzt etwa 65 % der Trinkmilch den Anforderungen der Haltungsstufen 3 und 4 entspräche.

Lidl lobt Eigenmarken mit Haltungskennzeichen aus

Und ab diesem Jahr würde eben auch Lidl sukzessive Milch und Milchprodukte seiner Eigenmarken mit der Haltungskennzeichnung ausloben. Nicht überraschend bringt Lidl dabei die Haltungsform zuerst auf der Verpackung der Trinkmilch auf. 100 % der Biomilch sind nach Bioland-Standard zertifiziert, 65 % des Trinkmilchsortiments wird zukünftig mit den Haltungsformstufen 3 bzw. 4 ausgelobt.

Während bei den dringend notwendigen Preisanpassungen ein Zögern, Zaudern und Blockieren des Lebensmitteleinzelhandels vor allem im Bereich Milch und Milchprodukte mehr als offensichtlich ist, ist die Rallye bei der Haltungsform eröffnet.