Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Milchviehhaltung

Milchmarkt: Feste Preise und neue Regeln

Melkroboter_35-ID58968
Rainer Königer Portrait 2019
Rainer Königer
am Montag, 07.02.2022 - 13:48

Milchindustrie geht von einem sehr festen Milchmarkt für die erste Hälfte des Jahres 2022 aus.

Wir haben eine total spannende Zeit mit grundsätzlichen Weichenstellungen.“ Mit dieser Aussage hat Peter Stahl, Vorsitzender der Milch-Industrieverbands (MIV) sicher recht. In einer Pressekonferenz sprach er vergangene Woche über den Milchpreis, politische Entwicklungen und die Einführung der Haltungsstufen für Milchprodukte.
Politisch würden auf EU- und Bundesebene gerade die Weichen gestellt. „Das geht einher mit Verwerfungen auf dem Markt“, meinte Stahl. So hat der Kieler Rohstoffwert inzwischen (für Januar 2022) einen Höhe von 54,3 ct/kg Milch erreicht. Das jetzige Auszahlungsniveau an die Landwirte ist selbst ihm nicht hoch genug. 40 ct würden sich gut anhören, „was aber nicht der Fall ist.“ Denn die Preissteigerungen würden oft nicht reichen, um die zusätzlichen Kosten zu decken. Er fordert stabile Rahmenbedingungen, um Investitionen möglich zu machen. Die Kosten seien auch für Molkereien massiv gestiegen. Stahls Forderung: „Diese Kosten müssen weitergegeben werden.“
Die Bulkmärkte (Massenprodukte) und der Markt für Spotmilch sind derzeit wesentlich stärker als der Markt für weiterverarbeitete Produkte. Die Preise im LEH „hinken deutlich hinterher“, so der MIV-Chef. Und da sei die Diskussion ums Tierwohl nicht eingerechnet. Stahl plädiert für Nachhaltigkeit und Generationenfestigkeit: „Die politischen Vorgaben müssen dem Stand halten.“

Export: Haltungsform spielt keine Rolle

In Sachen Tierwohllabels nahm Stahl der öffentliche Debatte etwas den Wind aus den Segeln: „Wir haben das Exportgeschäft und da spielt die Haltungsform überhaupt keine Rolle.“ Für die Haltungsstufe 1 gibt es einen Markt. Und am Milchmarkt herrscht derzeit insgesamt eher Knappheit vor. Nach den Angaben des MIV ist die Milchmenge weltweit und in den wichtigsten Ländern im dritten Tertial 2021 unter das Niveau des Vorjahrs gefallen.
Die hohen Spotmarktpreise und die hohen Preise für Bulkware sollten den Preis für die höher verarbeiteten Produkte befeuern. Hans Holtorf, stellvertretender MIV-Vorsitzender: „Die Preise müssten marktkonform nachziehen.“ Stahl geht in diesem Zusammenhang von weiter sinkenden Milchmengen in der EU aus. Dafür sorgten schon alleine der Green Deal und die Farm-to-Fork-Strategie auf europäischer Ebene.
In Sachen Inflation erklärte er, dass in Deutschland sehr wenig für Lebensmittel ausgegeben wird. Die Preise für Lebensmittel müssten nach jetzigem Stand steigen. Um die Preise auch bezahlen zu können, hofft er auf höhere Kaufkraft im Inland durch höhere Löhne. Speziell für den Milchmarkt rechnet er damit, dass „das erste Halbjahr 2022 sehr, sehr fest sein wird“. Für das zweite Halbjahr seien noch keine Prognosen möglich.
Zum Modul QM+, das als Einstieg in die Haltungsstufe 2 dient, erklärte Stahl: „Ich hätte mir einfachere Lösungen gewünscht.“ Der Hochland-Chef geht davon aus, dass es am Ende verschiedene Labels geben wird (z. B. über die DLG oder den Tierschutzbund), die den Wechsel in Stufe 2, 3 oder 4 ermöglichen. Zur Wechselwilligkeit der Landwirte meinte Holtorf: Landwirte, die bereits jetzt in Spezialprogrammen seien, hätten keine Probleme, in Stufe 2 zu wechseln.
Auch in den Verträgen und Kontrakten zwischen Molkereien und Lebensmitteleinzelhandel könnte sich etwas tun. Das sind zumindest die Vorstellungen des MIV. Stahl will weg von Festpreiskontrakten. Dafür könnten die Verträge über einen längeren Zeitraum laufen, wenn entsprechend der Marktentwicklungen während der Laufzeit Preisanpassungen vorgenommen werden.

Der Molkerei vertrauen oder wechseln

Längere Verträge der Milcherzeuger oder der MeG mit den Molkereien hält er für eher unwahrscheinlich. Den Erzeugern bleibe nur das Vertrauen in die Molkerei oder ein Molkereiwechsel. Ein Landwirt, der investiert, „wird ins Risiko gehen müssen“, so Stahl.
Auf die Frage des Wochenblatts, wer den Krieg um die Marken gewinnen wird – die Molkereien oder der Handel?, erklärte Stahl: Die Marken das Handels als auch der Molkereien hätten in den vergangenen zwei Jahren einen Auftrieb erlebt. Inzwischen würden aber Molkereien, die für die Handelsmarken produzieren und abfüllen, aus Basiskontrakten aussteigen. Der Grund: In anderen Verwertungen liegt mehr Wertschöpfung.
Angesichts der extrem hohen Corona-Infektionszahlen macht sich der Molkereimann Sorgen um die Lieferfähigkeit. Wenn ganze Belegschaften in Quarantäne gehen müssten und es bei Containerfrachten zu Verzögerungen von 10 bis 12 Wochen kommt, könnte es eng werden.