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Finanzkapitalismus

Milchkritiker Oatly treibt Milliarden ein

Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 31.05.2021 - 14:26

Der Haferdrink-Erzeuger und lautstarke Kuhmilchkritiker hat bei seinem Börsengang über eine Milliarde Dollar eingesackt.

Milchdrink

Am 20. Mai ist der schwedische Hersteller von Pflanzendrinks an die größte elektronische Börse in den USA, die Nasdaq, gegangen. Er hat bei seinem Börsendebüt einen Ausgabekurs von 17 Dollar erzielt. Das lag am oberen Ende der Zeichnungsspanne. Der erste Kurs lag mit 22 US-Dollar sogar 30 Prozent über dem Ausgabepreis. Zum Höchstkurs wird das Unternehmen, das vom Trend zu veganer Ernährung profitieren will, mit mehr als 13 Milliarden Dollar bewertet. Zu den Investoren von Oatly gehören bekannte Personen wie der frühere Starbucks-Chef Howard Schultz, Oprah Winfrey, Natalie Portman oder Rapper Jay Z, wie die Wirtschaftswoche schreibt.

Oatly und einige seiner Anteilseigner nehmen mit der Emission bis zu 1,65 Milliarden Dollar ein, davon gehen 1,1 Milliarden an das Unternehmen selbst.

Ende der Milchproduktion eingeläutet

Oat ist die englische Übersetzung für Hafer und liefert damit einen konkreten Hinweis darauf, mit welchen Produkten das Unternehmen Geld verdienen will. Wer auf die Internetseite von Oatly geht, bekommt aber einen etwas anderen Eindruck. Statt für das eigene Produkt, spricht das Unternehmen sehr viel über Kuhmilch und das in einem sehr vernichtenden Ton. Auf der Startseite findet sich ein Kuhglocken-Countdown und die Macher der Seite führen die Wortneuschöpfung einer Post-Milch-Generation ein. Im zweiten Schaubild folgt dann der Spruch: "Are You stupid - the milk lobby thinks you are". Auf deutsch: "Bist du dumm - die Milchlobby glaubt, dass du es bist."

Ganz im kämpferischen Duktus von NGOs lässt Oatly kein gutes Haar an der Milch und scheint deren erfolgreichen Kampagnenstil kopieren zu wollen. Besonders hinsichtlich der Klimawirkung stellt das Unternehmen der Kuhmilch ein grottenschlechtes Zeugnis aus. Aber für Abhilfe sei gesorgt. Man muss keinen Verzicht üben, denn auf die Kritik am traditionellen Produkt Kuhmilch folgt ein Heilsversprechen: Man müsse eben nur das richtige Produkt kaufen und schon sieht die Welt viel besser aus. Damit versucht sich das Unternehmen an einem markt- und klimakonformen Spagat. Weil kaufen sollen die Kunden natürlich weiterhin.

Streit in England

Das hat die Milchbauern in England auf die Palme gebracht. Auslöser war ein Tweed des Unternehmens zu ihrer umstrittenen "Help Dad"-Anzeige. In ihr fand sich die Behauptung, die Milch- und Fleischerzeugung stoße mehr CO2 aus als alle Flugzeuge, Züge, Autos, Boote usw. der Welt zusammen aus. Landwirte und Bauernverbände reagierten auf den Tweet.

Der britische Bauernverband NFU sagte, sie können Oatlys Behauptung nicht bestätigen. „Die britischen Zahlen für Emissionen aus der britischen Landwirtschaft liegen bei 10 Prozent im Vergleich zum britischen Verkehr mit 27 Prozent (Daten des britischen Landwirtschafts-Ministeriums Defra). "Wir erkennen die Daten und Statistiken nicht an", sagte die NFU.

Immense Kapitalanhäufung heißt nichts Gutes

Wenn Erfolg recht gibt, hat Oatly alles richtig gemacht. Der Börseneinstand war ein Paukenschlag. Bei Börsianern und kapitalkräftigen Finanzinvestoren scheint das Unternehmen den richtigen Ton getroffen zu haben. Deshalb dürfte es den eingeschlagenen Kurs beibehalten und weiterhin kräftig Ellenbogen zeigen, so lautet nun einmal die Logik der neoliberalen Marktwirtschaft - auch wenn andere dabei unter die Räder kommen sollten. Geld für weitere Kampagnen ist auf jeden Fall reichlich vorhanden.

Für Milchbauern heißt das nichts Gutes. Sie sitzen nicht auf einem milliardenschweren Batzen Geld, um mit eigenen Kampagnen dagegenzuhalten.

Apropos Geld. Auch hier hat Oatly so seine eigene Sichtweise entwickelt. Das Unternehmen betrachtet sich nach dem Börsengang nun als public company - also als öffentliches Unternehmen. Das ist schon etwas dreist. Da kaufen sich Reiche und Superreiche ein und das Ganze wird als sozialer Akt verkauft. Die Realität dürfte vielmehr sein, dass sich hier das Kapital nur einmal wieder selbst vermehrt, während die Armen dieser Welt leer ausgehen. Und noch eins dürfte feststehen. Für die Nomadenvölker dieser Welt wird die Milch von Kuh oder Schaf weiterhin die wichtigste Eiweißquelle bleiben.