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Alleinstellung

Milch mit Mehrwert ist mehr wert

Kühe-Weide
Josef Assheuer, Landwirtschaftskammer NRW
am Freitag, 10.01.2020 - 11:50

Auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen konfrontieren Handel und Molkereien die Milcherzeuger mit immer neuen Produktionsauflagen. Welche Kosten hierdurch entstehen, zeigt das Beispiel der Weidemilch.

Wohl kein anderes Lebensmittel wird in so vielfältiger Weise angeboten wie Milch. Meter lange Kühlregale im Supermarkt sind für den Verbraucher eher herausfordernd als hilfreich. Doch die Angebotspalette wird immer umfangreicher. Heumilch, Weidemilch, Bergbauernmilch, A2-Milch, regionale Milch, Sommermilch – vieles auch biologisch und selbstverständlich GVO-frei. Und das Ganze zum unschlagbar günstigen Preis, schließlich ist Milch immer noch ein Ankerprodukt.

Premium hat seinen Preis und braucht ihn auch

Der Aufwand für diese Vielfalt ist enorm. Getrennte Abholung und Verarbeitung, eine separate Verpackung und eine aufwendige Markenpflege sind nur einige Beispiele, die die Margen für Premiumprodukte belasten. Dabei ist der Anteil an Milch mit Produktionsauflagen an der gesamten vermarkteten Milchmenge eher gering. So konnte z. B. der Absatz von Weidemilch in den Jahren 2015 bis 2017 zwar von 37 auf 83 Mio. l gesteigert werden, dies entsprach zuletzt aber lediglich einem Anteil von 2,5 % am gesamten Konsummilchabsatz.

Langfristig ist davon auszugehen, dass sich der Milchmarkt in zwei Richtungen entwickeln wird. Auf der einen Seite wird ein zumeist lokal und mengenmäßig begrenztes Premiumsegment mit immer höheren Produktionsauflagen bedient, auf der anderen Seite wird Milch als Massenware zum Dumpingpreis im Weltmarkt abgesetzt. Kein Milcherzeuger kommt also umhin, sich mit den verschiedenen Vermarktungsprogrammen seiner bzw. auch anderer Molkereien auseinanderzusetzen.

Am Ende entscheidet der Preis bzw. der Mehrerlös darüber, ob eine Teilnahme für Milcherzeuger aus betriebswirtschaftlicher Sicht Sinn ergibt. Hierzu muss der Mehraufwand, der zur Erfüllung der Auflagen getätigt werden muss, akribisch ermittelt und dem in Aussicht gestellten Mehr­erlös gegenübergestellt werden. Am Beispiel der Weidemilch wurden für einen Musterbetrieb mit 150 Milchkühen die zusätzlichen Kosten ermittelt (siehe Tabelle).
Demnach muss jeder Kuh im Auslauf eine Fläche von mindestens 4,5 m2 zur Verfügung gestellt werden. Dies erfordert im Beispielbetrieb bei jährlichen 850 mm Regen einen zusätzlichen Güllelagerbedarf von 195 m3. Unterstellt man dafür Investitionskosten von 60 €/m3 und für den Laufhof von 85 €/m2, summieren sich die gesamten Investitionskosten auf fast 30 000 €. Zur Ermittlung der Jahreskosten sind wir aufgrund der nicht gesicherten Laufzeit von 12,5 % Abschreibung, 2 % Zinsansatz vom halben Neuwert und 1 % Unterhaltung ausgegangen, sodass die Jahreskosten 15 % der Investitionssumme bzw. 4243 € betragen.

Das ist noch nicht alles. Der zeitliche Aufwand am Laufhof darf nicht unterschätzt werden. Geht man nur von einer halben Stunde pro Tag für das Treiben der Tiere und das Abschieben der Fläche aus, summieren sich die Kosten für die Arbeit bei einem Lohnansatz von 20 € pro Stunde auf 3650 €/Jahr. Nicht unerheblich sind auch die Kosten für die Gülleausbringung und gegebenenfalls auch für die überbetriebliche Verwertung. Da der letzte Kubikmeter Gülle immer der teuerste ist, haben wir mit 4 €/m3 Ausbringungskosten und 8 €/m3 für die Abgabe kalkuliert, in Summe also 1561 € pro Jahr.

Leistungsrückgang einkalkulieren

Milcherzeuger, die schon einmal von ganzjähriger Laufstallhaltung auf zusätzlichen Weidegang umgestellt haben, wissen, dass die ursprüngliche Milchleistung kaum zu halten ist. Dies gilt vor allem dann, wenn beim Weidegang nicht die Fütterung, sondern die Auflagenerfüllung im Vordergrund steht. In entsprechenden Versuchen wurde nicht selten eine Leistungsdepression registriert, die 

  • je nach Milchleistungsniveau und 
  • Ausgestaltung des Weideganges, also in Abhängigkeit 
  • des Flächenangebotes, 
  • des Aufwuchses und 
  • des zeitlichen Umfanges, durchaus erheblich sein kann. 

Auf der anderen Seite werden kaum Kosten eingespart, weil Silagen vorgehalten werden müssen, der Kraftfutteraufwand je kg Milch nahezu unverändert bleibt und Arbeitszeit – wenn überhaupt – nur marginal eingespart werden kann.
Unterstellt man lediglich einen verhaltenen Leistungsrückgang von 5 % und einen Saldo aus Milchertrag minus eingesparter Kosten in Höhe von 25 ct/kg Milch, ergibt sich bezogen auf die Gesamtmilchmenge ein Minus von 18 750 €/Jahr. Weitere produktionstechnische Parameter wie Tiergesundheit, Fruchtbarkeit oder Langlebigkeit bleiben hier unberücksichtigt, weil sie eher von den Managementqualitäten des Betriebsleiters als durch Weidegang beeinflusst werden. In der Summe ergeben sich für den Beispielsbetrieb Mehrkosten durch die Teilnahme am Weidehaltungsprogramm in Höhe von 28 984 €/Jahr bzw. 2,0 ct/kg Milch.

Synergieeffekte und Risiken

Molkereien belohnen die Teilnahme am Weidemilchprogramm oftmals mit einem um 3 bis 4 ct höheren Milchgeld. Das wäre für unseren Beispielsbetrieb ein Gewinnplus in Höhe von 14 250 € bzw. 28 500 €. Eine zusätzliche Attraktivität erzielt das Weidemilchprogramm der Molkereien, wenn es mit dem gleichlautenden Programm der EU aus der 2. Säule verknüpft werden kann. Hier winken bei fast identischen Auflagen noch einmal zusätzlich 50 €/Milchkuh und Jahr. Dass sich hierdurch der bürokratische Aufwand und die Kontrolldichte automatisch erhöhen, muss in Kauf genommen werden.
So verlockend die Vorteile des Programmes auch sein mögen, die Risiken sind nicht ganz unerheblich. Milcherzeuger bleiben beispielsweise auf den Kosten der Investition sitzen, wenn das Programm nicht mindestens für die Dauer der Abschreibungszeit angeboten wird. Darüber hinaus steigt die Abhängigkeit von der Molkerei, weil ein Wechsel zu einer Molkerei ohne einem vergleichbaren Angebot fast immer weniger lukrativ wäre.

Ebenso ist darauf zu achten, dass die Prämie für solche Programme auch tatsächlich am Markt erwirtschaftet werden kann. Ansonsten würde es zu einer Verrechnung mit dem Grundpreis der Molkerei kommen, wodurch der Vorteil schleichend aufgezehrt werden würde. Auch sollten die Vertragspartner darauf achten, dass die vereinbarten Maßnahmen nicht nur Tier- und Umweltschutz verankern, sondern die Grundsätze des wirtschaftlichen Handelns nicht außer Kraft setzen. So darf die Teilhabe am technischen Fortschritt z. B. nicht durch einen Ausschluss von automatischen Melksystemen, einer Bestandsobergrenze oder ein Aufstockungsverbot behindert werden.

Zusätzliche Produktionsauflagen wie die der Weidemilch können die Wertschöpfung in der Milcherzeugungskette erhöhen. Allen Beteiligten muss dabei klar sein, dass Premium­milch nicht zum Discountpreis zu haben ist. Wer – wie zuletzt aus dem LEH zu vernehmen war – behauptet, dass „beim Kauf von Weidemilch keine preislichen Nachteile entstehen würden“, setzt ein Signal in die falsche Richtung. Die Verbraucher haben längst erkannt, dass Milch mit Mehrwert auch mehr wert ist.

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